Sibirien. Monamour

Sibirien. Monamour. Foto: Pressebild

Sibirien. Monamour. Foto: Pressebild

Der zweite Spielfilm des gebürtigen Sibiriers Slava Ross erzählt über das Leben in den dunklen Hütten.

Kein Elch, kein Hase, kein Fasan. Die Fauna rund um das Dörfchen Monamour ist aller tierischen Vielfalt entleert. Nur eine Meute wilder Wolfshunde streift hungrig durch Wald und Unterholz und belagert auch die abgelegene fast verlassene Siedlung, die sich mit ein paar Blockhütten zwischen Bach und hohen Tannenwald duckt. Hier lebt nur noch ein alter Mann mit seinem verwaisten Enkel - ein ärmliches einsames Leben, nur manchmal kommt ein Onkel aus dem fernen Dorf und bringt mit dem Pferdekarren etwas Nahrung. Ljoschka ist sieben Jahre alt, sein einziger Freund ist einer der wilden Hunde, den er nach Jack Londons Wolfsblut benennt. Seine einzige Hoffnung ist die Rückkehr des vermissten Vaters, der – so erzählt es ihm der Großvater - als Soldat und Geheimagent in einer großen Mission unterwegs sei. In Wahrheit ist er längst bei einer Messerstecherei gestorben.

Eine weniger heroische soldatische Wirklichkeit repräsentiert auch der Offizier Aleksander, eine menschliche Zeitbombe von bedrohlicher Aktualität: Wer würde heute nicht an die mordenden Nazis denken, wenn der kahlköpfige und ausgezehrte Mann eine Granate in ein von Moslems betriebenes Café werfen will. Einen Grund dafür hat er nicht - außer dem rassistischen Hass, den er aus zwei Kriegen im Kaukasus mitgebracht hat. Jetzt ist er mit seinem jungen Adjutanten im Jeep unterwegs, um für den Vorgesetzten eine Prostituierte aus der Stadt zu besorgen. Doch das Geld dafür hat er schon versoffen.

“Sibirien. Monamour”, der zweite Spielfilm des gebürtigen Sibiriers Slava Ross beginnt mit grandiosen Panoramen aus der Vogelschau über endlose grüne Hügelketten und wilde Ströme. Und auch später gibt es immer wieder pittoreske Blicke in romantisch vernebelte Landschaften. Doch das Leben in den dunklen Hütten ist ärmlich und hart: Eine brutalisierte Welt, die neben der Arbeit – nur scheinbares Paradox - ebenso von patriarchaler Gewalt wie abwesender Väterlichkeit gezeichnet ist: Die Männer sind im Krieg, traumatisiert oder dem Suff verfallen. Der fromme Großvater ist der einzige, der nicht trinkt. Das Drehbuch von Slava Ross verknüpft die einzelnen Erzählstränge locker bis zum symbolisch überhöhten Ende – wo (nach einem Showdown vor Hammer-und-Sichel-Skulptur im Schnee)  Ljoschkas heroisch-väterliches Wunschbild und durch Affekt erlöste Männlichkeit in einer Figur zusammenfallen. Denn Aleksander wird vom Fast-Mörder und Vergewaltiger zum Frauenfreund und Retter. Ganz überzeugend ist diese Wandlung nicht, der junge Adjutant und – wenig überraschend – die Nutte spielen eine Rolle. Auch sonst ist „Sibirien. Monamour“ einer der Filme, wo Frauen nur sexualisiert als Ehebrecherin oder Hure vorkommen. Dieses, der düstere Grundton und auch manche Motive und Szenen assoziieren deutlich einen ukrainischen Film aus dem letzten Jahr: Sergej Loznitsas “Mein Glück” (Schastye moe). So weit ist die Ukraine von Sibirien wohl nicht entfernt. Nur mit einem hat Slava Ross' Arbeit trotz des Titels gar nichts zu tun: Das ist Alain Resnais’ “Hiroshima - Mon amour”. 

 

Der Film „Sibirien. Monamour“ wird in Berlin im Rahmen der Russischen Filmwoche gezeigt. Vom 30. November bis zum 7. Dezember werden neue russische Spielfilme im Delphi Filmpalast, im Russischen Haus der Wissenschaft und Kultur und im Kant Kino präsentiert. Wie immer werden alle Filme im Original mit deutschen Untertiteln gezeigt. Im Anschluss an die Filmvorführungen hat das Publikum Gelegenheit zu einem Gespräch mit den Filmemachern und Schauspielern. Mehr Informationen zum Programm der Russischen Filmwoche finden Sie in unserem Kulturkalender

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