Der Staat, die Mächtigen und das Theater

Die Tribüne der Herrschenden von innen. Foto: Viktor Senzov

Die Tribüne der Herrschenden von innen. Foto: Viktor Senzov

Das St. Petersburger Alexandrinski Theater zeigt die Mechanismen totalitärer Macht.

Gab es eine Terrorwarnung, droht auch hier ein Anschlag?! Sicherheitsleute kontrollieren im Halbdunkel mit deutschen Schäferhunden jeden Winkel der riesigen Tribünen. Jetzt steigen sie die eiserne Treppe im Zentrum hoch, drehen ihre Runde. Schwarz gekleidete Menschen sitzen oben und tuscheln, stehen unruhig am Geländer, auf der großen Treppe, man sieht sie von hinten. Wen und was erwarten sie? Dann wird ein Mensch wie ein lebloser Sack unter die Tribüne getragen, mit Wasser bespritzt und eilig in einen Anzug gesteckt. „Scheiße!“ ist sein erstes Wort. Der Jüngling ist volltrunken, doch zum Staatsakt muss er sich dem Volk zeigen – das Image verlangt es. Die Staatskapelle spielt, Pauken und Trompeten, Applaus. Schon spricht der neue Regierungschef zur Lage der Nation, eloquent, indes, es fehlt der letzte Schliff, der innere Kultur verrät. Huldvoll verspricht er den Untertanen die Erfüllung ihrer innigsten Wünsche. Das kennt man alles doch irgendwoher?! Wer bedroht die Grenzen des Landes und provoziert  kriegerische Attacken? Ach so, der junge Fortinbras! Wir sind in einem Shakespeare-Stück! In Dänemark! Und Dänemark ist ein Gefängnis, ganz ohne Zweifel. Das hat Hamlet bereits kapiert, denn seine Kommilitonen Rosenkranz und Güldenstern - ein schwules Pärchen - stehen im Dienst des Königs Claudius (Andrej Shimko). Sie beschatten ihn auf Schritt und Tritt, halten ihn unter Alkohol, manipulieren ihn, spielen ihm zynisch die Geisterscheinung des ermordeten Vaters vor. Doch Hamlet erwacht, dreht den Spieß um und wehrt sich aktiv – obwohl er null Chancen hat, sein Erbe anzutreten.

In allen Shakespearschen Königsdramen geht es um die Geschichte des Kampfes um einen Thron oder um die Konstituierung der Macht, jedes endet mit dem Tod des Monarchen und dem Antritt seines Nachfolgers. So auch in der modernen Hamlet-Adaption von Vadim Levanov und der Regie von Valery Fokin auf der Bühne des Alexandrinski Theaters. Aber dieser Hamlet (virtuos: Dmitrij Lysenkov) ist nicht ein von Zweifeln angekränkelter Grübler (den probiert er einmal, wie es sich gehört, zitathaft in schwarzem Wams, steigt aus der Rolle aber gleich wieder aus – sie ist abgegriffen!), sondern ein Sohn der Nomenklatura von heute, der gegen ein tödliches Spinnennetz von willfährigen Lakaien und Spitzeln kämpft. Die Liebe zu Ophelia (Janina Lakoba) ist längst auf der Strecke geblieben, sie ist nur ein Spielball auf dem Feld von Macht und Sex. Polonius, der gar ein schlüpfriges Liedchen zum Besten geben darf, benutzt seine Tochter ohne jeden Skrupel. Nur Horatio, der mit Kopfhörern und Rucksack auftaucht (Andrej Matjukov), steht Hamlet bei, wird zum stillen Beobachter und Zeugen bei der Aufdeckung aller Staatsverbrechen in der „Mausefalle“.

Ophelia und Hamlet auf dem Ball. Foto: Viktor Senzov


Gemausert und erneuert hat sich das ehemals zaristische Alexandrinskij Theater, seit Valery Fokin die Leitung vor zehn Jahren übernahm, gründlich. Als eines der wenigen Staatstheater Russlands wird es aus dem föderalen Topf finanziert und untersteht der Administration des Präsidenten. Gerade hat sich der Premier nach einem Treffen mit führenden Theatermachern dafür ausgesprochen, dass kaufmännische Direktoren sich wieder der künstlerischen Leitung in allen Belangen unterzuordnen haben. Die Frage nach der Priorität von Kunst oder Kommerz hatte in den russischen Theatern in den letzten Jahren zu unproduktiven Konflikten geführt. Anscheinend will der Premier nun auch die künstlerische Intelligenzija für sich gewinnen. Fokin ist ein international renommierter Regisseur, dessen Arbeiten für die höchsten Theaterpreise des Landes nominiert werden. Er sitzt im Rat für Kunst und Kultur des Präsidenten, und just in diesen Tagen wurde er von diesem mit der Ehrenurkunde für seinen Beitrag in die heimische Kultur ausgezeichnet. Erstaunlich angesichts der Tatsache, dass Fokin mit seiner Hamlet-Version eine hochpolitische  Inszenierung zeigt. Tribünen, Massenaufmärsche, Fanfaren -  über die Geschichte von Hamlet werden Innenansichten der staatlichen Machtvertikale transportiert und unverhüllt Kritik an totalitären Praktiken geübt. Praktiken, die manche Zeitgenossen heute wieder tendenziell im eigenen Land beobachten. Und Gertruda (Marina Ignatjeva), die im Hintergrund alle Fäden zieht und ihren Sohn kaltblütig der eigenen Machtpolitik opfert – ist sie eine Metapher für die Rodina-matj, die Mutter Heimat? Die Szenen der Reue, die Shakespeare noch dem Königspaar einzeln zuschrieb, sind gestrichen. Seelenschwärze und  Lügen haben sich längst epidemisch ausgebreitet. Es geht Fokin ums Prinzip der Mechanismen in totalitären Staaten. Das große Mühlrad der Geschichte kreist und wiederholt sich: vom späten Mittelalter, in dem er den großen Kostümball spielen lässt und auf dem Hamlet als durchgeknallter Kellner brilliert, bis in die Zeit der eisernen Diktatoren des XX. Jahrhunderts – oder bis heute.

Mitte Oktober war diese Hamlet-Adaption in Wien am Burgtheater zu Gast, anschließend im Teatr Narodovy in Warschau, überall stürmisch gefeiert. Auch in der Theatermetropole Moskau wurde sie auf Anhieb verstanden – im Gegensatz zum heimischen St. Petersburg, das für sein eher konservatives Publikum bekannt ist. Aber allmählich finden die Jungen in dieses Theater. In der Hamlet-Inszenierung jedenfalls haben die Alten ausgedient. Suggeriert das Hoffnung? Am Ende tritt oben auf der Treppe, die mit Leichen gepflastert ist, kein norwegischer Kriegsherr auf, sondern ein junger, heutiger Fortinbras, ein Kind noch. Aber dieses Kind weiß, dass es die Schleife der Mächtigen fortsetzen und seinen Thron festigen wird, mit allen Mitteln: „Die Leichen entsorgen. Spielt einen Marsch!“ lauten seine einzigen und letzten Worte. Dies darf man - im Gegensatz zur Inszenierung, wo die Entsorgung von Leichen als konkretes Leitmotiv erscheint - metaphorisch verstehen, der „Marsch“ aber wird im nächsten Frühjahr ganz real erklingen, wenn nämlich der neue-alte Regierungschef in Russland im endlosen Machtkarussell vereidigt wird. Vorher aber inspiziert wieder die Security mit den Schäferhunden das Terrain, akribisch, schnüffelnd und beklemmend. Es gibt keine Sieger, nur Besiegte.

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