Noch immer bereit zum Kampf für ein neues Land

Nicht nur Moskau, auch Sankt Petersburg protestiert gegen die Wahlergebnisse. Foto: AP Photo/Dmitry Lovetsky

Nicht nur Moskau, auch Sankt Petersburg protestiert gegen die Wahlergebnisse. Foto: AP Photo/Dmitry Lovetsky

Als ich letzte Nacht nach Hause kam, war ich bestens gelaunt. Ich war klitschnass, hatte knietief im Schlamm gesteckt, die Griffe meiner Handtasche waren abgerissen und ich hatte ein paar blaue Flecken in der Rippengegend. Doch noch nie zuvor habe ich mich besser gefühlt.

Ich war gestern Abend zu der Protestveranstaltung bei den Tschistye Prudy am Moskauer Boulevardring gegangen - nicht als Journalistin, sondern als Bürgerin. Zuvor hatte ich beschlossen, auf keinen Fall meinen Presseausweis zu zücken - ganz gleich, in welche Schwierigkeiten ich geraten würde, denn schließlich ging es hier um meine Stimme, nicht um meinen Beruf.

Das Klima in Russland scheint etwas gegen die Demokratie zu haben, denn die ganze Zeit über fiel kalter Regen auf die auf dem Grünstreifen versammelte  Menge und verwandelte die ehemals gepflegte Rasenfläche in ein knietiefes Schlammbecken. Allerdings schienen sich von den dicht gedrängt stehenden Menschen, die im Laufe des Abends immer enger zusammenrückten, um Neuankömmlingen Platz zu machen, nur Wenige Gedanken um ihr Aussehen zu machen.

Verschiedenen Schätzungen zufolge nahmen zwischen 2.000 und 10.000 Menschen an der Veranstaltung teil. Ich würde behaupten, ich habe mindestens 5.000 bis 6.000 funkelnde Augenpaare gesehen. Es war die erste Demonstration in Moskau von einem solchen Ausmaß. Doch das Wichtigste war die Atmosphäre: Massen von Menschen waren auf die Straße gegangen, und zwar nicht in der Hoffnung, den Betrug und die Manipulationen bei der Parlamentswahl vom vergangenen Sonntag in irgendeiner Weise korrigieren zu können (das haben sie längst aufgegeben). Vielmehr war es für sie eine emotionale Demonstration ihrer Solidarität. Sie wollten einander in die Augen schauen und dadurch bekräftigen, dass - ganz gleich, was das Regime sagt oder tut - sie in ihrer oppositionellen Haltung vereint sind. 

Ein Gefühl von Einmütigkeit lag in der Luft; die von der Bühne kommenden Aufrufe nach einem Wandel, nach fairen Präsidentschaftswahlen, nach einer Zukunft ohne Putin und ohne Einiges Russland wurden von der Menge, die unisono zu atmen schien, dankbar aufgegriffen. "Offensichtlich brauchen wir uns nicht zu besänftigen. Was die Rufe nach Neuwahlen anbetrifft, so gibt es die Wahlen im kommenden März, bei denen wir diesen Männern ganz genau zeigen können, was wir von ihnen halten. Ich möchte feststellen, wir sind selbst dafür verantwortlich, dass es uns in den 1990er Jahren nicht gelungen ist, von der Freiheit in angemessener Weise Gebrauch zu machen. Alles wurde von oben geregelt. Doch in den letzten Jahren hat sich in Russland eine echte bürgerliche Gesellschaft formiert, die nicht mehr verschwinden wird. Ich kann sie regelrecht sehen. Niemals zuvor gab es in Moskau ein derartiges Gefühl der Einmütigkeit und Entschlossenheit", teilte der Schriftsteller Dmitrij Bykow, der Kopf hinter den satirischen Serien des Projekts "Poet und Bürger", der applaudierenden Menge mit.

Ob irgendeine der Bemühungen, die darauf abzielen, die Scharen von Oppositionellen zusammenzubringen, jemals Früchte tragen wird, ist durchaus fraglich. Manche behaupten, es werde sich nichts ändern, während andere die Vorgänge vom gestrigen Abend als Beginn einer Revolution ansehen. Meines Erachtens liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen - wir werden nicht bereits morgen in einer neuen Gesellschaft aufwachen, doch vielleicht wäre dies in einem Jahr möglich. "Ich gratuliere Jedem zu den Ergebnissen dieser Wahlen", sagte Dmitrij Katajew, ein ehemaliger Abgeordneter der Moskauer Stadtduma, Mitglied von Solidarnost und einer der Organisatoren der Kundgebung. "Das tatsächliche Ergebnis der Abstimmung zeigt, dass wir bereits etwas haben, was wir vor Betrügereien schützen müssen. Das ist ein Sieg."

Offensichtlich bestand das wichtigste Ziel des Protestes darin, den Machthabern ein wenig Angst zu machen. In Anbetracht der vielen Soldaten, die heute nach Moskau transportiert wurden, hat es das momentane Regime in der Tat mit der Angst zu tun bekommen.

Anna Arutjunowa ist Chefredakteurin von Russia Profile.

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