Auflösung der UdSSR

Moskau, Anfang Februar 1991: Kundgebung für die Wahrung der Integrität der Sowjetunion. Foto: RiA Novosti

Moskau, Anfang Februar 1991: Kundgebung für die Wahrung der Integrität der Sowjetunion. Foto: RiA Novosti

Die Staats- und Regierungschefs der Russischen Föderation, der Ukraine und von Belarus (Weißrussland) unterzeichneten am 8. Dezember 1991 die Belowescher Vereinbarung und zogen damit offiziell den Schlussstrich unter die Auflösungserscheinungen der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR). Gleichzeitig gründeten sie die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS). In der Sowjetunion - geopolitischer Riese, Welt- und Atommacht - gelang damit eine relativ friedliche Revolution.

Tatsächlich begann der Zerfall der UdSSR aber schon viel früher. 1988 läutete ihn das heutige Estland ein. Der Oberste Sowjet der damaligen Estnischen SSR verkündete zumindest formell seine Hoheit über die lokalen Gesetze und Behörden. 1989 folgten Litauen, Lettland und Aserbaidschan, die vergleichbare Gesetze verabschieden. Spätestens 1990 hatten dann alle Republiken - sogar Russland selbst - auf unterschiedliche Art und Weise ihre Souveränität proklamiert.

Aber erst die Anfang Dezember 1991 in den weißrussischen Wäldern von Belowesch (heute Nationalpark Bialowieza) vorgenommene Unterzeichnung besiegelte das nominelle Ende der Sowjetunion. Sie kann in ihrer Bedeutung mit dem Berliner Mauerfall gleichgesetzt werden. Damit gab es keine Supermacht mehr, die dem Westen etwas entgegenzusetzen hatte.

Jetzt, 20 Jahre nach dem historischen Datum, zerbrechen sich die

Intellektuellen auf der ganzen Welt, insbesondere auch im Westen den Kopf, warum es ihnen in dieser Frist nicht gelang, Russland in einen modernen demokratischen, westlich orientierten Staat zu transformieren.

„Die USA brachten es nicht fertig, ihr Gewicht in die Waagschale zu werfen, damit in Russland eine freie und gerechte Staatsordnung entsteht, die sich auf Rechtsstaatlichkeit gründet“, schreibt Ariel Cohen, Experte für Russland- und Eurasienstudien der  Heritage Foundation, in der New York Times.

Konnte man eigentlich auf schnelle Erfolge hoffen? Darauf, dass der Übergang vom real existierenden Sozialismus in der Sowjetunion zur modernen Demokratie nach europäischen und amerikanischen Verständnis schmerzlos und schnell sein würde? Josef Stalin & Co. brauchten immerhin auch zwei volle Jahrzehnte, bis sie den „endgültigen Sieg des Sozialismus“ ausrufen und ihn in der Verfassung der UdSSR von 1936 formell verankern konnten.

Darüber hinaus gibt es einen weiteren wichtigen Umstand, der Beachtung finden sollte: Unter den Folgen der Oktoberrevolution von 1917, die den Übergang von einer zumindest demokratieähnlichen Gesellschaft zur Diktatur des Proletariats markiert, litt nur eine kleine wohlhabende Oberschicht, also ein kleiner Teil der russischen Gesellschaft. Das einfache Volk hingegen profitierte vom Wohlstand der früheren Oberen und unterstützte deshalb die Revolution. Vor 20 Jahren passierte etwas anderes: Dem Volk wurde das historische Selbstverständnis per Dekret

entzogen. Es musste - ob es wollte oder nicht - seine bis dato gültigen "kommunistischen Ideale" hergeben und bekam dafür nationale Souveränität und "Freiheit". Das Ende der sozialistischen Gleichmacherei war insofern eine einsame Entscheidung der Machthabenden und spiegelte nicht den Willen des Volkes wider.

Gennadi Burbulis gehörte als Stellvertreter von Boris Jelzin zu den Unterhändlern beim Abkommen über die Auflösung der UdSSR und die Schaffung der GUS. Er erinnert sich an die angespannte Lage in diesen Tagen 1991: "Es gelang uns, die Auflösung eines Atomwaffenimperiums friedlich hinzukriegen. Unsere Vereinbarung hat einen grausamen Bürgerkrieg um die Aufteilung des sowjetischen Erbes verhindert. Und wir haben den Kalten Krieg beendet. Bis zum 8. Dezember lebte die Welt am Rande eines nuklearen Krieges."„"Jede Nacht", so berichtet er weiter, "wurden mir Dokumente über den Verbrauch der allerletzten Vorräte vorgelegt - Mehl, Kraftstoff oder Stahl - vorgelegt... Wir mussten das Überleben der Bürger unter allen Bedingungen sichern. Es bestand die Gefahr einer Hungersnot und und des kompletten Zusammenbruchs des wirtschaftlichen Lebens des Landes...   Keine einzige Behörde des sowjetischen Machtapparates funktionierte mehr. Das Land stand am Abgrund des Chaos.“

Doch daran glauben die meisten Russen nach wie vor nicht. Und sie wollen nicht daran glauben. Alle Umfragen über den Zerfall der Sowjetunion belegen ungefähr das Gleiche: Schuld seien Michail Gorbatschow und die ausländische Propaganda. Der populäre Politologe Sergei Kurganjan meint zum Beispiel, dass Gorbatschow der Friedensnobelpreis wichtiger gewesen sei, als der Friede in seinem eigenen Land. Laut Kurganjan wollte Gorbatschow ein Weltpolitiker werden und habe persönlich massiv zur Selbstauflösung der geostrategischen Großmacht beigetragen. Hierbei hätten ihn die Mitarbeiter verschiedener ausländischer Stiftungen, also Geheimdienste, unterstützt, weil sie keinen Rivalen auf der Weltbühne gebrauchen konnten.

Letztendlich besteht das Hauptergebnis dieser vor 20 Jahren eingeläuteten Umwälzung in der tiefen Spaltung der Gesellschaft. Die Einen setzen die gewonnene Freiheit in persönliche Vorteile um, die Anderen kleben nostalgisch an der untergegangenen Sowjetunion. Und die Anderen - und das ist bereits die Mehrheit - werden jedes Jahr mehr. Burbulis äußert sich auf der Suche nach den Ursachen: "Die Menschen vergessen heute ihr Elend und ihre Unfreiheit und denken an das, was sie früher hatten, was angenehm und verständlich war. Die Sowjetunion garantierte den Leuten

Stabilität ohne Wahl, sie garantierte Ordnung ohne Freiheit, sie gab ihnen Garantien ohne Gerechtigkeit."

Man sollte nicht darauf hoffen, dass die ideologische Lücke, die der sowjetische Totalitarismus hinterlassen hat, schnell mit demokratischen Weltanschauungen gestopft wird, ganz gleich, mit wie viel Kraft gedrückt wird. Die Russen haben ihren eigenen Kopf. Man darf sich nicht wundern, wenn viele die Kommunisten wählen, die versprechen, die UdSSR wiederherzustellen.

Doch vorerst stößt tiefe Religiosität in das Vakuum, das der weltliche Untertangeist hinterlassen hat: Die Anzahl der Gläubigen - Christen wie Muslime - verdoppelte sich in den vergangenen zwanzig Jahren.

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