Der große Tag

Demonstration in Moskau. Foto: Ridus

Demonstration in Moskau. Foto: Ridus

Am 10 Dezember 2011 fand in Moskau die größte Protestaktion seit Jahrzehnten statt. Die Demonstranten forderten Neuwahlen und den Rücktritt des „Kreml-Zauberers“ und Wahlleiters Wladimir Tschurow. Die Demonstration besuchte auch unsere Korrespondentin Anastasia Gorokhova.

Es war der Abend davor: zehn Freunde in meiner Küche, Bier und Gespräche über Politik. Fast wie immer. Nur mit dem Unterschied, dass die Meisten der Versammelten sich seit Neustem brennend für die politische Lage im Land interessieren und eine neuen Status genießen: „politische Gefangene“. Dafür, dass sie sich am Tag der ersten größeren Protestkundgebung noch nicht einmal dort, sondern einfach auf der Straße aufhielten, wurden sie von Spezialeinheiten in den Polizeibus gepackt und 48 Stunden festgehalten – bis zur Verurteilung durch ein Gericht, was weder Zeugen, noch Rechtsanwälte zu ihnen ließ. Die Anschuldigung – „Auflehnung gegen Staatsgewalt“. Die Strafe – bis zu 15 Tagen Haft. Meine Freunde hatten Glück und damit nur drei Tage hinter Gittern verbracht. In meiner Küche redeten sie danach über Freiheit und die groß angekündigten Demonstration gegen Wahlfälschungen, an der sie ohne Zweifel teilnehmen wollten.

Vorbereitungen zum Tag X


Am 10. Dezember um 14 Uhr Moskauer Zeit sollte die Stunde der Wahrheit schlagen: die allgemeine Unzufriedenheit mit den Wahlergebnissen bewegte innerhalb von 48 Stunden knapp 40.000 Menschen dazu, ihre Teilnahme an dieser Veranstaltung bei Facebook zu bestätigen. Doch Zweifel darüber, dass eine Massenaktion dieser Art in einer Stadt im verweilenden Dornröschenschlaf tatsächlich möglich ist, blieben. Zumal in den letzten Stunden vor der Demo der Veranstaltungsort geändert wurde: anstelle des symbolisch klingenden „Revolutionsplatzes“ wurde der Bolotnaja-Platz zum Ort des Geschehens. Übrigens übersetzt als „Sumpfplatz“ – nicht besonders beschwingend, auch wenn mit Blick auf den Kreml und was wichtig war -  mit Genehmigung für ein Meeting mit 30.000 Teilnehmern (auf dem Revolutionsplatz waren nur 300 erlaubt). Die Organisatoren der Kundgebung– die „Linke Front“ und die demokratische Bewegung „Solidarnost“ stritten sich dennoch bis zuletzt über Details. Die Kommentare bei Facebook zu diesem Hin und Her erstaunten und freuten gleichzeitig. Viele vielleicht sonst sogar apolitischen Internetuser schrieben: „Verpatzt diese Chance, die uns Bürgern gegeben ist, mit eurer Streiterei nicht. Einigt euch bitte! Viele von uns werden das erst Mal in ihrem Leben bei einer Kundgebung teilnehmen und sind leicht zu verwirren und abzuschrecken!“ Viele gaben auch zu verstehen, dass es bei der geplanten Kundgebung in erster Linie um die geklauten Wählerstimmen geht, und nicht um die Ideen einzelner politischer Bewegungen.

Das weiße Band


 

Das weiße Band

Aus diesem Grund dachte sich Arsen Rewasow, ein bekannter IT-Spezialist, Fotograf und Schriftsteller, ein Symbol für diese Demonstration aus: ein weißes Band. Das Logo dazu – schwarzer Hintergrund, weißes Band in V-Form. Die Idee dahinter – „ in der ganzen Stadt, an Autos, Türgriffe, an Taschen und Jacken weiße Bänder zu binden. Damit man sieht, dass die ganze Stadt gegen Wahlfälschungen ist.“ Am Tag nach dieser Meldung hatten sich schon einige Fußgänger den Appell zu Herzen genommen und strahlten in der grauen Menschenmasse der Rush Hour mit weißen Bändern. Ich kaufte gleich drei Meter zum Verteilen. Auch meine Freunde saßen am Freitagabend damit geschmückt in der Küche.

Der große Tag

Der große Tag war gekommen. Aufgeregt und mit Herzklopfen wie vor einem Rendez-Vous gingen wir gegen 14 Uhr bereits in Richtung Bolotnaja-Platz. Überall waren Menschenmassen, sie kamen aus allen Richtungen. Ihr Ziel war sofort klar. Das weiße Band hatte seine Funktion erfüllt. Die Anzahl der Sicherheitskräfte OMON – im Volksmund Kosmonauten genannt – übertraf alles bisher erlebte. Doch die Schlagstöcke blieben dieses Mal aus. Man wurde das Gefühl nicht los, die Polizei sei – wenigstens in Gedanken – mit uns. Viele Frauen hatten weiße Rosen mitgebracht, die Organisatoren verteilten weiße Luftballons. Das Gefühl einer globalen Einigkeit und gegenseitigen Verständnisses schien alle zu ergreifen. Eine Gruppe von Jugendlichen lief durch die Menge und verteilte Obst. Andere hatten Tee dabei – den sie gerne teilten. Auf den kahlen Bäumen saßen besonders sportliche junge Leute, die immer wieder berichteten, wie viele Menschen schon den Platz umringt haben. Das wir weit über 30.000 waren, war nicht zu bestreiten. Die Opposition redete im Nachhinein von 100.000, die föderalen Fernsehsender von 20.000. Die Goldene Mitte wird es wohl gewesen sein. Eine adrett gekleidete Oma stellte sich neben mich und erzählte von den Demonstrationen 1991 und 1993. Damals waren Millionen auf den Straßen. Doch wenigstens die letzten zwölf Jahre sah man selten mehr als 500 Demonstranten. „Wir werden immer mehr!“, freute sie sich.

Auch ältere Leute trugen das "weiße Band" als Zeichen ihrer Uneinigkeit mit den Wahlergebnissen. Foto: Jan Lieske

Auf der kleinen, wackelig aussehenden Bühne sprachen führende Oppositionspolitiker, wie etwa der Vorsitzende der Jabloko-Partei Grigorij Jawlinskij, aber auch Prominente: Schriftsteller, Journalisten, Künstler. Ganz besonders wirkte die Rede des Schriftsteller Boris Akunin. Er rief die Organisatoren dazu auf ein Koordinationsbüro für weitere Aktionen zu gründen, und einen Dialog mit der Staatsmacht zu führe, konkreten Forderungen zu stellen, nicht locker zu lassen. Die erste davon – Neuwahlen. „Ich habe das Gefühl, dass wir gemeinsam am Anfang positiver Veränderungen stehen“, beendete der Schriftsteller seine Rede. Die Menschenmenge begleitete ihn mit lauten Rufen „Neuwahlen! Neuwahlen!“ von der Bühne. Auch die zahlreichen, mit Liebe und Sorgfalt gebastelten Plakate erregten Aufsehen: „Ich bin kein Schaf“ oder „Gebt mir meine Stimme zurück!“, „Hört auf zu lügen!“,  und „Ihr kennt uns noch nicht!“.

Russlandweite Proteste

In 99 anderen Städten Russlands fanden von Wladiwostok bis Kaliningrad Protestaktionen mit denselben Forderungen statt. „Hauptstadt, wir sind mit euch!“ – hallte es durchs ganze Land und sogar über die Grenzen hinaus. Der Politologe Michail Deljagin – und seiner Meinung schlossen sich viele an – schrieb über die Geburt einer neuen, politischen Nation. „Heute konnten wir seit langer Zeit wieder nicht einfach nur eine Bevölkerung, sondern ein Volk sehen.“ Wie dieses Volk und diese vielleicht neue Zeit, die nun für unser Land beginnt, sich entwickeln wir, werden die nächsten Monate zeigen. Bis zum 24 Dezember hat die Regierung Zeit auf die Forderungen der Demonstranten zu reagieren. Werden keine Reaktionen folgen – könnte die nächste Kundgebung deutlich größer werden. Schließlich haben sich nun viele die Parole „Solange wir einig sind, sind wir unbesiegbar“ zu Herzen genommen.

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