Deutsche in Russland

Prediger Dietrich Rempel, der in Moskau für die Organisation der Auswanderung im Jahre 1929 verhaftet wurde. Foto: Этноконфессия в советском государстве. Меннониты Сибири в 1920 – 1930-е годы. Эмиграция и репрессии. Документы и материалы. Составитель

Prediger Dietrich Rempel, der in Moskau für die Organisation der Auswanderung im Jahre 1929 verhaftet wurde. Foto: Этноконфессия в советском государстве. Меннониты Сибири в 1920 – 1930-е годы. Эмиграция и репрессии. Документы и материалы. Составитель

Wie die Archive berichten, gab es mehrfach Auswanderungswellen. So flohen deutsche Bauern 1929 vor der Kollektivierung aus der Sowjetunion nach Amerika.

Kolonisten mit Privilegien

Dass nach dem Zweiten Weltkrieg und verstärkt nach der deutschen Wiedervereinigung weit über 2 Millionen deutsche Spätaussiedler aus der Sowjetunion, Russland und den Nachfolgestaaten wieder nach Deutschland kamen, ist hinlänglich bekannt. Auch dass die Russlanddeutschen in der Sowjetunion während des Krieges als Kollaborateure galten und 1,2 Millionen von ihnen aus den europäischen Gebieten nach Sibirien, Kasachstan und in den Ural deportiert wurden, ist noch relativ frisch im historischen Gedächtnis. Doch das waren nicht die einzigen Bewegungen.

Nach einigen frühen Ansiedlungen von Westeuropäern im Russischen Reich war es Kaiserin Katharina II. ("die Große"), mit der alles anfing. Sie warb als erste und im großen Stil im Ausland um freie Siedler. Dieser Aufforderung folgten Zehntausende Deutsche aus den vom Siebenjährigen Krieg (1756 - 1763) geschundenen Ländern und Provinzen - der Rheinprovinz, Bayern, Baden, Hessen, Westpreußen und der Pfalz. Sie siedelten sich vor allem im Wolgagebiet ("Wolgadeutsche") sowie in Südrussland und am Schwarzen Meer ("Wolhyniendeutsche") an. Katharina lockte sie mit einer Reihe von Privilegien, darunter mit der Selbstverwaltung auf lokaler Ebene, Deutsch als Amtssprache, Religionsfreiheit, finanzielle Ansiedlungsprämie sowie mit der Befreiung von Militärdienst und Steuern.

Als Glaubensflüchtlinge kamen vor allem Mennoniten, die als „tüchtige Landwirte“ bekannt waren. Sie brachten neben ihrer Kultur ihre eigenen Gerätschaften und eigenes Vieh mit. Gute Ernten und kluge Landwirtschaft führten zu einer wirtschaftlichen Blüte in den von Deutschen besiedelten Gebieten. Kolonisten aus dem Heimatland rückten nach, die Kolonien bildeten Töchter. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts lebten allein an Wolga und am Schwarzen Meer über 650.000 Deutsche. Im Verlauf der Expansion der Deutschen in Russland stieg die deutsche Minderheit im Zarenreich zu einer nicht nur wirtschaftlich erfolgreichen Gruppe auf, sondern erwarb auch finanziellen und politischen Einfluss: Deutsche machten sich im Offizierscorps breit, einige gründeten Banken, andere florierende Unternehmen.


Das konnte nicht ohne Neid und Missgunst bleiben. Das Angleichungsgesetz, das Zar Alexander II. mit der Abschaffung der Leibeigenschaft 1871 erließ, räumte allen bisher Leibeigenen den gleichen Stand wie den Freien und deutschen Bauern ein. Gleichzeitig verloren die Kolonisten ihre Privilegien. Das trieb bis 1912 rund 300.000 Russlanddeutsche entweder wieder zurück ins Deutsche Reich, das gerade gegründet worden war, oder zur Emigration nach Nord- und Südmerika, dem Ziel aller Träume.

Terror und Kollektivierung


Die zweite Auswanderungswelle begann mit dem Ersten Weltkrieg. Zar Nikolaus II. verbot die deutsche Sprache, Enteignungen und Pogrome folgten. Bis zum Revolutionsjahr 1917 waren über 200.000 Russlanddeutsche aus ihren Kolonien ruiniert, vertrieben oder nach Sibirien deportiert. Während des Bürgerkriegs und in den Dürrejahren Anfang der 20er Jahre verschärften Hunger und Zwangsmaßnahmen die Lage der deutschen Bevölkerung. Zu einem erneuten Exodus führte Stalins Terror und die zwangsweise Kollektivierung der Landwirtschaft. Davon betroffen waren auch die Deutschen im Nationalraion Halbstadt oder in Slawgorod in Südsibirien nahe an der Grenze zu Kasachstan, die dort den überwiegenden Teil der ländlichen Bevölkerung stellten. 

Amerika verhieß ihnen die ersehnte Rettung, als das gelobte Land, in dem die Bauern so weiterwirtschaften konnten, wie sie es gewohnt waren: Als Familienbetrieb auf eigener Scholle, mit eigenem Vieh, mit eigenen Geräten. Denn Stalin stellte sie 1929 vor die Alternative: Kolchose oder wirtschaftlicher Untergang. Aber nicht nur in Slawgorod, in den verschiedenen Teilen Russlands saßen insgesamt etwa 700.000 deutsche Bauern auf Ihren Koffern. Amerika erschien als Rettung, als das gelobte Land, in dem die Bauern so weiter wirtschaften konnte, wie sie es gewohnt.



Das Kalkül der sowjetischen Führung war einfach: Die Versorgung mit Lebensmitteln war schwierig, Brot war knapp, in den Städten wurden Lebensmittelmarken ausgegeben. Das Riesenreich Sowjetunion musste Getreide einführen. Jetzt sollte der privaten Landwirtschaft ein Ende gesetzt werden. Von den großen Kolchosen könnte man das Getreide leichter eintreiben als aus vielen Einzelwirtschaften, so die Hoffnung in Moskau. Außerdem würde dies die Bauern, die bislang der Revolution gleichgültig bis ablehnend gegenüber standen, fest in das neue System einbinden. Im ersten Schritt wurden die reichen Bauern, so genannte Kulaken, als Ausbeuter verunglimpft und enteignet. Nutznießer waren arme Landarbeiter, die mit ihren Familien in deren Häuser einzogen. Den Ärmsten der Armen brachte die Kolchose tatsächlich einen wirtschaftlichen Aufstieg.

Massenflucht der deutschen Bauern

Gottlosigkeit und Unzucht


Doch in den deutschen Dörfern funktionierte der Klassenkampf nicht. Zwar galten die meisten Deutschen wegen ihres relativen Wohlstandes und der Größe ihrer Höfe als Kulaken. Doch sie stellten die Mehrheit, und die Versuche der Beamten, die Bauern in die Kolchose zu zwingen oder gegeneinander aufzuhetzen, blieben erfolglos. Die nationale Solidarität war stärker. 


Ein weiterer Aspekt war der Sowjetmacht ein Dorn im Auge: Die Deutschen Sibiriens waren tief religiös, meist Mennoniten, aber auch Katholiken und Lutheraner. Die Prediger der Mennoniten agitierten am eifrigsten für die Emigration. „Der einzige wahrhaft religiöse und moralische Ort ist Kanada. In fünf Jahren wird es in der UdSSR überhaupt keine Religion mehr geben,“ prophezeiten die Prediger Matis und Martens, bevor sie im September 1929 Slawgorod in Richtung Amerika verließen. Die Kolchose erschien ihnen als Hort der Gottlosigkeit und Unzucht. „In dem Kommunen „Lenin“ und „Kalinin“ sind die Frauen Allgemeingut. Deshalb sind alle Männer an Syphilis erkrankt,“ warnte der Mennonit Herbrandt seine Glaubensbrüder, „wer der Kommune beitritt, den erwartet das ewige Verderben.“


Die Prediger agitierten und organisierten die Massenflucht. Den Bauern stellten sie Bescheinigungen aus, dass sie gläubige Mennoniten sind – als Nachweis für die Einreise in Kanada. Einige Prediger standen in Kontakt mit der Russisch-Kanadisch-Amerikanischen Schifffahrtsgesellschaft Ruskapa in Moskau.


Die meisten Deutschen saßen bereits auf gepackten Koffern, Hab und Gut hatten sie verkauft. Das Vieh wurde zum Spottpreis verhökert. Eine deutsche Kommission versicherte sich vor Ort, dass die sowjetischen Regierung die Ausreisewilligen auch ziehen ließ. Die Geheimpolizei OGPU - die Nachfolgeorganisation der Tscheka und Vorgänger des KGB -  stempelte die ganze Aktion als konterrevolutionär ab und beobachtete jeden Schritt der Deutschen.

„Brüder in Not“


Im November 1929 belagerten etwa 15.000 deutsche Emigranten Moskau, um ihre Ausreise zu erreichen. Weitere 80.000 Russlanddeutsche waren bereits unterwegs in die Hauptstadt. Sie lagerten sich in Schrebergärten am Stadtrand, denn sie mussten sich selbst versorgen, bekamen sie doch keine Lebensmittelkarten, weil sie nicht in Moskau gemeldet waren.


Die Notlage ihrer Landsleute erreichte damals die Öffentlichkeit in Deutschland. Zeitungen schockierten ihre Leser mit Schlagzeilen wie „Deutsche hungern in Russland.“ Geld wurde für die „Brüder in Not“ gesammelt. Angesichts der Volksstimmung erklärte sich die deutsche Reichsregierung Mitte November 1929 zur Aufnahme von 4.000 Flüchtlingen bereit. Aus Furcht vor einem internationalen Skandal ließ die Sowjetführung  knapp 6.000 deutsche Bauern ausreisen. Doch zur massenhaften Aufnahme der Flüchtlinge waren weder Deutschland noch  Kanada bereit.  Die Sowjetführung stoppte deshalb die Ausreise, und die Geheimpolizei begann, die Deutschen gewaltsam an ihre früheren Wohnorte zurückzubringen. Dies geschah unter großer Geheimhaltung, denn die Bevölkerung sollte nicht wissen, dass Tausende Deutsche die UdSSR verlassen wollten. Als das Interesse Deutschlands nachließ, redeten die sowjetischen Behörden mit den Russlanddeutschen Klartext.


Viele Bauern wurden als „Kulaken“ in den hohen Norden deportiert. Im Juli 1930 stellte eine Regierungskommission im Slawgoroder Bezirk fest, dass die „deutschen Dörfer katastrophal zerfallen und die Bevölkerung endgültig ruiniert ist. Viele Orte waren leergefegt. Die verbliebenen Bauern kämpften ums nackte Überleben und traten „freiwillig“ in die Kolchosen ein. Wer nicht vom „Amerika-Fieber“ abfiel, erhielt den Status eines „Klassenfeindes“.  Mit ihnen wurde während der großen Säuberung Ende der 30er Jahre abgerechnet.

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