Russlands heilige Insel

Mitten im Onega-See in Karelien befinden sich Kirchen, die es mit den großen mittelalterlichen Kathedralen Europas aufnehmen können. In den Wäldern zwischen dem Ladoga-See und dem Weißen Meer im Nordwesten Russlands lagen einst große Ensembles von Holzkirchen. Heute sind nur noch wenige dieser kostbaren Bauten erhalten.

Fotos: William Brumfield

Das wohl bemerkenswerteste Ensemble der Holzkirchen befindet sich auf Kischi, einer kleinen der fast 1.400 Inseln im karelischen Ladoga-See. So abgeschieden vom Festland galt die Insel schon früh als heiliger Ort. Ihre ungewöhnlich malerische Landschaftskulisse erstreckt sich über eine Länge von sechs Kilometern.

Diese Schönheit allein hätte den Ort nicht vor Verfall und Vandalismus retten können, denen so viele andere Meisterwerke der Holzbaukunst zum Opfer fielen. Im Laufe eines Jahrhunderts haben die Bemühungen einiger führender Denkmalpflegeinstitute in Russland zum Schutz dieses Erbes geführt. Im Jahr 1966 wurde Kischi der Status eines Architektur- und Geschichtsmuseums zugesprochen und 1990 zum Weltkulturerbe der UNESCO erklärt. Die Kischi-Insel beherbergt einige der ältesten Beispiele russischer Holzbaukunst. Dazu gehört auch die kleine Lazarus-Kirche, deren Bau auf das Ende des 14. Jahrhunderts datiert wird.

Das bedeutendste Beispiel für die russische Holzbaukunst ist die Christi-Verklärungskirche, die angeblich 1714 zur Feier des Triumphs der Siege Peters des Großen über die Schweden erbaut wurde, obwohl es auch schon spätestens seit Anfang des 17. Jahrhunderts eine Verklärungskirche auf Kischi gegeben hatte. Die Kirche, die sich unter freiem Himmel im südwestlichen Teil der Insel befindet, bildete das Zentrum eines Pogosts. Mit diesem Begriff bezeichnete man ab dem 18. Jahrhundert einen geschlossenen Friedhof mit einer Pfarr- oder Bezirkskirche.

Wie die Basilius-Kathedrale auf dem Roten Platz in Moskau erzeugt auch die Hauptkirche Kischis mit ihren vielen Kuppeln den überwältigenden Eindruck von Überfluss und Komplexität, wobei diese Gestaltungsweise durch eine strenge strukturelle und ästhetische Logik zustande kommt. Die aufsteigende pyramidenförmige Silhouette der Kirche, deren Höhe 37 Meter beträgt, kennzeichnet den gottgeweihten Boden und ist bereits aus großer Entfernung zu sehen. Die Konstruktionsweise verstärkt diese symbolische Absicht für alle Blickwinkel.

Die Verklärungskirche war zur Nutzung an den wichtigsten religiösen Feiertagen im Sommer bestimmt. In Russland gab es nicht selten Kirchen in Form eines Paares, die jeweils im Sommer oder im Winter genutzt wurden. Die entsprechende „Winterkirche“ Maria Schutz und Fürbitte in Kischi Pogost wurde 1764 gebaut und fügt sich als wundervolle visuelle Ergänzung in das Ensemble ein. Während die Verklärungskirche nach oben ragt, betont die zweite Kirche mit ihrem erweiterten „Refektorium“ die Waagerechte. Ihre Krone besteht aus acht Kuppeln, die die Hauptkuppeln an der Spitze des achteckigen Mittelbaus umgeben. Dieses dramatische Arrangement unterstreicht in passender Weise die Gestalt der Verklärungskirche.

Das abschließende Element des ursprünglichen Pogost-Ensembles von Kischi ist ein Glockenturm mit Zeltdach, der zwischen beziehungsweise vor den beiden Kirchen steht. Dieser aus dem späten 18. Jahrhundert stammende Bau wurde 1874 rekonstruiert und in den frühen 1990er-Jahren restauriert. Das Pogost wird mitsamt dem Friedhof von einem niedrigen Wall umschlossen, der aus waagerechten, auf einer Feldsteinaufschüttung liegenden Baumstämmen besteht.

Im Zentrum und im Norden Kischis stehen Kapellen, die aus umliegenden Dörfern auf die Insel gebracht worden sind. Alle zeigen den stillen Charme und die Schönheit, die so charakteristisch für die traditionelle russische Holzbaukunst an religiösen Orten sind, mit ihren dekorativen geschnitzten Bretterverschalungen und den kleinen Holzkuppeln. Das markanteste dieser Gebäude ist die aus dem 18. Jahrhundert stammende Kapelle der Drei Prälaten, welche aus dem Dorf Kawgora im karelischen Kondopoga-Rajon stammt.

Wenn man die Kischi-Insel verlässt, erblickt man noch einmal die aufragenden Formen der Verklärungskirche. Derzeit wird sie gründlich restauriert, wodurch das Überleben eines der wichtigsten Denkmäler Russlands ermöglicht wird.

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