Wer stehen bleibt, fällt zurück

 Lars Hakan Danielsson, Statthalter der Allianz-Tochter Rosno in Russland. Foto: Pressebild

Lars Hakan Danielsson, Statthalter der Allianz-Tochter Rosno in Russland. Foto: Pressebild

Mit 50 Jahren wollte es Hakan Danielsson noch einmal wissen: Der Schwede übernahm die Leitung der Allianztochter Rosno in Russland und wird ab 2012 den russischen Ableger des deutschen Finanzgiganten Allianz führen. Ein Schritt, zu dem sich wenige in seinem Alter entschließen. Musste er doch das angestammte Leben in seiner schwedischen Heimat gegen das in einem ihm unbekannten Land eintauschen. Mit Lars Hakan Danielsson, Statthalter der Allianz-Tochter Rosno in Russland und designierter Vorstandsvorsitzender der ab April 2012 integrierten russischen Allianz-Töchter, spricht Alexej Roschkow

Warum nehmen Sie die Bürde auf sich?

Warum nicht? Meine Kinder sind aus dem Haus, und nun kann ich mich dem Leben und der Arbeit in einem neuen Land widmen. Die Tätigkeit in Russland ist eine neue Herausforderung, also genau das, was ein Spitzenmanager nach seiner Karriere braucht.

Was halten Sie von Russland?

Mir gefällt es hier sehr gut. Ich kann nicht behaupten, dass ich eine präzise Vorstellung von diesem Land gehabt hätte. Ich habe - wenn überhaupt - nur angenehme Überraschungen erlebt. Die Russen sind sehr liebenswürdig, hilfsbereit und großzügig. Hier gibt es wirklich sehr kompetente Leute. Und wenn man wie ich viel reist, lernt man noch ganz andere Eigenschaften schätzen: Wie man begrüßt und bewirtet wird… Trinksprüche, sogar Lieder! Die Russen sind einfach sehr sympathisch.

 

Und die unangenehmen Überraschungen?

Die Russen tun sich schwer, im Team zu arbeiten; ihre Einstellung ist eher hierarchisch-individualistisch geprägt. Man findet zwar hervorragende und kompetente Manager, aber vielleicht gelingt es diesen nicht immer perfekt, die Fertigkeiten und Kenntnisse ihrer Mitarbeiter optimal zur Geltung zu bringen. Damit hatte ich zwar irgendwie gerechnet, doch nicht in diesem Grade. Ich hatte zuvor nur in den Nachbarländern – Lettland, Litauen und Polen – gearbeitet. Hier ist dieser Zug deutlicher ausgeprägt. Eine meiner wichtigsten Aufgaben besteht deshalb darin, die Angestellten zu integrieren und Teamarbeit zu fördern. Eine kleine Überraschung war für mich auch der Unterschied in der Unternehmenskultur der drei Allianz-Töchter Allianz Russland, Rosno und Progress-Garant in Russland. Er ist weit bedeutender, als ich erwartet hatte.

 

In den letzten Jahren haben einige ausländische Anleger das Versicherungsgeschäft in Russland zurückgefahren. Gilt das für die Allianz nicht?

Nein, wir gehen in die entgegengesetzte Richtung, denn wir weiten das Geschäft aus. Wir sind der Meinung, dass der russische Markt Potenzial besitzt.

Kann man sagen, dass die Allianz „bullish“ gegenüber Russland eingestellt ist?

Mit diesem Kraftausdruck würden sie in der Münchner Konzernzentrale keinen Eindruck schinden. Die Allianz ist ein recht konservatives Unternehmen. Vermutlich ist es besser, allmählich zu wachsen und den Prozess zu kontrollieren, statt sich zu überstürzen. Viele aggressive Unternehmen tauchen auf und verschwinden dann wieder. Wir dagegen sind bereits 100 Jahre auf dem Markt und werden dort bleiben. Die Begriffe „zielbewusst“ oder „entschlossen“ imponieren mir eher. Denn die Allianz ist überaus entschlossen, das Geschäft in Russland auszubauen.

Welche Strategie verfolgt die Allianz in Russland?

Wenn man das Geschäft in Russland im Verhältnis zur dem der gesamten Allianz-Tätigkeit sieht, macht es nicht ihren größten Anteil aus. Doch ist das Wachstumspotenziel, wenn sich die europäische Krise fortsetzt, in Ländern mit einem gesättigten Markt äußerst begrenzt. Unternehmen müssen jedoch wachsen. Es ist mit dem Radfahren vergleichbar. Wenn man stehen bleibt, fällt man um. Deshalb sind die wachsenden Märkte sehr wichtig, denn hier konzentrieren sich die Expansionschancen. Die Aktionäre verlangen Wachstum und Gewinn, und in diesem Zusammenhang spielt der russische Markt eine bedeutende Rolle.

Im russischen Geschäftsleben fehlt es häufig an Transparenz. Es gibt Schmiergelder und andere Erscheinungsformen der Korruption. Wie kann man in diesem Umfeld saubere Geschäfte machen?

Es wäre ein Irrtum zu glauben, dass es in den übrigen Ländern der Welt ein völlig transparentes Geschäftsleben gäbe, dass Bestechungsgelder und Betrug dort überhaupt nicht existierten. Aber in Russland ist dies ein allgegenwärtiges Problem, das anders ist als in den Ländern, in denen ich bisher gearbeitet habe. Allerdings bin ich überzeugt, dass es auch nicht größer ist als, sagen wir, in Lettland. Dadurch ergibt sich ein hohes Risiko für ein Unternehmen, das zu einer Gruppe wie der Allianz gehört, denn wir tun eine transparente Arbeit und brauchen dafür ein transparentes Umfeld. Das bedeutet, dass wir dem Markt hin und wieder den Rücken kehren müssen. So verringert sich das Wachstumspotenzial, und die Angelegenheit wird zu einem schwer wiegenden Problem.

Wieso dann trotzdem Russland?

Der russische Markt arbeitet gegen Provision. Viele Zahlungen werden mit Bargeld geleistet, und man tätigt zahlreiche persönliche Geschäfte. Wie kann man solche Auswüchse bekämpfen? Ich meine, das einzige Mittel ist, langfristig gesehen, die Entwicklung der russischen Gesellschaft. Versicherungen sind ins Gesellschaftsleben integriert. Es wird nie unterschiedliche, separate Regeln für das Versicherungswesen und die Gesellschaft geben. Und dafür sind zwei Gründe verantwortlich.

Der erste ist die wirtschaftliche Entwicklung, denn je mehr wir fortschreiten, desto häufiger kommt es zu Banküberweisungen und desto weniger zu Barzahlungen. Auch die Weiterentwicklung und Vervollkommnung des Rechtssystems erweist sich als notwendig. Eine strenge Kontrolle des Marktes ist äußerst bedeutsam. Und diese Arbeit findet bereits statt. Der Prozess vollzieht sich, wie ich glaube, etwas langsam, doch unaufhaltsam und korrekt. Außerdem habe ich noch einen anderen Grund klar vor Augen - der Mangel an Vertrauen. Manchmal handelt es sich um fehlendes Vertrauen gegenüber Unternehmen - und manchmal gegenüber dem einfachen Menschen.

Russland möchte im Moskauer Gebiet ein internationales Finanzzentrum gründen. Wie stehen Sie dazu?

Ein interessantes Thema. Überall in der Welt gibt es Ambitionen, Finanzzentren zu gründen. Sogar eine kleine Stadt wie Stockholm erhebt derartige Ansprüche. Ich habe aktiv an der Verwirklichung dieser Initiative in Stockholm mitgewirkt, und zwar als Mitglied des Lenkungsausschusses, dem die Finanzinstitute, die Stadt und staatliche Behörden angehörten. Es gab eine Menge Fragen zu lösen: Was ist mit der Infrastruktur? Mit den Steuern? Mit den Experten? Dem Justizsystem?

Was bedeutet das für den Moskauer Finanzplatz?

Für den Erfolg in Moskau sind meines Erachtens mehrere Dinge entscheidend.

Das wichtigste ist die Frage der Kapitalbeschaffung auf lange Sicht. Langfristige Investitionen sind die Grundlage. Wenn man über ein oder zwei Direktinvestitionsfonds verfügt, genügt das nicht als Fundament, sondern man benötigt langfristiges Kapital. Es mag günstig sein, dass die Besitzer solcher Mittel heutzutage ernsthafte Schwierigkeiten haben, sie zu investieren. Soll man Staatsanleihen erwerben? In Ordnung, dafür gibt es einen guten Zinssatz. Aber woher weiß man, ob er auch gezahlt wird? Oder wenn man sich ziemlich sicher darauf verlassen kann, dass er gezahlt wird, fällt der Zinssatz kläglich aus. Gute Beispiele sind dafür langfristige Investitionen etwa Joint-Ventures mit dem Staat. Dabei kann es sich um den Bau von Flughäfen, Straßen oder auch Gefängnisse handeln. Große Infrastrukturprojekte sind eine sehr vorteilhafte Kombination. Dazu gehört auch die Schaffung eines stabilen Rentenversicherungssystems, denn dies sind langfristig gebundene Gelder, die über 20, 30, manchmal 40 Jahre gezahlt werden.

Was ist noch wichtig für den Finanzplatz?

Ein zweiter Punkt betrifft das Humankapital, denn die Verfügbarkeit von langfristigem Kapital und kompetentem Personal stellt nur in Kombination das nötige Fundament dar. Dies garantiert freilich noch keinen blitzschnellen Erfolg. Ein dritter Punkt hat deshalb mit bestimmten Regeln und ihrer Berechenbarkeit zu tun. Denn wenn man auf langfristiges Kapital zugreifen möchte, muss man eine berechenbare Entwicklung der Rechtsgrundlagen und des Aufsichtssystems voraussetzen können. Ich muss mich einfach darauf verlassen können, dass sich die Bedingungen im Laufe von fünf Jahren nicht radikal verändern.

Der Halbzeitwert der ökonomischen Spielregeln und ihre Transparenz sind in Russland aber ein Dauerthema... 

... genau so aktuell wie in anderen Ländern auch. Wissen Sie, ich war einmal auf der Insel Guernsey, wo sich mächtig viel Kapital ansammelt, obwohl die ganze Insel nur so groß ist wie eine Kleinstadt. Der dortige Finanzminister hatte dafür eine ganz platte Erklärung: „Seit 15 Jahren haben wir keine einzige Regel für Investoren geändert.“

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