Für Innovationen kein Geld

Eine Bohrplattform in der Ostsee

Eine Bohrplattform in der Ostsee

Die Havarie der Erdölbohrinsel Kolskaja ist einerseits höchst tragisch, anderseits aber auch symptomatisch. Hinter all dem Jammern und Zetern über unsere Abhängigkeit von Erdöl und Erdgas verbirgt sich die Konfrontation zwischen dem Rohstoffkomplex auf der einen und Spitzentechnologie und Innovation auf der anderen Seite. Bei all diesem Geschrei haben wir völlig elementare Probleme vergessen.

Erstens ist die heutige Erdöl- und Erdgasindustrie in Wirklichkeit ein Industriezweig, der ernsthafte technologische Aufgaben zu bewältigen hat und mitnichten das Erdöl auf primitive Art und Weise aus dem Untergrund pumpen kann. Gegenwärtig werden in Russland im Erruptivverfahren, der einfachsten Technologie, nur ein paar Prozent des Erdöls gefördert. Das heißt, diese Variante ist eher die Ausnahme, und wenn heutzutage eine Lagerstätte im Erruptivverfahren erschlossen werden kann, so ist das eine richtige Sensation. Und selbst diese sind – aus technischer Sicht – höchst  komplexe Systeme. Im Grunde genommen könnte heute  gerade die Erdöl- und Erdgasindustrie in Russland eine reale Nachfrage nach innovativen technologischen Lösungen generieren.

Es verwundert nicht, dass es zu der Havarie auf einer Schelf-Bohrinsel gekommen ist. Das ist der weltweite Trend: Die Förderung verlagert sich vom Festland auf das Meer, und zwar in immer größere Tiefen. So erfolgt zum Beispiel in Brasilien die Förderung in einer Schelftiefe von mehr als 5000 Metern. Und auch hier befinden wir uns in einer ernsthaften Falle, weil die Verlagerung der Förderung auf das Schelf ein realer Trend ist, der besonders in den letzten zehn Jahren verstärkt zu spüren ist. Unsere gegenwärtige Erdöl- und Erdgasindustrie beruht jedoch weitestgehend auf sowjetischen Fördertechnologien. Auch wenn diese wissenschaftlich ausgereift sind, müssen wir begreifen, dass die sowjetische Förderphilosophie die Erdölförderung auf dem Festland bevorzugt hat. All unsere gigantischen Förderkomplexe befinden sich auf dem Festland. Schelf-Projekte gab es  im Wesentlichen nur im Kaspischen Meer. Die Vorhaben, die wir zum Beispiel auf Sachalin in Angriff genommen haben, wurden alle erst nach dem Zerfall der Sowjetunion realisiert und zwar unter Beteiligung ausländischer Firmen. Unser Leistungsvermögen auf diesem Gebiet erwies sich als äußerst begrenzt.

Auch die Bohrinsel Kolskaja wurde übrigens nicht in Russland gefertigt, sondern bereits 1985 in Finnland, wenn auch in der Erdölindustrie 25 Jahre keine sehr lange Zeit sind. Es sollte nicht vergessen werden, dass die wohl schrecklichste Havarie der globalen Erdölindustrie in den letzten Jahren auch auf einer Erdölbohrinsel, und zwar im Golf von Mexiko passiert ist, was die realen Gefahren dieser Fördertechnologie widerspiegelt.

Es stellen sich natürlich völlig vernünftige und begründete Fragen: Wie wurde die Bohrinsel Kolskaja betrieben? Warum befanden sich auf ihr zu einem Zeitpunkt, als sie verlagert wurde und deshalb gar nicht im Förderbetrieb war, 67 Personen? Es bleibt zu hoffen, dass wir die Antworten auf diese Fragen erhalten und es nicht so verlaufen wird wie mit der Untersuchung der  Havarie des Sajano-Schuschensker Wasserkraftwerkes, als erst die Liste der Schuldigen (bis hin zum ehemaligen Energieminister) veröffentlicht worden ist, letztendlich die Schuld aber ein paar Sündenböcken aufgeladen wurde.

Aber um es noch einmal hervorzuheben – hinter all diesen verloren gegangenen Menschenleben steht die globale Frage: Leute, Ihr erzählt ständig vom Rohstoff-Tropf, an dem wir hängen. Aber dieser befindet sich in Wirklichkeit in einem äußerst desolaten Zustand. Es ist zu bezweifeln, dass wir in der Lage sind, auf diese aktuelle Herausforderung zu reagieren. Der Industriezweig, der gegenwärtig einen kolossalen Innovationsbedarf hat, wird mittlerweile als Schandfleck unseres Staates angesehen. Die Branche hat weder das Kapital noch die Möglichkeiten, um irgendwelche Innovationsentscheidungen zu treffen. Und selbst wenn noch ein Dutzend weiterer Schelf-Entwicklungsprogramme verabschiedet wird (das Thema ist halt gerade aktuell und wird diskutiert), werden wir auch weiterhin vor dem gleichen Problem stehen, dass der Staatshaushalt durch die Erdölindustrie gespeist und sie deshalb so hoch besteuert wird, dass keine Mittel mehr für deren Entwicklung verbleiben. Wir werden uns dann auch weiterhin wundern, dass die Bohrinseln in Finnland eingekauft werden und diese dann beim Transport untergehen und das Leben unserer Mitbürger mit sich reißen. Es sei denn, wir ändern prinzipiell unser Verhältnis zur Erdöl- und Erdgasindustrie!

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Zeitschrift Expert.

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