Die neue Kraft gegen Putin

Zwischen dem 5. und 10. Dezember hat sich eine historische Wende abgespielt: Auf die Straße sind Menschen gegangen, die sich früher überhaupt nicht für Politik interessierten.

Der Lauf der Geschichte ist kein glatter und kontinuierlicher Prozess, er war stets vom Wechsel zwischen abrupten Geschehnissen und ereignislosen Phasen gekennzeichnet. Das sage ich für alle Fälle, um selber nicht meine eigenen Erwartungen zu hoch anzusetzen. Der Prozess der Veränderungen könnte sich in die Länge ziehen. Doch ich kann schon heute ohne zu zögern sagen, dass wir uns mitten in einer historischen Umbruchphase befinden.

Wir sind Zeugen eines Zusammenstoßes zwischen der alten und der neuen Elite geworden. Zwischen jenen, die an der Macht sind und jenen, die danach streben. An solchen Zusammenstößen gibt es an sich nichts Ungewöhnliches. In Ländern, wo politische Konkurrenz herrscht, kommen diese immer wieder vor. Doch in all diesen Ländern handelt es sich bei diesen Konkurrenten um zwei Parteien, Koalitionen oder Politiker.

In unserem Fall treten jedoch zwei ungleiche Kräfte gegeneinander an. Die eine wird durch Wladimir Putin personifiziert, während die andere sich noch auf keine Führungsperson einigen konnte. Die eine gleicht eher einer Pyramide, während die andere als Netzwerk auftritt. Innerhalb der Pyramide herrschen enge Verbindungen zwischen Patrons und Klienten und die gnadenlose Verteidigung der geschäftlichen Interessen vor. Das Netzwerk ist hingegen durch undeutliche Verbindungen zwischen „friends“ gekennzeichnet. Wir haben es mit einem Konflikt zwischen zwei völlig unterschiedlichen gesellschaftlichen Erscheinungen zu tun. Macht und Nichtmacht stehen einander gegenüber: Auf der einen Seite steht der Mensch, der vor Kurzem noch von sich behaupten konnte „der Staat bin ich“, auf der anderen stehen Menschen, die von sich sagen „der Staat, das bin nicht ich“.

Der Staat ist dermaßen diskreditiert, dass es für Leute ohne übermäßig entwickelten Zynismus bis vor Kurzem völlig unvorstellbar war, sich als dessen Teil zu fühlen. An diesem Mechanismus teilzunehmen, wäre noch schlimmer, als „deren“ Fernsehsender zu schauen. Es würde bedeuten, zusammen mit „ihnen“ zu verkommen. Das Verlangen, an die frische Luft hinauszugehen, etwas zu unternehmen, was nicht mit der Geschäftswelt des Staates, mit Öl und Gas zu tun hat, ist stärker denn je. Eine Partei für Menschen mit diesem Verlangen gab und gibt es nach wie vor nicht. Solche Interessenvereinigungen wurden von den Kremlmanagern stets im Keim erstickt. Doch, wie sich herausstellte, existieren die Menschen selbst immer noch. Und sie sind auf natürliche Art zu einem Netzwerk zusammengewachsen, das sich bis jetzt ausgezeichnet zu koordinieren weiß. Ob es wirklich den Willen und die Kraft aufbringen wird, den einst weggenommen Staat den Bürgern wieder zurückzugeben, wird sich weisen. Zunächst steht eine andere Probe vor: Wird die Bewegung es schaffen, einen charismatischen Leader hervorzubringen und sich auf diesen zu einigen? Denn dafür müssen auch Opfer erbracht werden, in erster Linie in Form eines teilweisen Verzichts auf die „Markenzeichen“ des Netzwerks: Gleichheit und Dynamik.

Auf jeden Fall ist die Opposition dank dem neuen Netzwerk erstarkt. Putin hat vielleicht immer noch den Eindruck, es handle sich alles in allem um einen schwachen Gegner. Es ist aber offensichtlich, dass dieser Gegner stark ist. Er tanzt den Machthabern auf der Nase herum, während diese ihm immer einen Schritt hinterher hinkt. In ähnlicher Weise waren sowohl die Zarenmacht als auch die sowjetische Führung stets ewiggestrig. Auch Putin hat den Anschluss bereits verpasst, indem dem Volk nun anbietet, einen Teil dessen, was er ihm weggenommen hat, zurückzugeben. Solche Eingeständnisse kommen zu spät und reichen nicht aus. Die Zurückgebliebenheit der Machthaber ist in der Geschichte Russlands eine solch häufige Erscheinung, dass jeder Regent sich darin bestens auskennen sollte. Doch fast keiner von ihnen hat das geschafft – sie waren immer zu spät.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Tageszeitung Vedomosti.

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