Das russische Silicon Valley im Kleinformat

Westliches Management für russische Manager: die Skolkowo Business School. Foto: Pressebild

Westliches Management für russische Manager: die Skolkowo Business School. Foto: Pressebild

Vor einem Jahr wurde der Grundstein für ein gigantisches Forschungszentrum gelegt. In fünf Kernbereichen bietet Skolkowo Wissenschaft und Industrie eine neue Heimat.

Man schrieb das Jahr 1984, als Russlands größte IT-Erfolgsgeschichte ihren Lauf nahm. Der Moskauer Programmierer Alexej Paschitnow erfand einen bunten, fesselnden Zeitvertreib: Als Nebenprodukt seiner Arbeit für die Akademie der Wissenschaften modellierte er Kästchenreihen, die auf dem Bildschirm von oben nach unten rieselten und richtig zusammengesetzt werden wollten. Die Software erfreut sich bis heute großer Beliebtheit. Ihr Name ist Tetris. Ob ausgerechnet ein Computerspiel als leuchtendes Beispiel für technischen Fortschritt fungieren kann, darüber gehen die Meinungen auseinander. Doch international konkurrenzfähig ist ansonsten nicht vieles, was in Russland entsteht.


Erzwungene Modernisierung


Jetzt ist es die Regierung, die schöpferischen Geistern aus Wirtschaft und Wissenschaft gleich eine ganze Stadt bauen lässt, um den Modernisierungsprozess in Gang zu setzen – zunächst auf 600 Hektar Fläche westlich von Moskau. Im Innovationszentrum Skolkowo sollen in den nächsten 
Jahren Arbeitsplätze für 30 000 Menschen entstehen, von denen die Hälfte vor Ort auch mit Wohnungen versorgt wird. Dieses russische Silicon Valley im Kleinformat, so die Entwürfe, gliedert sich in fünf Stadtbezirke. Sie entsprechen den fünf Forschungs- und Industriezweigen der Modernisierungsagenda, die Präsident Dmitri Medwejdew bereits 2009 benannt hatte: Biomedizin, Energietechnologien, IT, Kernkraft und Raumfahrt. In Skolkowo werden daraus sogenannte Cluster. Das Projekt lässt sich der Staat allein von 2011 bis 2013 rund 54 Milliarden Rubel kosten, umgerechnet 1,3 Milliarden Euro. Noch einmal so viel soll die Privatwirtschaft beisteuern.


Seit Anfang des Jahres gingen bei der Stiftung Skolkowo, die das Vorhaben realisiert, bereits mehr als 4000 Anträge von russischen Firmen ein, die sich dem Projekt anschließen wollen. 1000 wurden bisher bearbeitet, 215 davon positiv bewertet. Mit der Zusage sind Fördermittel in unterschiedlicher Höhe sowie erhebliche Vergünstigungen verbunden, die schon heute in Kraft treten. Unter anderem werden eventuelle Einfuhrzölle zurückerstattet. Man biete „äußerst vorteilhafte Bedingungen“, sagt Roman Romanowskij, der im Fonds für die Großkunden zuständig ist. Die Firmen – im Businessjargon der Verantwortlichen als „Residenten“ bezeichnet – verpflichten sich im Gegenzug, nach Skolkowo umzuziehen, sobald dort die nötige Infrastruktur vorhanden ist.


Dort, wo Ideen blühen


Der Grundstein für das Innovationszentrum wurde vor einem Jahr gelegt, zu sehen ist auf dem Gelände nahe des Moskauer Autobahnrings bisher kaum etwas, und selbst Mitarbeiter des Fonds Skolkowo räumen hinter vorgehaltener Hand ein, den Weg dorthin nur vom Hörensagen zu kennen. Doch schon Mitte 2012 soll das erste Gebäude, der „Cube“, bezugsfertig sein. Es wird Verwaltungssitz der Stiftung sein, die bisher exterritorial agiert.


Die Spitzenämter im Innovationszentrum sind paritätisch mit Russen und Ausländern besetzt. Der Stiftungsrat wird von Wiktor Wekselberg, Besitzer der russisch-schweizerischen Renova Holding, und von Intel-Chef Craig Barrett geleitet. Dem Wissenschaftsbeirat stehen Schores Alfjorow (Physik-Nobelpreis 2000) und Roger David Kornberg (Chemie-Nobelpreis 2006) vor. 


Schon einmal gab es eine ähnliche Idee in Russland: „Wissenschaftsstädte“ wie Obninsk oder Dubna aus Zeiten des Kalten Krieges, die jedoch bis heute ein Geist der Geheimhaltung umweht. Skolkowo, auf der grünen Wiese errichtet, soll anders sei: weltoffen, kooperativ, kommerziell. Neben russischen Unternehmen sind schon mehr als 20 namhafte westliche Partner im Boot, große Unternehmen wie Microsoft, Nokia, Cisco. Sie wollen auf unterschiedliche Weise im Innovationszentrum tätig werden. 

Die Blume des Lebens

Was wird in Skolkowo gemacht? Ein Beispiel.

Siemens, 
traditionell stark in Russland engagiert, beziffert die Höhe seiner geplanten Investitionen auf 
40 Millionen Euro und will sich an Forschungsprojekten in vier der fünf Cluster beteiligen. Außerdem sei man auch an einer 
Verbesserung der Infrastruktur interessiert, so Alexander Awerjanow, Skolkowo-Projektleiter bei Siemens Russland.


Auch Kritiker machen mit


Skolkowo ruft jedoch auch Kritiker auf den Plan. Der Oligarch Michail Prochorow kritisiert, dass alles Geld nur in ein einziges Projekt fließe: Auch Wissenschaft müsse konkurrieren, sagte er jüngst der Zeitung Kommersant, man hätte lieber zehn solcher 
Zentren finanzieren sollen. „Skolkowo ist doch genau das Gegenteil des von unten gewachsenen Silicon Valley“, meint auch Georgij Patschikow, Gründer des Software-Unternehmens Parallel Graphics. „In Russland lohnt es sich nicht, erfolgreich zu sein, weil morgen schon alles anders sein kann.“ Die Idee sei aber zweifellos richtig, deshalb habe auch er einen Antrag gestellt.


Tino Künzel ist Redakteur der Moskauer Deutschen Zeitung.

Vorgaben für ausländische Bewerber


Wer sich in Skolkowo niederlassen möchte, muss auf elektronischem Wege ein Innovationsprojekt einreichen. Von Antragstellern wird ein Businessplan erwartet, der überzeugend darlegt, worin das Innovative an dem Projekt besteht und wie es kommerziell umgesetzt werden soll. Außerdem sind zwei Gutachten eines externen wissenschaftlichen Konsultanten und eines ausländischen Fürsprechers vorzulegen. Das soll helfen, Kreativität im stillen Kämmerlein ohne konkrete Vorstellungen bezüglich ihrer Realisierbarkeit vorzubeugen.


Die Projektanträge werden der Expertenkommission des betreffenden Clusters zugeleitet, die aus Russen und Ausländern besteht. Um ein maximal unbefangenes Urteil zu erreichen, erfolgt die Prüfung zunächst anonym ohne Nennung des Absenders.


Bewerber teilen sich in drei Kategorien, je nach Größe des Unternehmens. Start-ups können bis zu 700 000 
Euro an Fördergeldern für ihr Projekt 
bekommen, bei 30 Prozent Eigenanteil. Mittelständischen Unternehmen winken bis zu 3,5 Millionen Euro, Großunternehmen sogar über vier 
Millionen Euro, bei jeweils 50 Prozent Eigenbeteiligung.


Firmen, die den Zuschlag erhalten, können und müssen ihren Sitz nach Skolkowo verlegen, wenn das Innovationszentrum seinen Betrieb aufnimmt. Nach jetzigem Stand ist das am 1. Januar 2014 der Fall.

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