Märchen, Kitsch und Weihnachtsbriefe

Väterchen Frost lebt mehr als 1.000 km nordöstlich von Moskau, inmitten von Kiefernwäldern hoch oben auf einem Felsvorsprung über dem Fluss Suchona. Vor zwölf Jahren erklärte der kürzlich abgesetzte Moskauer Bürgermeister Jurij Luschkow das in einem Wald gelegene, idyllische Städtchen Welikij Ustjug zur offiziellen Heimatstadt vom russischen Nikolaus.


Fotos Phoebe Taplin

Das als "Wotschina" - auf Deutsch "das Gut" - bekannte Anwesen von Väterchen Frost befindet sich außerhalb des Städtchens in einem malerischen Kiefernwald. Den Mittelpunkt bildet der aus Holz gebaute "Terem" - das Haus, in dem Väterchen Frost einst gelebt haben soll. Das satinbezogene Bett mit geschnitztem Kopfteil und die weichen Pantoffeln wirken nicht gerade sehr überzeugend, doch das über zwei Meter große Väterchen Frost  mit seiner markerschütternden Stimme und seinem fast schmerzhaften Händedruck besitzt eine überwältigende Präsenz. Um den Mythos aufrechtzuerhalten ist die tatsächliche Identität des hünenhaften Schauspielers, der Väterchen Frost verkörpert, ein streng unter Verschluss gehaltenes Betriebsgeheimnis.

Das russische Väterchen Frost ist stärker historisch geprägt als der im Westen übliche, kommerziell angehauchte Nikolaus. Obwohl sein Mantel oftmals rot ist und auch er seinen langen weißen Bart stolz zur Schau trägt, kommt er eher streng als fröhlich daher, und seine bestickte Kleidung variiert je nach Jahreszeit - schließlich übt Väterchen Frost das ganze Jahr über seine Anziehungskraft aus. Der Kleiderschrank von Väterchen Frost enthält deshalb sowohl Umhänge aus dunklem Samt und glitzerndem Silber als auch blassblaue Seide und Leinen aus Wologda für den Sommer - und natürlich dürfen auch die Filzstiefel, die sogenannten Walenki, nicht fehlen.

Zu den weiteren Attraktionen im Wald von Väterchen Frost zählt der "Märchenpfad", ein Parcours durch den Wald, auf dem die Touristen vielen Charakteren aus den russischen Volksmärchen begegnen können. Einige davon sind sehr bekannt, wie die Hexe "Baba Jaga", die von einem Mann in Frauenkleidung verkörpert wird, wohingegen es scheint, dass "Baba Jagas" gutes Gegenstück, die wärmende Großmutter "Zar Baba", vor allem für die Besucher erfunden wurde, die in einem Blockhaus mit Trockenblumen am Kamin sitzen und Kräutertee aus dem Samowar trinken.   

Die Werkstatt von Väterchen Frost befindet sich im ersten Obergeschoss, gleich neben dem Thronsaal. Kinder und Erwachsene können hier ihre eigenen Souvenirs herstellen. Dazu zählen Schmuck aus Birkenrinde mit aufgedruckten filigranen Mustern, traditionelle Stoffpuppen und Spitzendeckchen. Das Spitzenklöppeln hat in der Region eine alte Tradition.

Die Poststelle von Väterchen Frost direkt neben dem Stadthaus nimmt bei dem ganzen Schauspiel einen der aktivsten Parts ein. Bei der Poststelle sind seit 2003 fast zwei Millionen Briefe eingegangen. Ljudmila Suranowa, eine von elf Vollzeitkräften, erklärt uns, dass in der Hauptsaison vierzig zusätzliche Mitarbeiter beschäftigt werden, damit die Briefflut bewältigt werden kann. Einige der Briefe stammen von Kindern, die Probleme haben - oftmals in der Schule. Nach Aussage von Frau Suranowa versucht die Poststelle so gut wie möglich zu helfen.

Einmal wurde einer Familie, die sich von Väterchen Frost eine Kuh gewünscht hatte, tatsächlich eine Kuh geschenkt. Immer häufiger treffen auch Briefe aus dem Ausland ein, allerdings werden sie nicht immer beantwortet. "Bedauerlicherweise sprechen die Helfer von Väterchen Frost nicht alle Sprachen der Welt, doch englische, französische und möglicherweise auch deutsche Briefe können wir beantworten", erklärt Frau Suranowa.

Die Seen und Flüsse in der Region frieren ab Mitte November zu, und dann beginnen die Festlichkeiten, unter anderem auch die offizielle Geburtstagsfeier von Väterchen Frost. In der Zeit zwischen dem Geburtstags- und dem Silvesterfest begibt sich Väterchen Frost auf eine Dienstreise durch ganz Russland, die schließlich mit dem Anzünden des zentralen Weihnachtsbaums in Moskau ihren absoluten Höhepunkt erreicht.  

Auch Moskau hat ein eigenes, wenn auch viel kleineres Domizil von Väterchen Frost vorzuweisen, dem das Väterchen Frost aus Welikij Ustjug natürlich auch einen Besuch abstattet. Doch dem Städtchen ist es gelungen, den ursprünglichen Geist von Weihnachten zu bewahren, obgleich auch eine große Dosis an neumodischem Kitsch hinzugekommen ist.

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