Gerüchte um Musikgenie Gergijew

Walerij Gergijew, russischer Dirigent und künstlerischer Leiter des St. Petersburger Mariinski-Theaters, muss sich um seinen Arbeitsplatz keine Sorgen machen. In seiner Rolle als charismatischer Kulturbotschafter ist er außerordentlich erfolgreich. Seine Vision für das Mariinski-Theater überragt bereits heute das Moskauer Bolschoi-Theater. „Manchmal fragen die Menschen, was die russische Seele ist. Darauf gibt es keine Antwort. Aber wenn man Tschaikowskis Symphonien hört, kommt man der Antwort ein Stück näher“, sagt Gergijew. Vermutlich deswegen kommt der Künstler seit dem Beginn seiner Tätigkeit am Mariinski immer wieder auf Tschaikowski zurück.

Sowohl Walerij Gergijew als auch das Mariinski Theater haben einen langen und steinigen Weg hinter sich. Seit Beginn der 1990er Jahre hat die Theaterkompagnie mit ihrem führendem Kopf Gergijew viel erreicht. Im Chaos nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion konnte sich Gergijew als energische und charismatische Führungskraft einen Namen machen. Zu jener Zeit gingen staatliche Unterstützungsgelder für die Kunst dramatisch zurück, die Theater kämpften ums Überleben und verloren ihre besten Talente. Noch zu Sowjetzeiten war das Moskauer Bolschoi-Theater von der Obrigkeit stets protegiert worden, die besten Talente des Landes wurden nach Moskau geholt.

Nach dem Ende der Sowjetunion jedoch war das Bolschoi nicht in der Lage, den Künstlerexodus zu stoppen. Ohne Geld und Talente musste das berühmte Theater seinen Platz schnell an das von Gergijew geleitete Mariinski abtreten. Gergijew unterschrieb Plattenverträge mit Philips um das Mariinski zu einer internationalen Marke zu erheben. Die Auslandstourneen des Theaters wurden jeweils mit schwärmenden Kritiken überhäuft.  

Gergijew rekrutierte und förderte vielversprechende Vokaltalente. Aufstrebende Sängerinnen und Sänger zog es nun eher nach St. Petersburg als nach Moskau. Nicht wenige der großen Stars von heute haben ihren Aufstieg unter Gergijew im Mariinski-Theater begonnen. Olga Borodina erhielt hier, noch als Studentin im nebenan gelegenen Konservatorium, die weibliche Hauptrolle der Marta in der Oper „Chowanschtschina“. Anna Netrebko begann ebenfalls hier ihre Karriere. „Es ging ums Überleben: Schwimmen oder untergehen“, charakterisierte ein Sänger Gergijews Ansatz.

Heute stehen das Bolschoi und das Mariinski vor ähnlichen Herausforderungen: Mit der wiedereröffneten Hauptbühne hat das Bolschoi 1750 Sitzplätze hinzugewonnen. Die zweite Bühne des Mariinski, die sich seit 2003 im Bau befindet, sollte der St. Petersburger Theaterszene etwa ebenso viele neue Sitzplätze bringen. Beide Theater werden genug damit beschäftigt sein, diese neuen Freiräume mit talentierten Sängern und qualitativ hochwertigen Produktionen zu füllen, um alle Tickets zu verkaufen. Gergijew gibt sich gelassen: „Ich mache mir keine Sorgen um die Zukunft der klassischen Musik. Manche Leute mögen klassische Musik, manche nicht. Doch ich denke nicht, dass wir wegen, sagen wir, sechs Millionen Menschen, die sich nicht für klassische Musik begeistern, beunruhigt sein sollten. Das ist kein Problem, schließlich gibt es weitere 100 Millionen, die sie lieben. Wir müssen die Musik nur gut darbieten.“

Seit Gergijew das Mariinski leitet, hat sich an seiner Mission nicht viel geändert. Unter der Marke Mariinski verstehen sich nicht nur das Theater samt Orchester, sondern auch die zahlreichen von ihm  entdeckten Talente. Diese Marke im Ausland zu vermarkten, ist nach wie vor eine seiner Prioritäten. Doch auch die Entwicklung und Expansion zuhause, in Russland, wo Gergijew als musikalischer Erlöser gilt, ist ihm nicht minder wichtig.

Auch wenn das bisher nicht geschehen ist, gibt es hartnäckige Gerüchte, Gergijew könnte das Bolschoi in Moskau übernehmen. Als Gergijew damit beauftragt wurde, dem traditionellen Moskauer Internationalen Tschaikowski-Wettbewerb neuen Glanz zu verleihen, verlegte er kurzerhand zwei Wettbewerbsdisziplinen, Violine und Gesang, nach St. Petersburg und begründete dies damit, dass Moskau nicht über genügend Kapazitäten für einen solch großen Event verfüge. Die Moskowiter waren dementsprechend unzufrieden und schimpften, Gergijew stehle Moskaus kulturelles Erbe. Seit längerem geistern nun Spekulationen herum, Gergijew könnte die Kontrolle über beide Theater übernehmen und so „die alten imperialen Theater wiedervereinigen“.

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