Neuer Wein in teueren Schläuchen

Foto: Itar-Tass

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In Russland einen guten Wein zu einem angemessenen Preis zu finden, gleicht der sprichwörtlichen Suche nach einer Nadel im Heuhaufen. Während die Nachfrage nur langsam ansteigt, haben gleichzeitig neue Verbrauchergesetze für alkoholische Getränke die Importe erschwert. Sogar die große Politik beeinflusst das Weingeschäft.

Etwa 190 Millionen Liter Wein importierte Russland in den ersten neun Monaten des Jahres 2011. Dies entspricht ungefähr einem Drittel des Gesamtumsatzes in diesem Marktsegment und erreicht den Umfang der Weinimporte des gesamten Jahres 2010.

In den letzten zehn Jahren hat sich insbesondere der Absatz von Produkten ausländischer Anbieter vergrößert. So wurden allein aus Deutschland über 10.000hl Qualitätswein im Wert von etwa 200 Millionen Euro nach Russland exportiert – das meiste davon aus Rheinhessen. Spanien hat seinen Anteil am Importaufkommen seit 2001 von einem Prozent auf 15,2 Prozent gesteigert. Frankreich hingegen hatte bereits vor zehn Jahren einen Marktanteil von 5,6 Prozent und ist mit 21,9 Prozent der gegenwärtige Marktführer. Die größte Veränderung ihrer Marktanteile haben jedoch Georgien und Moldau zu verzeichnen. Der Import ihrer Weine wurde 2006 verboten.

Unabhängig vom Ursprungsland, so schätzen Kenner der Branche ein, ist der Preis die größte Barriere für einen höheren Absatz. “Was Sie hier auf dem Markt finden, sind sehr billige amerikanische Weine“, erklärt Sylvia Nestorov, eine passionierte Weinliebhaberin, die von Kalifornien nach Russland gezogen ist. “Dann gibt es da andererseits sehr teure Weine, die, ehrlich gesagt, nicht von bester Qualität sind. Und es gibt einige gute Weine, dazwischen jedoch existiert nichts“. Abgestoßen durch die hohen Preise und die niedrige Qualität, begann Nestorov im August 2011 Weine aus dem kalifornischen Sonoma Valley zu importieren und damit in den hiesigen Markt einzusteigen.   

Jedoch ist die niedrige Nachfrage nach Wein nicht gerade ermutigend. Der Markt alkoholischer Getränke wird durch Wodka und Bier beherrscht. Laut einer Marktstudie von RosBusinessConsulting aus dem Jahre 2011 trinken lediglich 26 Prozent der russischen Konsumenten Wein.

“Niedrige durchschnittliche Monatslöhne sind ein anderes Haupthindernis für das Wachstum der Weinwirtschaft“, sagt Wadim Drobis, Direktor des Forschungszentrums für föderale und regionale Alkoholmärkte. “Aufgrund der Unterschiede im Durchschnittslohn sei Wein in Russland im Durchschnitt vier bis fünfmal teurer als in Europa.

Die Wiederverkäufer wiederum versuchen trotz der niedrigen Durchschnittseinkommen hohe Gewinne zu erzielen, und zwar auf Kosten der Verbraucher. “Bei einem Wein der Mittelklasse kostet eine Flasche bei mir sechseinhalb bis sieben Euro und wird dann mitunter für achtzig Euro in den Läden angeboten“, sagt Kamyar Vossoughi, Abteilungsleiter des italienischen Weinhändlers Scriani. “Durchschnittlich schlagen Weinhandlungen und Restaurant das Vierfache des Einkaufspreises auf“, sagt Nestorov.

Infolge dieser Einflussfaktoren wurden in den ersten neun Monaten diesen Jahres nur 700 Millionen Liter Wein, sowohl Importware als auch einheimische Marken, verkauft. Im gleichen Zeitraum erreichte der Bierumsatz 8,2 Milliarden Liter, bei Wodka waren es 1,1 Milliarden Liter.

Im Januar 2011 wies die Föderale Regulierungsbehörde für alkoholische Getränke die einheimischen Hersteller alkoholischer Getränk an, eine Unbedenklichkeitskontrolle für ihre Produktionsstandards einzuführen, während zur gleichen Zeit viele Großhändler damit beschäftigt waren, ihre Lizenz zu erneuern.

Die Zahl der Erzeuger hochprozentiger Getränke und Wein fiel in Russland in den letzten anderthalb Jahren um ungefähr 40 Prozent und die der Großhändler um ungefähr 50 Prozent, sagt das Forschungszentrum für föderale und regionale Alkoholmärkte. Diese Entwicklung habe bei Lieferanten, Großhändlern und Erzeugern große Probleme in der Logistik verursacht.

Regulieren oder Deregulieren?


Laut dem Forschungszentrum für föderale und regionale Alkoholmärkte zielt die Regierung mit ihrem Vorgehen darauf ab, den Wettbewerb zu reduzieren, indem sie schwächere Marktteilnehmer eliminiert. Die Politik strebe danach, Russland zu einem Global Player zu machen, indem sie die Zahl der Hersteller und Großhändler verkleinert. Weinerzeuger sollten gegen diese Politik ankämpfen, fordert das Forschungszentrum.

Die Behörden haben ihre eigene Sicht darauf, wie sich die Weinindustrie entwickeln sollte. „Überall in der ganzen Welt besteht der Alkoholmarkt aus Monopolen“, erklärte Wiktor Swagelskij, Duma-Abgeordneter und Vorsitzender des Unterausschusses für die Regulierung von verbrauchssteuerpflichtigen Waren in einem Interview mit Navigator-Kirov.ru. “Sogar in Ländern, in denen die Regierung viel mehr Wert auf Staatsmonopole legt, wird die Produktion alkoholischer Getränke von Großkonzernen kontrolliert“, gibt er zu bedenken. Kleine und mittelständische Unternehmen seien nicht dazu fähig, Alkohol in hoher Qualität zu produzieren.

Wirtschaftsexperten stimmen dem nicht zu. “Es ist wichtig, kleine junge Importhändler zu haben“, widerspricht der italienische Weinerzeuger Giovanni Laconis. “Ich war in Großbritannien, und da gibt es immer mehr 27- bis 30-jährige Jungunternehmer mit neuen Ideen. Hier dagegen haben die großen Importhändler ein Monopol, und wenn Sie nicht eine berühmte Marke vertreiben, ist es sehr schwer, ihr Produkt zu verkaufen“, so Laconis’ Erfahrungen.

Neue Importhändler werden auch durch langwierige Zertifizierungsverfahren davon abgehalten, im Markt Fuß zu fassen. Nachdem er einen Stapel Unterlagen, Empfehlungen und Fachgutachten eingereicht habe, hätte er sechs bis acht Monate warten müssen, nur um überhaupt eine Antwort von den Behörden zu erhalten, moniert Mirko Lucio Furia, Miteigentümer von Salva Terra, einem italienischen Weinerzeuger, der gerade versucht, in den russischen Markt einzusteigen. Nestorov erinnert sich, dass sie zweieinhalb Jahre dafür benötigte, um alle notwendigen Genehmigungsschreiben zu erhalten. Das sei ihrer Meinung nach sehr bürokratisch.

Ein neues Gesetz, das im Juli 2011 verabschiedet wurde, verbietet den Verkauf von Getränken mit einem Gehalt von über 0,5 Prozent Alkohol in der Zeit von 23 Uhr nachts bis 8 Uhr morgens. “Das Gesetz stellt alkoholische Getränke verschiedener Kategorien faktisch gleich“, erklärt  Natalja Schenjajewa, Leiterin der russischen Marketingabteilung von Diageo, einem internationalen Erzeuger alkoholischer Getränke, darunter solcher Marken wie Smirnoff und Johnnie Walker. Bier wurde bisher nicht als ein alkoholisches Getränk betrachtet, aber ab kommenden  Sommer, so ist zu rechnen, wird die Regierung diesen Status wieder ändern.

Denn die Zollunion Russlands mit Belarus und Kasachstan bringt wieder ganz neue Aspekte ins Spiel. “Zurzeit werden achtzig Prozent der weißrussischen Biermarken in Plastikflaschen abgefüllt“, erläutert ein anonym bleibender Vertreter der belarussischen Brauereiwirtschaft gegenüber RosBusinessConsulting. Die mit der Zollunion entstehenden neuen Anforderungen würden die Erzeuger zwingen, Unsummen zu investieren, um ihre Produkte in Glasflaschen umzufüllen. Deshalb unterstützen das belarussische staatliche Komitee für Standardisierung, das Wirtschaftsministerium und die Vereinigung der Brauereiwirtschaft die Einführung einer gesonderten, vom Wein getrennten, Kategorie für Bier.

 

Alkohol als politisches Druckmittel  


Auch die Außenpolitik hat die Importe beeinflusst. Anfang Oktober empfahl Russlands Verbraucherschutzchef Genadij Onistschenko, das Einfuhrverbot für georgische Weine und Mineralwasser, das im Jahre 2006 in Kraft gesetzt worden war, aufzuheben. Zuvor hatte Georgien damit gedroht, Russlands Pläne zu durchkreuzen, der WTO beizutreten. Vor dem Einfuhrverbot hatten georgische und moldauische Weine zusammen einen Anteil von sechzig Prozent am Weinimport Russlands. Georgischer Wein war 2006 vom russischen Markt ausgeschlossen worden, während die Einfuhr moldauischen Weins zwischenzeitlich ebenso immer wieder mal verboten war.

Im 29. Oktober 2011, nur wenige Tage, nachdem Georgien und Russland sich in der Frage des WTO-Beitritts Russlands verständigt hatten, traf sich Onistschenko mit Georgij Pilijevij, dem Eigentümer des georgischen Kognak-Herstellers Saradzhishvili in Moskau. Im Anschluss an das Treffen teilte Onistschenko mit, man habe sich über alles geeinigt und warte jetzt nur noch auf den Abschluss der offiziellen Formalitäten.   

Andererseits hatte Onistschenko im November angedroht, die Importe von Kognak aus Moldaus Transnistrien-Gebiet einzustellen. Das war einen Tag, nachdem der Kreml deutlich gemacht hatte, dass er der Meinung sei, der Führer des umstrittenen Gebiets solle sich nicht zur Wiederwahl stellen.

Trotz der Hindernisse, der die Weinwirtschaft gegenübersteht, schlagen sich ausländische Erzeuger immer noch darum, in den Markt einzusteigen. “Die Russen sind bereit. Sie wollen eine Weinkultur entwickeln und ich will dabei helfen, ihnen diese Welt zu eröffnen“, gibt sich  Mirko Lucio Furia von Salva Terra optimistisch.

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