Russlands Glocken läuten wieder

Seit Großfürst Wladimir I., Herrscher der Kiewer Rus, im Jahr 988 die Taufe empfing und danach seine Untertanen aufforderte, sich ebenfalls taufen zu lassen, ist der Russisch-orthodoxe Glauben ein wesentlicher Bestandteil der Kultur in Russland. Ausgenfälliger Ausdruck der Macht und Dominanz des Glaubens waren imposante Kirchenbauwerke und der Schlag ihrer Glocken. Ihr Geläut verkündete den Menschen alle wichtigen Geschehnisse – von Festtagsfreuden über den Gottesdienst bis hin Kriegen und Katastrophen.

Bis zur Oktoberrevolution 1917 waren die Russisch-orthodoxe Kirche und ihre Bauwerke aufs engste mit den feudalen und gesellschaftlichen Strukturen verbunden. Noch Anfang des letzten Jahrhunderts wurden jährlich Glocken mit einem Gesamtgewicht von 2 000 Tonnen gegossen, darunter die Zarenglocke aus dem Jahr 1735, die mit 200 Tonnen eine der größten und schwersten Glocken ist. Sie steht seit 1836 als Sehenswürdigkeit im Kreml, da man sie beim Herausheben aus der Form beschädigte: Ein elfeinhalb Tonnen schweres Stück sprang aus der Glocke heraus, das heute neben dem Sockel zu bewundern ist. Allein das Bruchstück ist so schwer wie die Königin aller Glocken, die "Gloriosa" des Erfurter Doms.

Doch dann begannen die Bolschewiki, den Glauben zu unterhöhlen, die Kirchen zu säkularisieren und die Glocken zu vernichten. Was als Akt des Vandalismus begann, gerierte sich als dunkler Ritus mit einem bösen Orakel, sollte dem Land doch für lange Zeit Stimme und Gehör genommen werden.

Während der gesamten Ära der Sowjetunion mussten die russischen Kirchenglocken schwiegen - zerschlagen, eingeschmolzen, ins Ausland verbracht, in die hintersten Winkel kirchlicher Nebengelasse verbannt.

Doch heute erlebt die Glockengießerei in Russland eine Renaissance. Ein Zentrum der Wiedergeburt dieser fast vergessenen Kunst bildet Woronesh. 1989 nahm der Unternehmer Valeri Anissimow vor den Toren der Stadt die Glockenproduktion auf und stellte seither mehr als 20 000 Glocken her. Valeri ist knapp 55 Jahre alt. Dem eigenen Unternehmen gab er den Namen WERA – mit einer gewissen Doppeldeutigkeit: Einmal ist das der Name seiner Ehefrau, zum anderen bedeutet das Wort „Wera“ im Russischen ‚Glaube‘, also die vornehmste christliche Tugend.

Wie ein Mönch trägt Valeri Anissimow das lange dunkle Haar im Nacken zu einem Knoten gebunden, Silberfäden durchziehen seinen Bart. Er bekreuzigt sich vor jeder Kirche, an der wir vorbekommen. Und es gibt viele Gotteshäuser in dieser Stadt. Valeri spricht ruhig und bedächtig, aber sehr bestimmt, man kann ihn nur schwer unterbrechen. Oft nimmt er kirchenslawische Ausdrücke in den Mund, was gewiss damit im Zusammenhang steht, dass die Russisch-orthodoxe Kirche die wichtigste Auftraggeberin seines Unternehmens ist.

Wir fahren nach Schilowo, einem Dorf unweit von Woronesh, wo Anissimow seine Glockenproduktion hochgezogen hat. Die Gießerei umfasst mehrere Werkhallen und ein Verwaltungsgebäude. Wir sehen Schmelzöfen und Metallformen für den Glockenguss, einen Raupenkran sowie eine riesige Laufkatze, die sich quietschend auf Schienen bewegt.

In der Mitte des Betriebshofs steht eine gewaltige bronzene 1000-Pud-Glocke. Das alte russische Gewichtsmaß Pud entspricht 16,38 Kilogramm, demnach wiegt dieses Prachtexemplar mehr als 16 Tonnen. Arbeiter machen sich emsig wie Bienen an der monumentalen Bronzekuppel zu schaffen. Sie meißeln, schaben und polieren. Vor allem der Zunder, der beim Gießen entsteht, muss ab. „In alten Zeiten wurde das Glockenornament bis zu einem halben Jahr lang bearbeitet und zur Vollendung geführt. Wir sollen alles an einem Tag schaffen!“, entrüstet sich Anissimow. Er setzt ein Gesicht auf, als ärgere er sich darüber, dass ihm die Auftraggeber derartig harte Fristen vorgeben, aber ein Lächeln entlarvt seinen Stolz. Er weiß, seine Brigade kann die Arbeit an einem einzigen Tag bewältigen. Denn sie nutzen auch andere Geräte und Apparaturen als im Mittelalter. Das Sandstrahlgebläse hat den Boden rund um die Glocke bereits mit einer dicken Schicht Sandstaub überzogen. Wenn das so weitergeht, unkt der Glockengießer, wird der Betriebshof bald einem Strand ähneln. Allerdings ist hier keinem nach einem Strandurlaub zumute.

Wir gehen hinauf in Valeri Anissimows Arbeitszimmer. Die Wände zieren Urkunden, die Regierung und Kirche dem Unternehmer „für unermüdliche Schaffensfreude“ verliehen haben. Daneben finden sich Fotografien, die Anissimow mit Patriarch Alexi II. – von 1990 bis 2008 Oberhaupt der Russisch-orthodoxen Kirche – zeigen, sowie die offizielle Bestätigung einer Pilgerreise in das Heilige Land. Den Ehrenplatz neben der Tür ziert ein Patent des Staatlichen Komitees für Erfindungen vom 28. Juni 1991. Es wurde Valeri Anissimow für sein Industriemuster eines oberen Glockenteils zuerkannt und war eines der letzten in der UdSSR verliehenen Patente.

Vor kurzem hat Valeri Anissimow eine neue Werkhalle gebaut. Er will die Produktion erweitern und zukünftig nicht nur Glocken, sondern auch Schiffsschrauben gießen. Ein aus Legosteinen zusammengesetztes Modell der neuen Produktionsstätte steht auf dem Fensterbrett des Arbeitszimmers. „Haben Sie die alte Eisenbahnzisterne auf dem Hof gesehen? Das wird der Ofen. Wir haben uns vorgenommen, die größten Glocken der Welt zu gießen - und dazu noch Schiffsschrauben. Die Vietnamesen zum Beispiel wollen eine mächtige 250-Tonnen-Glocke bei uns bestellen. Damit wären sie und wir Weltmeister mit der größten Glocke überhaupt.“

„Was ist eigentlich früher hier gewesen," will ich wissen, "worauf konnten sie aufbauen?" „Nichts. Bloß Sand. Alles habe ich selbst gebaut.“

Die Anfangsjahre des Unternehmens waren alles andere als leicht. Valeri Anissimow musste praktisch von Null anfangen, besaß er doch weder Erfahrungen noch Kenntnisse in dieser Materie. Die Technik des Glockengusses erlernte er als Autodidakt nach einem Buch vom Anfang des 20. Jahrhunderts, das er zufällig in der Moskauer Lenin-Bibliothek entdeckt hatte. Heute kann man seinen Betrieb getrost als Hochtechnologieunternehmen bezeichnen. Die Modelle der Glocken werden computertechnisch berechnet, die von Künstlern auf Wachs entworfenen Relief-Ikonen eingescannt und in einer Datenbank erfasst. Ein lasergesteuertes Werkzeug graviert sie dann im jeweils erforderlichen Maßstab in die zu bearbeitende Oberfläche.

Viele hoffen, mit den teuren Bronzeglocken zu Ruhm und Ehre zu gelangen. „Die Kirche hat noch nie für eine Glocke bezahlt. Das Geld stammt von vermögenden ‚neuen Russen‘, so genannten Sponsoren. Die Abwicklung erfolgt über Vermittler, das können verschiedene Stiftungen sein, oder das Kulturministerium übernimmt die Kuratel“, erzählt Valeri Anissimow.

Bekannte Persönlichkeiten des politischen Lebens – Abgeordnete, Senatoren oder Gouverneure – wollen den Guss einer Glocke „fördern“ und ihren Namen in Bronze verewigt sehen. Was keineswegs verwundert, gab es doch auch bei den russischen Zaren „Namensglocken“. Warum also sollten die heutigen "Herrscher" und Amtsträger eine Ausnahme machen? Immerhin kann man sich so der Nachwelt als Mäzen und Wohltäter präsentieren. Der eigene Name auf einer Glocke – das ist kein profanes Wahlplakat, kein Fernsehinterview, sondern, wenn man so will, der direkte Weg in die Ewigkeit, in die Nähe Gottes!

„Mit diesen Inschriften haben wir dennoch so unsere Probleme. Die Auftraggeber wissen manchmal selbst nicht, was sie wollen. Es kann passieren, dass sie anrufen und Änderungen von mir verlangen. Aber das Design einer Glocke muss in jedem Falle vom Patriarchen genehmigt werden. Einmal ging es um die Glocken für ein Großkloster. Die sollten mit russisch-orthodoxen Ikonen, daneben aber auch noch mit ‚weltlichen‘ Heiligenbildern verziert werden: Hier Putin, da der Patriarch. Wenn ich alles gieße, was der Kunde will, woher soll ich dann wissen, ob mir der Patriarch genehmigt, dass Putin auf der Glocke verewigt ist?“

Anissimow vertritt die Auffassung, dass auch für ihn das Glockengeschäft eher „gut für die Seele“ als einträglich ist. Um den Betrieb am Laufen zu halten, muss der Unternehmer den Kostenaufwand so gering wie möglich halten. Würde er teure westliche Ausrüstungen kaufen, hieße das, sich bei den Banken zu verschulden. Also setzt Valeri Anissimow auf Marke Eigenbau, immer bemüht, aus alten Sowjetbeständen innovative Maschinen zu kreieren, die nicht schlechter arbeiten als ihre westlichen Analogien, eher besser.

„Man muss alles mindestens zehn Mal billiger machen als üblich. Um eine superschwere Glocke zu verladen, wird normalerweise ein Kran der deutschen Firma Liebherr gebraucht. Wenn Sie den in der Stadt mieten, kostet das täglich 650 000 Rubel, was fast 15 500 Euro entspricht. Aber es geht auch mit fünf Traktoren, von denen jeder 1 000 Rubel, also etwa 24 Euro, kostet. Im Winter transportieren wir die Glocke auf Schlitten, notfalls helfen wir mit Schnee nach, um sie bis zum Fluss Don zu befördern. Dort wird die Fracht auf einen Lastkahn gehievt und in den Hafen geschleppt.“

Die russischen Glocken sind in der Regel schwerer als die westeuropäischen. Deshalb kann nicht der Glockenkörper im Ganzen geschwungen werden, sondern nur der Klöppel stößt an die Haube. Würde man den ganzen Bronzeriesen in heftige Bewegung versetzen, könnte - wegen der Resonanzschwingung - sogar der Glockenturm einstürzen. Und je massiver eine Glocke ist, umso tiefer klingt sie und desto weiter hallt ihr Läuten. Doch wie schwer eine Glocke auch sein mag, in den heutigen Metropolen kann man ihren Zauber kaum noch ungetrübt genießen, denn der schwere Klang wird von Industrie-, Verkehrs- und Baustellenlärm und Klangkulissen jeder Art gestört.

Doch solange Unternehmen wie die Glockengießerei WERA existieren, darf man die Hoffnung hegen, dass zumindest in Russlands Klöstern und Kleinstädten das segensreiche Geläut auch weiterhin die Menschen erfreut und die Gläubigen ruft.

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