Katermonat Januar

Foto: PhotoXPress

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Eine der heiligen Kühe des russischen Arbeitslebens sind die zwölf Tage dauernden Neujahrsfeiertage - es verstößt gegen das russische Arbeitsgesetz, Angestellte zwischen dem 31. Dezember und 10. Januar zur Arbeit zu bitten. Während in Westeuropa in der ersten Augusthälfte das Geschäftsleben mehr oder weniger zum Stillstand kommt, wenn das Sommerwetter seinen Höhepunkt erreicht und sich halb Europa an Spaniens und Italiens Stränden sonnt, kommt in Russland die große Pause zum Jahresbeginn, wenn die Temperaturen ihren Tiefpunkt erreichen.

In Russland folgt auf Silvester das orthodoxe Weihnachten, das im Gegensatz zur westlichen Welt bisher nicht kommerzialisiert wurde. Und damit nicht genug – die Trinksprüche finden eine Woche darauf ihre nochmalige Fortsetzung, wenn am 14. Januar das orthodoxe Neujahr gefeiert wird.

 

Die offiziellen Statistiken belegen jedes Jahr zwischen Dezember und Januar einen Rückgang der Industrieproduktion von 20 bis 25%. Durch diese Zahlen alarmiert, hatte Dmitri Medwedew in seinem ersten Amtsjahr als Präsident noch eine Kürzung der Feiertagsserie angedacht. Doch die Verwirklichung solcher Pläne würde sich katastrophal auf die Popularität jedes Präsidenten auswirken.

 

Auf Sachalin, sieben Zeitzonen von Moskau entfernt, beklagt sich ein Personaler einer multinationalen Firma dass außerdem zahlreiche Mitarbeiter erst im Anschluss an die Neujahrsfeiertage in den Urlaub fliegen würden – diese haben, wie in nördlichen Regionen Russlands üblich, 45 Arbeitstage Urlaub. "Vom 25. Dezember bis zur ersten Februarwoche gibt es keine Spur von diesen Leuten", beschwert sich der Personaler, der zudem die Zulagen-Regelung für die Aufrechterhaltung der Öl- und Gasförderungen während der Feiertagsserie als lächerlich bezeichnet.

 

Doch damit nicht genug: Zu den orthodoxen Weihnachten gab es in Juschno-Sachalinsk einen größeren Schneesturm. Die Schneemassen wurden erst nach drei Tagen weggeräumt. Eine Frau, die sich telefonisch bei den Behörden über die Situation erkundigen wollte, bekam zur Antwort: "Wozu so viele Klagen? Es sind doch sowieso alle auf Urlaub." Man gab ihr freundlicherweise den Ratschlag, stattdessen zuhause zu bleiben und einen der zu dieser Zeit im Fernsehen laufenden Bollywood-Filme zu schauen.

 

Die Sachaliner gehen nach Silvester in den Standby-Modus. Wenn der Weihnachtsbaum einmal abgebaut und die Lichterketten an den Fenstern ausgeschaltet sind, kommt das Leben zum Stillstand, und die Straßen sehen ziemlich verlassen aus. Natürlich gibt es auch Abenteuerlustige, die Winterwanderungen unternehmen, Schneemobil fahren oder die Langlaufskis anschnallen, doch für die meisten Menschen ist es einfach eine Zeit des Winterschlafs. Aus diesem Schlummerzustand erwachen Viele erst im März, in der Zeit der Maslenniza, einem Fest heidnischen Ursprungs zur Begrüßung des Frühlings. Erst ab der ersten Februarwoche herrscht am Arbeitsplatz wieder so etwas wie Normalität einkehrt.

 

Doch jeglicher Bericht über die russischen Neujahrsfeiertage wäre unvollständig, wenn nicht den unscheinbaren Helden Tribut gezollt würde, die in dieser Zeit arbeiten. Dazu gehören Krankenhauspersonal, Polizei, Mitarbeiter der Stadtbetriebe oder des Ministeriums für Katastrophenschutz. Gerade in Zeiten, wenn die "ganze Welt" feiert, sind es diese Menschen, die dafür sorgen, dass es in den Häusern warm bleibt, zu den Kranken Sorge getragen wird, auf der Straße Recht und Ordnung herrschen und von den Naturgewalten bedrohte Menschen gerettet werden.

 

Ajay Kamalakaran war von 2003 bis 2007 Herausgeber der Sakhalin Times.

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