Russlands Eistaufe

Russisch-orthodoxe Gläubige steigen beim Fest der Taufe des Herrn traditionsgemäß in ein Eisloch.

Fotos: Itar-Tass

Das Fest der Taufe des Herrn oder der Erscheinung des Herrn zählt zu den zwölf wichtigsten orthodoxen Festen und wird traditionell am 19. Januar gefeiert. Einer alten Tradition folgend tauchen die Gläubigen am Vorabend des Festes der Taufe des Herrn in ein Eisloch ein. Die Geistlichen vieler Kirchen gehen gemeinsam mit den Gemeindemitgliedern zu einem Gewässer, an dem zuvor ein Loch in Form eines Kreuzes ins Eis gehackt wurde. Das Eisloch wird Jordan genannt, in Anlehnung an den heiligen Fluss. Die Gläubigen steigen bis auf den letzten Tritt einer Holzleiter in das Eisloch, bekreuzigen sich und tauchen dann drei Mal den Kopf ins Wasser.

Einem Volksglauben zufolge kann man vom heiligen Baden nicht krank werden kann - es soll im Gegenteil sogar abhärten und der Gesundheit dienen. "Sogar bei -40° C kann man ins eisige Wasser steigen, denn in den gerade mal fünf bis sechs Minuten, die die ganze Prozedur andauert, kühlt kein einziges menschliches Organ aus. Während des Eintauchens ins Wasser wird das Blut im Organismus umverteilt, so dass dieser Vorgang nicht nur ungefährlich, sondern sogar nützlich ist", erklärt Wladimir Grebenkin, der Vorsitzende der internationalen Vereinigung Marathon-Eisbaden.

Diejenigen, die Angst davor haben oder aus irgendwelchen Gründen nicht ins Wasser eintauchen können, werden von den Geistlichen beruhigt - das orthodoxe Kirchenstatut schreibt nicht vor, dass jeder Gläubige unbedingt selbst ins Wasser eintauchen muss. "Dieses Fest wird vor allem in der Kirche mit der Göttlichen Liturgie gefeiert. Und dabei ist es am Wichtigsten, das Abendmahl zu empfangen und die Freude dieses Tages mit den Angehörigen und nahestehenden Menschen zu teilen", beruhigen die Vertreter des Moskauer Patriarchats die orthodoxen Gläubigen.

In diesem Jahr hat das Katastrophenschutzministerium an 40 Gewässern in Russland Plätze für das Baden am Fest der Taufe des Herrn freigegeben, und in der Nähe von jeder Badestelle wird ein warmer Ort eingerichtet, an dem man sich umziehen kann. Mitten im Zentrum von Moskau - auf dem Revolutionsplatz - wird ein hölzernes Wasserbecken aufgestellt. Schätzungen zufolge nehmen in Moskau über 60.000 Menschen an diesem Sakrament teil.

Neben dem Eintauchen ins eiskalte Wasser gibt es noch eine weitere Tradition an diesem Fest: In allen Gotteshäusern der Stadt werden den ganzen Tag über Messen abgehalten und Wasser geweiht, das in der Folgezeit - bis zum nächsten Fest der Taufe des Herrn - in den Häusern der Gläubigen aufbewahrt wird. "Wenn man jeden Tag morgens auf nüchternen Magen einen Schluck von diesem heiligen Wasser trinkt, kann man seine geistigen Kräfte stärken. Man muss nur daran glauben, dass es helfen und sowohl die Seele als auch den Körper heilen kann", erläutert Georgij Roschtschin.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei RIA Novosti.