Schafft sich Russland ab?

Mehr zum Buch finden Sie unter http://die-russische-frage.de

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Das Buch „Die russische Frage“ des Medienzars Alexander Lapin enthält viel Erhellendes über den Zustand der Russischen Förderation – und sehr kontroverse Thesen.

Obwohl ich jährlich etwa vierzig Bücher von Autoren der ehemaligen Sowjetunion lese, ist „Die russische Frage“ des sechzigjährigen Alexander Lapin für mich das erhellendste Buch über den Ist-Zustand der Russischen Föderation. Der Autor, Inhaber und Generaldirektor der Verlags-AG „Freie Presse“ in Woronesh, wirft in 35 Kapiteln mehr als einhundert brisante Fragen auf: Es geht um die russische und die Nationalitäten-Politik, um Kirche, Sekten und Religion, um Marktwirtschaft oder Reaktivierung des Kommunismus, um Wehrdienst, Offizierskarrieren und Kosakenehre, um korrupte Beamte und Willkür-Justiz, um Ehe, Familie und Prostitution, um russisches Fluchen und russische Trunksucht… Lapin, da kann man sicher sein, weiß, wovon er schreibt, denn er ist nicht nur Medienzar (20 Zeitungen, 6 Zeitschriften, ein Fernsehkanal), sondern auch Abgeordneter und Mitglied des Gebietsrates sowie Vorsitzender des Regionalkomitees für Öffentlichkeitsarbeit und Medien.

Alle Fragestellungen des Autors spitzen sich auf die Tatsache zu, dass derzeit kein anderes Volk auf der Welt so rasant schrumpft wie das der Russen; mit jedem Jahr verringert sich ihre Anzahl um zwei Millionen. Lapin, im Kaukasus geboren, lebte von klein auf Haus an Haus mit Kabardinern, russischen Koreanern und Udmurten. Immer sei er beeindruckt gewesen, wie sehr die kleinen Völker zusammenhielten und enttäuscht darüber, wie oft sich das große Volk der Russen uneins sei.

Ich habe als Journalistin fast drei Jahrzehnte lang die angestammten Gebiete vieler kleiner Völker bereist, und weiß aus eigener Anschauung, dass der Journalist, Schriftsteller und Geschäftsmann Lapin Recht hat, wenn er schreibt: „Noch vor 150 Jahren lebten die Usbeken, Tadschiken und Turkmenen in tiefster feudaler Zersplitterung, es herrschten dort Verhältnisse wie im 15. Jahrhundert. Diesen Völkern bauten die Russen im wahrsten Sinne des Wortes eine Brücke in die zivilisierte Welt. Doch während man mitten in der kasachischen und usbekischen Wüste Oasen aus Glas und Beton schuf und modernste Flughäfen einweihte, verkümmerten Dörfer in Nord-, Mittel- und Südrussland ohne Gas und Wasserleitung und ohne asphaltierte Straßen.“ Und wie vergelten die kleineren Brüder heute dem großen Bruder seine Anstrengungen? In allen nunmehr selbständigen Republiken der ehemaligen Sowjetunion sind die Russen ein in ihren Rechten eingeschränktes Volk. Und: Nicht einmal im „eigenen Haus“, beklagt Lapin, haben die Russen „das Sagen“. Obwohl „in Baschkotorstan, Tatarstan, Kalmykien sowie in den anderen autonomen nationalen Republiken innerhalb der Russischen Föderation die Russen die Bevölkerungsmehrheit bilden, ist ihnen jeglicher Zugang zu Posten in der staatlichen Verwaltung verwehrt. Selbst in ihrem eigenen Land sind sie Menschen zweiter Klasse.“

Nun sollte man meinen, dass die geschmähten Russen, die aus den Ex-Sowjetrepubliken nach Russland übersiedeln wollen, wenigstens dort willkommen sind. Doch: Obwohl Russland „rasant ausstirbt“, und es „allerorts an Arbeitskräften mangelt, dürften Russischstämmige und russische Staatsbürger aus ehemaligen sowjetischen Unionsrepubliken nicht nach Russland, um hier zu leben“, das verbietet ihnen das „berüchtigte Staatsangehörigkeitsgesetz“. Der Autor fragt: „Wie kann unter solchen Umständen das russische Volk zu alter Größe und Bedeutung finden?“ Alexander Lapin kennt in seiner scharfsinnigen Analyse kein Tabu und schließt als Lösung – oder als Provokation? – sogar eine Rückkehr zur Monarchie nicht aus. In einem Interview erläuterte Lapin: „Wir leben auch jetzt unter Alleinherrschaft. Laut russischer Verfassung hat der Präsident heute viel mehr Vollmachten als der Zar je hatte.“

Bei aller Begeisterung für Lapins mit so vielen aufschlussreichen Fakten und wissenswerten Zahlen gespicktes Buch, in dem der Autor seine Fragen an Beispielen seiner Familie und seines großen Kollegen-, Freundes- und Bekanntenkreises veranschaulicht, überrascht dann doch seine altbackene Vorstellung von der Rolle der Frau in der russischen Gesellschaft und seine Furcht, dass die Russen eines Tages nicht mehr genug Lebensraum haben könnten.

Gisela Reller ist Diplom-Russistin und hat sich auf die Rezension von russischen Büchern spezialisiert, die auf Deutsch erscheinen.

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