Teures Erdöl, billiger Rubel

Die unsichere Finanz- und Wirtschaftlage der globalen Welt trägt nicht unbedingt zur Präzisierung der Aussagen bei. Foto: RIA-Novosti

Die unsichere Finanz- und Wirtschaftlage der globalen Welt trägt nicht unbedingt zur Präzisierung der Aussagen bei. Foto: RIA-Novosti

Was erwartet die russische Wirtschaft im Jahre 2012?

Das kommende Jahr wird für die russische Wirtschaft unsicherer und schwerer werden als 2011, darüber sind sich die Analysten der russischen Wirtschaft sicher. Unsicherheiten verbreiten die Wirtschafts- und Finanzkrisen in Europa und den USA, mittlerweile machen sich die Analysten auch schon um China Sorgen, wo erstmals seit drei Jahren die Produktion stagniert. Aber selbst, wenn die Angst vor einer erneuen weltweiten Rezession sich als unbegründet erweisen sollte, wird die russische Wirtschaft wohl kaum ihr bisheriges Wachstumstempo beibehalten können.

Teures Erdöl, billiger Rubel

Das nächste Jahr, so glaubt der Stratege der Investmentgesellschaft Trojka dialog Chris Weafer, wird ein Spiegelbild des alten Jahres werden: Das erste Halbjahr wird gemächlich anlaufen, im zweiten wird sich die Situation bessern. Europa wird seine Suche nach einem Ausweg aus der Krise fortsetzen, was sich auch auf die Stimmung der Investoren und auf den Erdölpreis auswirken wird.  Im ersten Halbjahr wird dieser wohl auf 100 US-Dollar pro Barrel sinken, prognostiziert Wladimir Tichomirow von der Finanzgesellschaft Otkrytije.

Im ersten Quartal werden sowohl der Kurs des Euros gegenüber dem Dollar und folglich auch der Rubelkurs gegenüber dem Dollar ihre Jahrestiefs erreichen, erwartet Julia Zepljajewa von BNP Paribas. Vor diesem Hintergrund kann der Rubel-Kurs im ersten Quartal unter Berücksichtigung der Präsidentschaftswahlen in Russland bis auf 32 - 33 Rubel pro US-Dollar fallen, glaubt Iwan Tschakarow von der Investmentgesellschaft Kapital-Renaissance. Danach könnte sich die Situation stabilisieren. Die Analysten vertrauen darauf, dass es den europäischen Politikern gelingen wird, einen Ausweg aus der Krise zu finden und die Eurozone nicht auseinanderfallen zu lassen. Auch China wird 2012 keinen Anlass zur Sorge liefern: Es wird seine Wirtschaft wieder in normales Fahrwasser zurückführen, sagt Weafer voraus.

In Russland werden nach den Präsidentschaftswahlen die Reformen fortgesetzt, was die Investoren optimistisch stimmen wird, glaubt Tichomirow: Der Kapitalzufluss wird den Rubel und somit die Wirtschaft stützen. „Im zweiten Halbjahr erwarte ich eine richtige Rallye des Rubels“, sagt Zepljajewa: Mit Beendigung der politischen Instabilität vor den Wahlen beginnt dann die Rückkehr des Kapitals, was zusammen mit dem Anstieg des Erdölpreises bis voraussichtlich auf 120 US-Dollar pro Barrel gegen Ende des Jahres den Rubelkurs bis auf 28,55 Rubel pro US-Dollar treiben wird.

Diesen Optimismus teilen jedoch nicht alle. Zu Beginn des Jahres führten die europäische sowie andere Zentralbanken eine konzertierte Aktion zur Stützung des schwächelnden Euros durch, was sie im ganzen Jahr 2011 verschoben und versäumt hatte. Falls das langfristig keinen Erfolg bescheren sollte, so werden die USA und andere Länder eine weitere Stützungsrunde starten. Diese monetäre „Überflutung“ wird dem Rubel stark zu Hilfe kommen, erwartet Alexej Mojsejew von VTB Capital: „Wir erwarten eine Festigung des Kurses bis auf  28 - 29 Rubel pro US-Dollar im ersten Halbjahr und danach einen saisonbedingten Rückgang“.

Im ersten Quartal ist der Überschuss aus dem laufenden Handel normalerweise hoch, der saisonbedingte Faktor wird sich unter Umständen sogar stärker auswirken als der negative innenpolitische Hintergrund, gibt sich Kyrill Termasow von der Nomos-Bank optimistisch: „Damit der Rubelkurs zu Beginn des Jahres weiter fällt, müsste eine dramatische Verschlechterung der Situation im Lande oder in der Welt eintreten“. Zu Beginn des Jahres wird der Rubel sich festigen, stimmt Alexander Morosow von HSBC bei, aber gegen Ende des Jahres wird der Euro-Dollar-Währungskorb sich bis auf 39 Rubel verteuern. Der Dollarkurs würde dann bei 32,9 Rubel liegen, das heißt der Rubel ließe gegenüber dem Euro wesentlich stärker als gegenüber dem Dollar nach.

Im Jahre 2012 werden die russischen Firmen und Banken ungefähr 75 Milliarden US-Dollar an Auslandsschulden begleichen müssen; das ist weniger als im Jahre 2011, entspricht aber dem zu erwartenden Überschuss aus der Abwicklung laufender Verrechnungen, verweist Jewgenij Gawrilenkow von Trojka dialog. Wenn die globalen Probleme bestehen bleiben und die Refinanzierung der Verschuldung auch weiterhin erschwert sein wird, was seiner Meinung nach höchst wahrscheinlich ist, so wird der Rubel schwächer werden, da der Valutaerlös in erster Linie dazu verwendet werden wird, die Schulden zu bedienen. Somit dürfte ein Kurs von 33 - 34 Rubel pro US-Dollar am Ende des Jahres niemanden verwundern, sagt Gawrilenkow. Wenn es gelingen sollte, die Finanzprobleme in den Industriestaaten zu lösen, wird der Rubel sich ungefähr auf dem momentan Niveau halten oder sich sogar noch festigen können.

Bei einem stabilen Erdölpreis, einem unveränderten Kapitalabfluss und einem anhaltenden (wenn auch anderthalb mal langsameren) Importwachstum ist eine Währungsabwertung  um fünf Prozent möglich und sogar wahrscheinlich, glaubt Maxim Petronjewitsch vom Zentrum für Entwicklung an der Wirtschaftsuniversität Moskau.

Unisono sind sind sich jedoch  alle Experten in einem sicher: Der Rubelkurs wir zukünftig deutlich volatiler - also stärker schwanken als je zuvor. „Der Rubel wird fallen und steigen und zwar permanent“, umschreibt Xenia Judajewa von der Sberbank die Situation.

Wirtschaft runter, Inflation hoch

Die Inflationsrate im Jahre 2011 sank im Dezember 2011 auf die bisher niedrigste Rate von 6,1 Prozent. Dennoch war das nur eine vorübergehende Erscheinung. Einer der Gründe war die vergleichsweise hohe Ausgangsbasis in der zweiten Jahreshälfte 2010, als eine Dürreperiode die Nahrungsmittelpreise in die Höhe schießen ließ. Die Analysten gehen davon aus, dass sich die Inflation bis zur Jahresmitte 2012 auf diesem Niveau halten kann, dann aber wieder anziehen wird.  „Ich gehe nicht davon aus, dass die Preise für unverarbeitete Landwirtschaftsgüter so stark sinken werden, wie im letzten Jahr. Entsprechend wird die Inflation höher ausfallen und möglicherweise sieben Prozent übersteigen“, erwartet Petronjewitsch. Bescheidener als im Jahre 2011 wird wohl der allgemeine Preisanstieg ausfallen, etwa sechs Prozent pro Jahr, vermutlich verbunden mit einem dramatischem Abfall des wirtschaftlichen Wachstumstempos, prognostiziert Tschakarow: „Wir sehen mit 2,3 Prozent nur noch ein geringes Wachstum für das Bruttoinlandsprodukt (BIP). Eine solche Verlangsamung Wirtschaftswachstums kann die Inflationsgefahr bannen.“

Für eine Abflachung der Inflation gäbe es mehrere Gründe, meint hingegen ein hochrangiger Beamter des Ministeriums für Wirtschaftsentwicklung. Die Behörde erwartet einen leicht nachgebenden, aber relativ stabilen Rubelkurs (im Jahresdurchschnitt 31,1 Rubel pro US-Dollar im Vergleich zu den bisherigen 29,4 Rubeln pro US-Dollar). Auf der Grundlage dieser Berechnung könnten die Preise für Importwaren relativ stabil gehalten werden,  denn der Import macht immerhin ein Drittel des Verbraucherpreisindex' aus. Die Ernteprognose für 2012 sei ebenfalls optimistisch, was den Preisanstieg für Nahrungsmittel gegenüber 2011 bremse.

Wenn auch den offiziellen Inflationsprognosen niemand zustimmt, so besteht doch ein Konsens bezüglich des Wachstumstempos des BIP. Hier stimmen die Ansichten der Marktexperten mit der Meinung des Ministeriums für Wirtschaftsentwicklung überein: Das BIP werde nur noch um rund 3,7 Prozent wachsen. Ein Wirtschaftswachstum von unter drei Prozent erwarten lediglich drei von 14 Analysten, ein Wachstum über vier Prozent ebenfalls drei; das heißt, dass die meisten Experten das BIP in der Range zwischen drei und vier Prozent sehen.  Dabei hat es die Regierung geschafft, die Arbeitslosigkeit wieder auf das Niveau vor der Krise zu drücken (6,4 Prozent).

Die Stabilisierung der Außenmärkte, das Ansteigen des Erdölpreises sowie der Kapitalrückfluss ins Land werden das Wirtschaftswachstum bis auf 4,5 - 4,7 Prozent beschleunigen, glaubt Zepljajewa, eine der Optimisten. Der Erdölpreis werde langfristig steigen, das Wirtschaftswachstum gestützt durch Investitionen, insbesondere durch Infrastrukturprojekte, sowie durch den Konsum, der sich zumindest im ersten Halbjahr dank den hohen Sozialausgaben aus dem Staatshaushalt im Vorfeld der russischen Präsidentschaftswahlen auf hohem Niveau bewegen wird, zählt Jaroslaw Lisowolik von der Deutschen Bank die Gründe für seine optimistische Prognose auf  (BIP-Wachstum von 4,6 Prozent).

Wer von den Experten mit seinen Prognosen richtig liegt, wird man erst Ende des neuen Jahres 2012 wissen. Die unsichere Finanz- und Wirtschaftlage der globalen Welt trägt nicht unbedingt zur Präzisierung der Aussagen bei. Man wird sehen.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Zeitung Vedomosti.

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