Die Zukunft war gestern

Bild: Niyaz Karim

Bild: Niyaz Karim

50 Jahre nach Juri Gagarin steht die russische Raumfahrt trotz erhöhten Budgets vor großen Herausforderungen.

Das Jahr 2011 war der 50. Jahrestag des ersten bemannten Weltraumflugs von Juri Gagarin. Doch für die heutige russische Kosmosforschung erwies es sich als ein schwieriges Jahr: 32 Starts, vier davon gescheitert. 12,5 % Fehlschläge – mehr Misserfolg gab es nur zu den Anfängen der Weltraumfahrt Anfang der 60er Jahre. Die Ausfälle der Trägerraketen und anderer Technik lässt darauf schließen, dass es sich um eine Systemkrise der ganzen Branche handelt. Auf was muss die russische Weltraumfahrt sich im Jahre 2012 gefasst machen?

Geplant sind 32 Starts, das heißt genau so viele wie auch im

vergangenen Jahr. Nahezu die Hälfte der Flüge sind entweder Gemeinschaftsunternehmungen mit ausländischen Partnern oder werden ausschließlich im Interesse ausländischer Auftraggeber durchgeführt. Ambitionierte Projekte, wie zum Beispiel interplanetare Flüge, fehlen völlig auf dieser Liste. Allerdings werden zu einem etwas späteren Zeitpunkt zwei Flüge zum Mond durchgeführt – diese sind bis zum Jahre 2020 geplant. Langfristig beabsichtigt die Führung von Roskosmos auf dem Erdtrabanten eine ständig bewohnte Basis einzurichten. Vorerst aber erfüllen die Flüge eine ausschließlich pragmatische Funktion: Testversuche der neuen Modifikation der GLONASS-Satelliten, Flüge für ausländische Auftraggeber, Starts von Fracht- und bemannten Raumschiffen zur ISS und anderes mehr.

Das Syndrom der Phobos-Grunt-Sonde

 

Der Zwischenfall mit der Phobos-Grunt-Sonde war wahrscheinlich der deutlichste Misserfolg der russischen Weltraumfahrt im vergangen Jahr. Fehlstarts kommen immer einmal vor. Aber wenn ein Projekt, das über viele Jahre vorbereitet worden war, bereits während einer Frühphase des Flugs scheitert, und zwar nach letzten Informationen und nach Einschätzung einer ganzen Reihe von Fachleuten wegen Flüchtigkeitsfehlern, dann sollte dies Anlass zum Nachdenken sein. 

Die Situation wird noch alarmierender, wenn man berücksichtigt, dass das Problem nicht an der Finanzierung liegt. In den letzten Jahren wurde die staatliche Unterstützung im Bereich der Weltraumfahrt aufgestockt, was allerdings nicht dazu beigetragen hat, die Zahl der Misserfolge zu verringern.

Das Problem, das unter anderem durch den Rückschlag mit der Sonde Phobos-Grunt deutlich geworden ist, besteht im Fehlen einer einheitlichen und klar formulierten Strategie sowie – in Folge dessen – der ineffektiven Verwendung der Finanzmittel. Die Branche basiert auf einer Produktionskette, die aus vielen Hunderten Subunternehmen besteht und die nach jahrelangem Verfall (aus den verschiedensten Gründen) im vollen Umfange nicht einfach durch eine verbesserte Finanzierung wiederbelebt werden kann. Um die gesetzten Ziele zu erreichen, muss ein vielschichtiger Komplex von Personal-, Management- und Technologieproblemen gelöst werden, und dies erfordert mindestens genau so große Anstrengungen wie der Aufbau der Weltraumfahrt von Grunde auf.

A propos Personalproblem: Das größte Übel der russischen Fertigungsindustrie, besonders der Verteidigungsindustrie, ist gegenwärtig der akute Mangel an Fachkräften und Leitungspersonal mittleren Alters, also zwischen dreißig und fünfzig Jahren. Das ist die Generation, die in den Neunzigerjahren und kurz nach der Jahrtausendwende wegen Geldmangels und Perspektivlosigkeit aus der Kosmoswirtschaft ausgestiegen ist und sich eine lukrativere Arbeit gesucht hat oder diesen Weg unmittelbar nach Abschluss des Studiums eingeschlagen hat - ohne erst zu versuchen, in ihren Ausbildungsberuf einzusteigen.

Im Ergebnis war ein großer Teil der Betriebe mit dem Problem konfrontiert, das Know-how der in den Betrieben verbliebenen Arbeitsveteranen auf die Grünschnäbel aus den Universitäten zu übertragen. Außerdem gab es ein Problem mit der Qualitätssicherung bei den Endprodukten: Die abgewanderte Fachleute-Generation wäre genau der Puffer gewesen, der die Fehler der unerfahrenen jungen Kollegen ausgeglichen hätte. 

Das Kaganowitsch-Prinzip

 

„Jeder Unglücksfall hat einen Vor- und Nachnamen!“, pflegte Lasar Kaganowitsch, wohl der mächtigste von Stalins Ministern, zu sagen. Und ein Schuldiger wurde auch immer umgehend gefunden. Die Versuchung, dieses Prinzip anzuwenden und einen persönlich Verantwortlichen für den einen oder anderen Unglücksfall zu suchen, anstelle Systemfehler aufwändig und langwierig zu beseitigen, ist natürlich auch heute sehr groß. Aber die Abkehr von eben diesem Prinzip ermöglichte es der UdSSR Anfang der 60er Jahre, eine leistungsfähige Weltraumforschung auf die Beine zu stellen. Personelle Konsequenzen wurden selbst nach dem tragischen Unglücksfall vom 24. Oktober 1960 nicht gezogen, als die Trägerrakete R-16 unmittelbar beim Start explodierte und mehr als 100 Menschen in den Tod riss, unter anderem den Chefkommandeur der Strategischen Raketentruppe Mitrofan Nedelin. Nichtsdestotrotz wurde jeder gescheiterte oder „teilweise geglückte“ Start auf das Gewissenhafteste untersucht – nicht um den Schuldigen zu finden und ihn auf das Härteste zu bestrafen, sondern um die Engpässe des Systems ausfindig zu machen und sie zu beseitigen. Eben diese Vorgehensweise gestattete es der UdSSR zur Mitte der 70er Jahre hin, die Zuverlässigkeit der Starts auf sage und schreibe über 95 % zu verbessern. 

Natürlich müssen die Schuldigen gefunden werden, wenn es sich bei dem Unglücksfall nicht um eine Folge der Unausgeglichenheit komplexer Produktionssysteme sondern konkrete Vergehen handelt, aber zuerst einmal sollte geklärt werden, ob es in der Ereigniskette überhaupt ein Vergehen gegeben hat, das zum Misslingen des einen oder anderen Starts führte.

Moment der Entscheidung

 

Der gegenwärtige Zustand der russischen Weltraumfahrt kann so beschrieben werden: Von den Entscheidungen, die hier und heute gefällt werden, hängt die Entwicklung des nächsten Jahrzehnts ab. Die Branche kann nur durch eine klar formulierte staatliche Entwicklungsstrategie gerettet werden. Diese muss ein konkretes Arbeitsprogramms enthalten, das das Schicksal der Betriebe, die Form der Kooperation und die Verteilung der Verantwortlichkeiten im Rahmen konkreter Programme (Orbital-, Mond-, Mars- und sonstige Flüge) regelt, genau so, wie das vor fünfzig Jahren gemacht worden ist. Bereits nach wenigen Jahren würde ein solcher Plan konkrete Ergebnisse zeitigen. Ansonsten werden die ständige Suche nach Sündenböcken und die unkoordinierten und planlosen Finanzspritzen in die Branche irgendwann zu deren Untergang führen. 

Der Autor ist  Militärkommentator von Stimme Russlands.

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