„Sie bekommen ein Kind“

Die Kinder aus dem Shakhovsky Waisenhaus in der Moskauer Region .Foto: ITAR-TASS

Die Kinder aus dem Shakhovsky Waisenhaus in der Moskauer Region .Foto: ITAR-TASS

In der Fernsehsendung „Solange alle daheim sind“ werden Waisenkinder mit möglichen Adoptiveltern zusammengebracht – ein Interview mit dem Moderator Timur Kisjakow.

Die in Russland sehr beliebte Fernsehsendung „Solange alle daheim sind“ wird bald ihr zwanzigjähriges Bestehen feiern. Im Rahmen dieser Sendung gründeten der Moderator Timur Kisjakow und seine Frau Jelena die Rubrik  „Sie bekommen ein Kind“, in der sie potentiellen Pflegeeltern die Möglichkeit bieten,  Heimkinder aus ganz Russland ohne deren physische Anwesenheit kennenzulernen. Zu diesem Zweck werden zunächst professionelle Kurzfilme produziert, die den potentiellen Adoptiveltern dann zusammengefügt zu einem sogenannten Videopass als Informations- und Suchsystem bereitstehen. Einen Zugang zu dieser Plattform bekommt man über das Internet oder die regionalen Sozialämter. Wie bringt man Kinder in Pflegefamilien unter und warum schicken die neuen Eltern sie manchmal wieder zurück ins Heim? Darüber sprachen wir mit Timur Kisjakow.

Timur, was brachte Sie auf die Idee, eine Rubrik zum Thema Kinderadoption zu schaffen?

Vor fünf Jahren wurde uns klar, dass „Solange alle daheim sind“ es sich eigentlich auch zur Aufgabe machen könnte, Familienglück zu teilen, anstatt nur darüber zu berichten. Jelena und ich sind selbst Eltern und gelangten zu dem Schluss, dass eine Sendung mit so vielen Zuschauern, mit einem so guten und vertrauenswürdigen Image Platz finden müsste für Kinder, die eine Familie brauchen.      

Die Resonanz auf die neue Rubrik war bereits von Beginn an so positiv, dass wir keine Zweifel an der Wichtigkeit des Themas für eine familienbezogene Sendung mehr hatten. Nach jedem Sendetermin gingen bei der Vormundschaftsbehörde der Region, aus dem das vorgestellte Kind kam, Dutzende, manchmal Hunderte Anrufe ein. Wenn man mit den Anrufern verantwortungsbewusst und aufmerksam umging, dann blieb es nicht bei einer Vermittlung. Andere Kinder aus dieser Region fanden ebenfalls neue Familien.

Einmal stellten wir ein Mädchen vor, dessen Eltern in einem Unfall ums Leben gekommen waren. Sie selbst überlebte, verlor aber an einer Hand mehrere Finger. Auf diese Sendung folgten unzählige Anrufe. Man fand für das Mädchen Pflegeeltern, die sich von ihrer Behinderung nicht irritieren ließen. Bald darauf ging ein weiterer Anruf ein. Es waren Ärzte aus St.-Petersburg, die sich anboten, kostenlos eine Finger-Transplantation vorzunehmen. Heute geht es dem Mädchen gut. Aber das wichtigste dabei: es hat wieder eine Familie.

DieRubrikist überihranfänglichesFormathinausgewachsen. Sie sind gerade dabei, ein Informations- und Suchsystem für Pflegeeltern aufzubauen. HabenSiesichdaeineschwereAufgabegestellt?

Um ein Kind so darzustellen, wie es ist, und auf eine Weise, die es den potentiellen neuen Eltern nahe bringt, muss man sehr genau und ausdauernd arbeiten und darf nichts, auch keine Kleinigkeit auslassen. Mit der Erstellung eines Videopasses ist man ungefähr 40 Stunden lang beschäftigt. An einem solchen Projekt arbeitet ein Team von dreißig Personen. Das zum endgültigen Film geschnittene Material bekommen die Vormundschaftsbehörden. Parallel dazu wird es im Internetportal www.videopasport.ru veröffentlicht, das jedem Interessenten zugänglich ist.

Die regionalen Behörden haben das Recht, das Filmmaterial unentgeltlich zu nutzen und es von lokalen Fernsehsendern ausstrahlen zu lassen. Wenn potentielle Pflegeeltern sich an die Vormundschaftsbehörde wenden, bekommen sie eine DVD mit den Kurzversionen der Filme über jedes Kind. Die zukünftigen Eltern können dann kommen und sich die Videopässe der Kinder, die ihnen gefallen, vollständig ansehen. Auf dem Portal und der DVD ist der Videopass als Blume dargestellt. Er präsentiert in der Mitte das Foto des Kindes und auf den Blättern die verschiedenen Informationen. Sie sind thematisch gegliedert in „Mein Video“, „Was ich kann“, „Was ich mag“ usw. Wir gehen davon aus, dass die Interessenten sich im Uhrzeigersinn durch die Informationen klicken und haben so den Punkt „Gesundheit“ an die letzte Stelle gesetzt. Damit man bis dahin schon viel über das Kind erfahren hat, Sympathie entwickeln konnte und mögliche gesundheitliche Probleme mit einer positiven Grundeinstellung aufnimmt.

UndIhreErfolge?

Seit Beginn des Projektes haben wir etwa 1500 Videopässe hergestellt und über 800 Heimkinder in Familien vermittelt. Weitere ungefähr 100 online gestellte Videopässe sind derzeit blockiert, das heißt, potentielle Pflegeeltern befassen sich gerade mit ihnen. Die Vermittlungsquote erreicht bei den Kindern mit Videopass ungefähr 80%. Ein Großteil von ihnen ist im Schulalter. Nach der amtlichen russischen Statistik hingegen liegt die Wahrscheinlich einer Vermittlung solcher Kinder bei 8%.

Die Erstellung von Videopässen wiederum kostet bei weitem weniger, als eine dauerhafte Unterbringung eines Kindes in einem Waisenhaus. Ja nach Region gibt der russische Staat zwischen 500.000 und 1 Million Rubel im Jahr für ein Heimkind aus.

Sie sind wahrscheinlich mittlerweile Experte für Adoptionsfragen.

In meinen zahlreichen Gesprächen mit Fachleuten habe ich tatsächlich viel Neues gelernt. Und so haben wir im vergangenen Jahr im Rahmen unseres Projektes die Arbeit an einem Videofernkurs für Pflegeeltern aufgenommen.

Dass in Russland so erschreckend viele Kinder, nachdem sie bereits in einer Pflegefamilie untergekommen waren, wieder ins Heim geschickt werden, ist kaum bekannt. Viele nehmen in einem Anflug von Mitleid ein Heimkind auf. Diese Entscheidung aber sollte nicht von einem solchen Gefühl gesteuert sein. Das Mitleid mit einem Kind kann eines Tages in Selbstmitleid umschlagen. Das Kind wird dann als Störfaktor erlebt, den die Eltern beseitigen wollen, indem sie es mit mancherlei Rechtfertigungen wieder ins Kinderheim zurückbringen. Die Enttäuschung ist leider oft aus einer Illusion geboren.

Worin liegt die Gefahr manchen Fotomaterials über bestimmte Waisenkinder? Darin, dass ein Erwachsener auf der Grundlage eines einzigen Fotos ein Phantasiebild über ein Kind produziert. Wenn sich aber herausstellt, dass dieses nicht seinen Träumen entspricht, bekommt in erster Linie das Kind die Bitterkeit der Enttäuschung zu spüren.     

Ein Beispiel für die Folgen solcher spärlichen Informationsgrundlagen: Ein winziges Foto, auf dem das Kind nicht richtig zu erkennen ist. Drunter ein Schriftzug: „Augen: blau“, „Charakter: gut, kontaktfreudig“. Die Beschreibung füllt nur wenige Zeilen. Vielleicht versucht der Erzieher, dem das Schicksal seines Zöglings am Herzen liegt, seine ganze Liebe zu ihm in ein paar Worte zu fassen. Und das ist alles. Ein so oberflächliches Vorgehen wird dieser Aufgabe nicht gerecht.

Die ungekürzte Fassung des Interviews erschien zuerst in der Zeitschrift Itogi.

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