Putin braucht den Kandidaten Prochorow

Michail Prochorow. Foto: mdp2012.ru

Michail Prochorow. Foto: mdp2012.ru

Michail Prochorow ist nicht nur einer der reichsten Unternehmer Russlands, sondern auch Kandidat bei der russischen Präsidentschaftswahl am 4. März. Prochorow sagt, Russland brauche keine Revolution, sondern eine evolutionäre Entwicklung in Richtung 
Demokratie, Marktwirtschaft und Europa. Und dass mit den Dezember-Protesten die Ära der „gelenkten Demokratie“ zu Ende gegangen sei.

Auf den ersten Blick positioniert sich hier ein ernst zu nehmender Gegenspieler zu Wladimir Putin mit liberalen und europäischen Überzeugungen. Doch welche Rolle spielt Prochorow bei der Präsidentschaftswahl tatsächlich? Darüber wird in Russland heftig diskutiert. Es gibt keinen seriösen Beweis dafür, dass er im Auftrag des Kremls handelt. Doch es ist zweifellos im Sinne Putins, wenn Prochorow als Kandidat antritt. Denn Putin steht nach den Protesten gegen die offensichtlichen Wahlfälschungen bei der Duma-Wahl vor einem Dilemma: Die Legitimität der Präsidentschaftswahl steht in Frage, sollte es erneut zu Unregelmäßigkeiten kommen. Daher benötigt der Kreml einen ehrenvollen neuen Kandidaten, der aber keine reellen Siegeschancen gegen Putin hat. Prochorows Ambitionen passen hervorragend ins Konzept.

Er ist einer jener dynamischen Unternehmer, die in der postsowjetischen Ära aus dem Nichts zu Multimilliardären geworden sind. Viele gesellschaftliche Aufsteiger der letzten Jahre können sich mit diesem Selfmademan identifizieren. Er verkörpert die Ideale des jungen russischen Mittelstands, dessen Vertreter sich so zahlreich an den Protesten in Moskau beteiligt haben. Mit seinen rechtsliberalen Positionen könnte er zudem die liberal gesinnte Mittelschicht bei der Wahl spalten.

Als Neueinsteiger in die russische Politik gibt der smarte Prochorow der Präsidentschaftswahl den Schwung, den der Kreml nach den Protesten im Dezember braucht. Er nimmt die Grundpositionen eines Teils der Protestler auf, die eine politische und wirtschaftliche Stagnation in Russland befürchten. Zugleich ist dem Kreml klar, dass Prochorow in der breiten Masse nicht mehrheitsfähig ist.

Einige gezielte Hinweise auf seinen in den letzten Jahren 
erwirtschafteten Reichtum könnten ihn unter den vielen am Rande der Armut lebenden Russen – vor allem auf dem Land – unglaubwürdig machen. Diesen Wählern liegen Putins Ansichten über die Zukunft des Landes wesentlich näher. In seinem kürzlich veröffentlichten Wahlprogramm setzt er auf das Konzept eines paternalistischen, starken Staates, der seinen Bürgern im Innern ein „Leben in Würde“ und nach außen Großmachtstatus verspricht. Selbst unter freien, fairen Bedingungen dürfte sich die Mehrheit der Russen in einer Stichwahl zwischen Putin und Prochorow eindeutig für Putin entscheiden.

Ingo Mannteufel ist Leiter 
der Russischen Redaktion 
der Deutschen Welle.

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