The Wind of Change

Protestdemo in Moskau.Foto: Artem Sizow/ Ridus

Protestdemo in Moskau.Foto: Artem Sizow/ Ridus

Ein Monat vor den Präsidentschaftswahlen war es wieder soweit: die nächste große Protestdemonstration der frisch geborenen russischen Zivilgesellschaft fand statt.

Man muss schon sagen, dass seit der ersten großen Kundgebung am 10.Dezember das Leben scheinbar aller Bewohner des Landes auf dem Kopf steht. Oder nein, eigentlich stehen wir nun mit beiden Beinen fest auf dem Boden, endlich. Die Jahre davor verliefen in einem endlosen Kopfstand. Mitten im Leben, mitten im Beruf und informiert von den braven staatlichen Fernsehsendern darüber, in was für einem vorbildlichen Land wir leben, mit einem ebenso vorbildlichen Präsidenten und Premier, wollten wir der Seifenoper mit Happy End glauben. Währenddessen wurde die sogenannte Elite immer reicher, wir  – immer ärmer. Wir sollten glauben, dass dies so sein muss. Vor 200 oder auch 20 Jahren hätte es funktioniert. Aber im Zeitalter des Web 2.0 ist das nicht mehr so einfach. Spätestens seit dem 10.Dezember wissen das „die da Oben“ auch. Und versuchen sich anzupassen, scheinen es aber gleichzeitig nicht realisieren zu können, dass die Zahl der Protestdemonstranten wächst.

„Wir werden nicht frieren, wir werden nicht verzeihen“


Für mich persönlich war es auch eine Überraschung bei frostigen -20° so viele Menschen auf der Straße zu sehen. Vor jedem Meeting ist es nun schon Tradition mit den Freunden zu diskutieren, wie viele denn dieses Mal kommen. Bisher haben wir uns alle immer verschätzt, - allem Anschein nach habe ich einen pessimistischen Freundeskreis. Wir denken, es werden weniger, dabei werden es immer mehr. Schon etliche Metrostationen vor der Oktjabrskaja, an der der Marsch beginnen sollte  - war es offensichtlich. Die Züge voll, wie in der Rush Hour, die Rolltreppen nach Oben überfüllt. Als der Marsch dann vorbei ist und alle endlich auf dem Bolotnaja Platz versammelt stehen – sagte der Politiker und Moderator der Kundgebung Wladimir Ryschkow, dass ein föderaler Fernsehsender gerade in den Nachrichten von 10 000 Demonstranten berichtete. Die Menge lacht. Später ist dann die Rede von knapp 40 000, die Organisatoren sprechen von 120 000. Wie viele es denn wirklich waren kann man schlecht beurteilen und eigentlich ist die genaue Zahl auch egal. „Hauptsache, wir zeigen, dass wir wirklich viele sind“, sagt Roman Dobrokhotov, junger Politiker, Gründer der Bewegung „Wir“ und Mitglied der demokratischen Bewegung „Solidarnost“. Er ist natürlich auch unter den Protestierenden. „Und es stimmt ja, wie man sieht. Ich bin sicher, dass im März nach den Wahlen noch mehr Menschen auf die Straßen gehen werden. Und ich denke es wird eine „farbige Revolution“ geben“, ist sich Roman sicher.  Das hoffen bei Weitem nicht alle Demonstranten.  


„Wir haben euch noch nicht alles gezeigt!“


Die Mehrheit will gehört werden, nach dem Motto „wir sind auch Menschen!“ Und Putin soll gehen! „Mir wird schlecht, wenn ich ihn sehe oder höre, das macht echt müde“ – sagt die junge Fotografin Ira.  Während wir alle also vierzig Minuten in der Kälte den Reden lauschen, Parolen schreien und miteinander natürlich über Politik reden – versuchen sich die Nationalisten mit ihren schwarz-gelben Flaggen durch die Menge nach vorne zu drängeln. „Russland für Russen“ – schreien sie dabei. Aggressiv und selbstsicher benehmen sie sich – alle anderen in der Menge schauen sie schief an und einige wollen sie erst gar nicht durch lassen. Fast beginnt eine Schlägerei. Das besondere dieser Protestbewegung ist, dass hier wirklich verschiedene Bewegungen und Parteien vertreten sind: die Liberalen, die Kommunisten, Anhänger des Präsidentschaftskandidaten und Oligarchen Michail Prokhorow, Umweltschützer und Menschen, die sich Niemandem anschließen. Auch die Nationalisten gehören dazu, doch werden sie von allen anderen geduldet  - wie lange, ist die Frage.

Am 26.Feburar soll die nächste Demonstration stattfinden. Wie sie verlaufen wird und ob wir im Endeffekt die Resultate der Protestbewegung schon am 4.März bei der Präsidentschaftswahl sehen können, ist eine Frage, die sich alle Demonstranten stellen. Die Antwort bleibt bislang aus. 

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