Ende der Millionentransfers

Der brasilianische Altstar Roberto Carlos spielt heute für den russischen Fußballverein Anschi Machatschkala. Foto: RIA Novosti/Alexej Kudenko

Der brasilianische Altstar Roberto Carlos spielt heute für den russischen Fußballverein Anschi Machatschkala. Foto: RIA Novosti/Alexej Kudenko

Russland gilt als Gehalts-Eldorado für Fußballprofis. Das neue „Financial Fair Play“-Konzept der UEFA will nun die größten Auswüchse beseitigen

In Zukunft werden viele Mannschaften auf den Kauf teurer Spieler verzichten müssen. Gemäß neuen Normen der UEFA sollen die Fußballklubs nachweisen, dass ihre Ausgaben die Einnahmen nicht übersteigen. UEFA-Chef Michel Platini hat die neuen Regeln bereits gutgeheißen. Sie werden teilweise seit Januar 2012 angewendet, aber in vollem Ausmaß erst ab Juli 2014 in Kraft treten. Während dieser dreijährigen Übergangszeit gilt für die europäischen Klubs ein maximales Ausgabenlimit von 45 Millionen Euro pro Jahr.

Gemäß der UEFA sollen die neuen Finanzregeln nicht nur die Ausgaben der großen Klubs bremsen, sondern vor allem der Praxis ein Ende setzen, dass weniger bekannte Mannschaften sich mit sehr teuren Spielern einen Aufstieg erkaufen. „Wir sind weit davon entfernt, alle Klubs in einen Topf werfen. Doch wir wollen mit der neuen Regel bewirken, dass mittelständische Klubs aufhören, Millionen auszugeben, die sie nicht haben“, meint ein UEFA-Funktionär.

Gewisse Teams haben reiche Besitzer, die für den Kauf von Fußballern eigenes Geld zur Verfügung stellen und danach die Klubschulden abschreiben. Unter den neuen Regeln gilt eine solche Praxis als konkurrenzverzerrend und ist verboten. Gemäß Berechnungen der UEFA schreibt die Hälfte der rund 650 europäischen Fußballklubs Verluste. Bei einem Fünftel dieser Klubs übersteigen die Verluste die Einnahmen um mehr als 20%.

Das bedeutet aber nicht, dass die reichen Besitzer keine eigenen Mittel für ihre geliebten Klubs ausgeben dürfen. Beispielsweise für neue Stadien oder die Nachwuchsförderung sind solche Geldquellen nach wie vor erlaubt. Die Klubs hingegen, die die neuen Normen missachten, können von den europäischen Turnieren ausgeschlossen werden.

Die russische Frage

Die neuen Maßnahmen werden auch Russland betreffen. Gemäß einem Bericht der UEFA haben die russischen Fußballklubs 2009 92% ihrer

Budgets für Spieler und Trainer ausgegeben. Bei einer solchen Statistik sind schwarze Zahlen praktisch ausgeschlossen.

Es scheint nur in Russland möglich zu sein, dass für einen eher bescheidenen Fußballer wie den ungarischen Nationalspieler Balázs Dzsudzsák insgesamt 29 Millionen Euro bezahlt werden. Und Samuel Eto’os Jahresgehalt (Anschi Machatschkala) ist höher als der jährliche Merchandising-Umsatz von Ajax Amsterdam. Während russische Touristen Ajax-T-Shirts mit dem Namen des Russen Dmitrij Bulykin kaufen, fährt Eto’o in teuren Oldtimern herum. Gemäß der bekannten Informationsressource transfermarkt.com haben in dieser Wintersaison vier der zwölf teuersten Transfers in Russland stattgefunden.

Auch die Trainer stehen ihren Zöglingen in nichts nach. Das Gehalt des Zenit-Trainers Luciano Spaletti beträgt nach Informationen der italienischen „Gazzetta dello sport“ vier Millionen Euro. In seiner Heimat kann Herr Spaletti von so einer Bezahlung nur träumen. Und wer will beim Gehalt schon absteigen? Sogar ein Angebot von Inter Mailand schlug der Italiener letzten Sommer aus. Auch der ehemalige holländische Nationalspieler und heutige Trainer Ruud Gullit konnte sich in Russland eine goldene Nase verdienen. Nach nur fünf Monaten beim tschetschenischen Klub Terek wurde dieser mit einer Entschädigung entlassen, mit der Ruud sich getrost zur Ruhe setzen könnte. Das Fazit liegt auf der Hand: Russland ist ein Gehalts-Eldorado für Fussballprofis, doch die Leistungen der Klubs werden dadurch nicht besser.

In den kommenden drei Spielsaisons sollte die Begrenzung der Ausgaben auf 45 Millionen Euro zur Rettung werden.

Dabei ist es noch völlig unklar, ob die UEFA die deklarierten Sponsoreneinkünfte schlucken wird. Eine Besonderheit in der russischen Fußballlandschaft ist, dass die Hauptsponsoren meistens auch die wichtigsten Aktionäre der Klubs sind. Zudem erhalten viele Teams auch staatliche Finanzierung. Den Durchblick in diesen undurchsichtigen Geflechten zu behalten, dürfte für die Expertengruppe der UEFA keine einfache Aufgabe sein.

Nachwuchsförderung statt Shopping-Tour

Wenn man beispielsweise die Kauflust von Anschi Machatschkala betrachtet, mit der der Klub besonders bei den letzten Sommertransfers für Schlagzeilen gesorgt hatte, stellt man sich unweigerlich die Frage: Wie soll ein solch ambitiöser Klub unter dem wachenden Blick der UEFA bloß existieren? Natürlich wird der Besitzer und Oligarch Suleiman Kerimow seinem Klub auch weiterhin beistehen, doch wie werden die europäischen Kontrolleure darauf reagieren?

So oder so werden alle Klubs der russischen Premier Liga gezwungen sein, den Anteil an Einnahmen, die nicht von den reichen Sponsoren oder vom Staat stammen, zu erhöhen. Zudem wird das Konzept des Financial Fair Play wohl bewirken, dass die Klubs mehr in die Förderung von eigenem Nachwuchs investieren. Dies ist auch von einem wirtschaftlichen Standpunkt durchaus sinnvoll: Eine sehr aktive Nachwuchsförderung ist allemal billiger als teure Einkaufstouren im Ausland. Gerade in Anbetracht der kommenden WM 2018 in Russland gewinnt das Thema der Nachwuchsförderung an zusätzlicher Aktualität. Der Präsident der Russischen Fußballunion Sergej Fursenko hat das Ziel bereits formuliert: Russland soll 2018 nicht nur Gastgeber sein, sondern auch Weltmeister werden. Damit dieses Ziel Realität wird, dürfen natürlich nicht alle großen Stars der russischen Fußballklubs aus dem Ausland kommen, wie das heute der Fall ist.

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