Gazprom Privatisierung noch nicht möglich

Wem wird Gazprom gehören? Foto: Reuters / Vostock-Photo

Wem wird Gazprom gehören? Foto: Reuters / Vostock-Photo

Die Privatisierung Gazproms ist in den kommenden zehn bzw. 15 Jahren und ohne Reformen des russischen Gasriesen kaum möglich. Davon sind die meisten Experten überzeugt, die von der Wirtschaftsnachrichtenagentur PRIME befragt wurden. Allerdings schließen sie nicht aus, dass die staatliche Ölgesellschaft Rosneft in wenigen Jahren verkauft werden könnte.


Gazproms Verkauf – vorerst kein Thema

Putin hatte am Montag bei einem Treffen mit Politikexperten gesagt, der richtige Zeitpunkt für die Privatisierung des Öl- und Gassektors wegen seiner enormen Monopolisierung und der beträchtlichen Belastungen im sozialen Bereich sei noch nicht gekommen. Er gab jedoch zu verstehen, dass Gazprom & Co. mittelfristig tatsächlich an private Eigentümer verkauft werden könnte. Zuvor hatten die Behörden eine solche Möglichkeit völlig ausgeschlossen. 

Die befragten Experten sind sich allerdings einig, dass die Privatisierung des Energiekonzerns in seinem jetzigen Zustand unmöglich ist. Wjatscheslaw Bunkow (Investitionsgesellschaft Aton) ist der Ansicht, dass erst entsprechende Marktmechanismen geschaffen werden müssten, so dass der Konzern in Förderungs-, Transport- und Absatzsegemente aufgeteilt werden könnte (nach dem Vorbild der Reform des Strommarktes). „Wenn diese Umwandlung vollzogen ist und der Gasmarkt wirklich intakt ist, dann käme eine Privatisierung infrage“, so Bunkow. Die Strukturreformen des Gasriesen werden nach seiner Auffassung zehn bis 15 Jahre in Anspruch nehmen.

Investitionsanalyst Valeri Nesterow (Troika Dialog) stellte seinerseits fest, dass Gazprom seine starke Marktstellung nicht verlieren wolle. „Gazprom hat eine sehr einflussreiche Lobby und will seinen Status als Monopolisten bei Gasförderung (bis zu 80 Prozent), -transport und -export nicht verlieren, jedenfalls nicht auf eigene Initiative“, betonte er. 

Andererseits sei die Gasholding derzeit stabil, habe große Aufträge und sei ein wichtiger Steuerzahler. Die Behörden würden derzeit keinen Anlass für seine Privatisierung sehen, ergänzte der Experte. 

Frage des Preises

Wenn man bedenke, dass Gazproms Unternehmenswert den Vorkrisenstand (332 Milliarden Dollar am Ende 2007) immer noch nicht erreicht hat, wie auch die Tatsache, dass der Konzern einer der größten Steuerzahler in Russland ist, dann werde offensichtlich, dass seine Privatisierung derzeit nicht infrage komme, sagte Elena Turschanskaja (Kalita Finance). 

Zugleich erinnerte sie, dass Gazprom mit 141 Milliarden Dollar das teuerste Unternehmen in Russland und siebtteuerste weltweit sei. Ob der Konzern aber noch teurer werden könne, sei fragwürdig – der Stein des Anstoßes seien dabei die Großprojekte, an denen er beteiligt sei, so die Expertin. Unter anderem sollen die Investitionen in den Bau von Pipelines in den kommenden acht Jahren 400 Milliarden Rubel (1 Euro = ca. 40 Rubel) erreichen. Damit sei Gazproms Privatisierung erst in mehreren Jahren möglich, schlussfolgerte Turschanskaja. 

Politischer Aspekt

Experte Nesterow führte Putins jüngste Äußerungen über die mögliche Privatisierung russischer Öl- und Gasunternehmen auf die Präsidentenwahl im  Marz zurück. „Konkrete Ergebnisse sollte man in absehbarer Zeit nicht erwarten. Früher gab es in der Regierung Anhänger der Liberalisierung Gazproms, und zwar German Gref (Ex-Wirtschaftsminister) und Alexej Kudrin (Ex-Finanzminister). Jetzt ist der liberale Block im Kabinett schwächer geworden“, stellte er fest.

Auch Turschanskaja stimmte der These zu, dass Putin an die bevorstehende Präsidentenwahl denkt. „Über  Russlands nicht-marktorientierte Wirtschaft und über Methoden zu ihrer Entmonopolisierung kann man viel reden, besonders vor den Wahlen. In diesem Sinne könnte die Reformbereitschaft der Behörden das Interesse der Wähler erwecken. Außerdem sind die Aussagen über die Privatisierung Gazproms ein Signal an die westlichen Investoren: Geheime Verhandlungen mit einflussreichen Partnern werden womöglich bereits geführt“, vermutete die Expertin. 

Rosneft & Co.

Die Situation in der Ölbranche sei etwas anders, stellen die Experten fest. „Private Unternehmen wie Lukoil, TNK-BP usw. sind durchaus erfolgreich. Deshalb ist die Privatisierung dieses Sektors möglich und könnte leichter von der Hand gehen als im Fall Gazprom verlaufen“, so Wjatscheslaw Bunkow. „Eine andere Frage ist, dass die Zukunft des Markts derzeit nicht ganz eindeutig ist. Deshalb könnte dieser Prozess bis zu fünf Jahren in Anspruch nehmen.“ 

Nesterow verwies seinerseits darauf, dass der Unternehmenswert von Rosneft derzeit so niedrig sei, dass die Firma ihre Förderungs- und Verarbeitungseffizienz analysieren müsse, wofür zusätzliche Ausgaben erforderlich seien. Seine Schulden werden dadurch weiter wachsen. Rosneft sei derzeit nicht so attraktiv für Investitionen wie erst vor ein paar Jahren und lasse sich derzeit nicht für wirklich großes Geld verkaufen, unterstrich der Experte. „Andererseits geht es nicht um den völligen Verkauf, sondern nur um eine Verringerung des staatlichen Anteils. Deshalb könnten auch große strategische Investoren aus dem Ausland einsteigen. Solche Deals wären aber erst in ein paar Jahren oder noch später möglich.“ 

Wer profitiert?

Die Experten sind sich einig, dass die teilweise Privatisierung für Gazprom durchaus günstig wäre. „In der Perspektive könnte der Konzern als kommerzielle Organisation effektiver verwaltet werden. Staatsunternehmen verlieren den Konkurrenzkampf, weil sie enorm groß und schwerfällig sind“, fuhr Elena Turschanskaja fort. Außerdem haben sie keine Entwicklungsanreize und auch keine neuen Ideen. 

Die Reformierung des Gassektors und der Einstieg ausländischer Investoren  könnten Gazproms Effizienz wesentlich erhöhen, sagte sie. Die größten Nachteile der Privatisierung wären nur der Interessenkonflikt zwischen den Aktieninhabern und der Anstieg der Marktpreise, fügte die Expertin hinzu.

Eine Aufspaltung Gazproms wäre für die Gasbranche günstig, zeigte sich auch Sergej Gurijew, der Rektor der Russischen Wirtschaftsschule, überzeugt. 

Als Käufer der russischen Öl- und Gasaktiva kommen vor allem ausländische und russische Großinvestoren in Frage. „Gazprom & Co. sind für sie sehr attraktiv, zumal sie angesichts der aktuellen Konjunktur relativ günstig wären“, findet Wjatscheslaw Bunkow.

Gazprom ist nicht VTB-Bank – Rückkauf kommt nicht in Frage

Die Situation um die Bank VTB, die ihre Aktien bei dem so genannten und umstrittenen „Volks-Börsengang“ im Jahr 2007 für 0,136 Rubel pro Aktie verkauft hatte und jetzt einen Rückkauf plant, ist Experten zufolge kein Hindernis für die Investitionen bei einer Privatisierung Gazproms, weil es sich um prinzipiell unterschiedliche Situationen handelt. 

Die VTB-Aktien seien massenweise von Kleinaktionären gekauft worden, die keine Ahnung von Risikomanagement haben, stellte Bunkow fest. Auch die Finanzkrise 2008 habe eine negative Rolle gespielt. „Strategische Investoren denken dagegen nicht an den sofortigen Gewinn, sondern an langfristige Perspektiven. In diesem Sinne sind die Öl- und Gasaktiva durchaus günstig.“ 

Die Situation um VTB sei ein Sonderfall, stimmte Sergej Gurijew zu. „Gazprom lässt sich nicht per „Volks-Börsengang“ privatisieren. Das ist eine Angelegenheit für strategische und Portfolio-Investoren. Sie wissen genau, dass es keine Garantie auf Gewinne gibt, verstehen aber ihre Verantwortung und überlegen sich ihre Risiken vor jedem Deal. Deshalb kommt ein Rückkauf der Gazprom-Aktien aus den Preisgründen nie in Frage“, stellte der Experte fest.

Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

Dieser Artikel erschien zuerst bei RIA Novosti.

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