„Krieg“ dem System

"Monumentale Erektion in Sankt Petersburg." Foto: plucer.livejournal.com

"Monumentale Erektion in Sankt Petersburg." Foto: plucer.livejournal.com

Die diesjährige Berlinale zeigt zwei russische Filme – einer davon handelt von russischen Künstlern, die aus Protest Autos umschmeißen und Penisse auf Brücken malen.

Heute startet in Berlin die 62. Berlinale und es herrscht wie immer in diesen Februartagen sibirische Kälte. Da ist es schön, wenn man im warmen Kino sitzen kann. Aber für gemütliche Treffen in den vielen Berliner Strassen-Cafés, wo es sich so gut über einige der fast 400 gezeigten Filme plaudern liesse, bietet sich leider keine Gelegenheit. Was war das schön als die Berlinale vor gut 30 Jahren noch im Sommer gefeiert wurde bevor sie -nur um noch vor „Cannes“ im Mai an die besten Filme zu kommen- auf den Jahresanfang vorgezogen wurde.

 

Leider gibt es dieses Jahr nur zwei russische Filme im Programm: „The Convoy“ von Alexey Mizgirew in der Sektion Panorama und „Zavtra“ von Andrey Gryasew im Internationalen Forum des Jungen Films. Hier soll der zweite Film besprochen werden.“

 

„Zavtra“

 

Sie nennt sich "Krieg" (Wojna), die russische Künstlergruppe, der Andrej Gryasew seinen Dokumentarfilm "Zavtra" (Morgen) gewidmet hat. Und gemeint ist: „Friede den Hütten Krieg den Palästen“ (nach Georg Büchner). Die anarchistischen Künstler verstehen sich als Opposition zu den heute herrschenden Verhältnissen in Russland und ihre Kunst entsteht aus der Aktion: Man klaut Lebensmittel in teuren Läden, nicht nur um zu existieren, sondern um auf die Schere zwischen den „Neuen Reichen“ im Land und der Mehrheit der Armen aufmerksam zu machen. Man wühlt im Müll der Reichen, lässt sich dabei filmen, stellt den Clip ins Internet und, voilà, die extreme Kluft zwischen Oben und Unten, die sich heute auch in anderen Staaten immer mehr vertieft, wird so einem internationalen Publikum präsentiert.

 

 

Weil die Gruppe "Wojna" das Geld ablehnt, musste sich der Filmemacher Gryazec verpflichten, den Film ohne Produzent und Budget herzustellen. Trotz der geringen Mittel (2.000 Dollar wurden ausschließlich für Bahnfahrkarten ausgegeben), ist dem Regisseur ein äußerst dichtes Portrait gelungen. Fast wie ein Mitglied der Familie bewegt sich die Kamera in der Wohngemeinschaft von "Wojna", die im Kern aus Natalia Sokol, Oleg Vorotnikov und dem gemeinsamen zweijährigen Sohn Kaspar besteht und ständig von anderen Aktivisten der Gruppe besucht wird. Die Bilder erinnern stark an die frühere 68er-Bewegung in Deutschland, in der die antiautoritäre Erziehung zum politischen Programm gehörte. So, wenn Kaspar, der gerade Mal aufrecht gehen kann, die schlafenden Erwachsenen mit dem Wasser aus seiner Gießkanne weckt, oder wenn er an einem Stuhl das Umwerfen von Autos probt.

 

Das Training zum Auto-Umwerfen beobachtet der Film ausgiebig: Die Gruppe übt immer wieder mal, zumeist an luxuriösen Import-Schlitten, wie man mit reiner Manneskraft ein Auto so kippt, dass es anschließend auf dem Dach landet. Ziel dieses Trainings ist eine berühmte Szene, inzwischen 500.000-fach im Netz angeklickt, in der ein Polizeifahrzeug von den Rädern auf das Dach gestellt wird. Dass die Staatsmacht von dieser und anderen Aktionen nicht begeistert war, versteht sich. Oleg Vorotnikow, der gemeinsam mit seinem Künstlerkollegen Leonid Nikolajew für dieses Happening vor Gericht kam, wird nach kurzer Zeit frei gelassen.

 

Fast jede Szene der Verhandlung wird im Film dokumentiert, ein Kunstexperte erklärt ausgiebig den ästhetischen und politischen Gehalt der Handlung und weitere Aktionen begleiten den Prozess. Immer wieder drängen sich Vergleiche zu den Happenings der Gruppe Fluxus auf, die mit Künstlern wie Joseph Beuys oder Wolf Vostell in den 60er Jahren der Bundesrepublik Furore machten. Allerdings waren deren Aktionen nicht von gleicher Radikalität. Denn "Wojna" sieht sich in der Tradition der Dekabristen, jener revolutionären Offiziere, die am 26. Dezember 1825 in Sankt Petersburg den Eid auf den Zar verweigerten.

 

Immer wieder gelingen dem Film zarte Bilder, vor allem dann, wenn er das Kleinkind Kaspar in den Mittelpunkt stellt. Regie und Künstlergruppe wissen offenkundig um die Wirkung des "Kindchensyndroms" und beuten diese auch gründlich aus. Allerdings gibt es ein Bild, das den niedlichen Kaspar sensationell übertrumpft: Es ist der riesige Penis, den die Gruppe mit weisser Farbe auf die Litejnyj-Brücke in Sankt Petersburg gemalt hat und dessen Effekt optisch erst richtig wirksam wird, wenn die Brücke, damit auch große Schiffe passieren können, hochgedreht wird. Was diese Aktion bedeuten mag, wollen wir lieber nicht erfragen.

Die Kunstwerke von Wojna. Fotos: plucer.livejournal.com

Wer die Präsenz der Gruppe „Wojna“ im Internet kennt, wird eine Reihe von Bildern im Film „Zavtra“ wieder finden. Manche allerdings sind nur über You Tube zu sehen. Zu ihnen gehört jene Aktion, in der eine Totenkopf-Projektion ein Regierungsgebäude in Moskau „ziert“, oder der Clip, in dem Vorotnikow mit einem blauen Eimer auf dem Kopf auf ein Polizeiauto springt, um dessen Blaulicht zu persiflieren, eine Aktion, die es bis in die Kulturmagazine des deutschen Fernsehen gebracht hat. Voinas Kunst wird es in absehbarer Zeit kaum in ein Museum schaffen, aber das ist der Gruppe eindeutig gleichgültig.

 

Mehr zum Film sowie Termine finden sich unter: http://www.berlinale.de/de/programm/berlinale_programm/datenblatt.php?film_id=20123008

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland