Puschkin, der Bär im Mann

Der Albtraum Tatjanas: Eugen Onegin in der Schaubühne. Tilman Strauß (Onegin), Luise Wolfram (Tatjana), Eva Meckbach (Olga) . Foto: Thomas Aurin

Der Albtraum Tatjanas: Eugen Onegin in der Schaubühne. Tilman Strauß (Onegin), Luise Wolfram (Tatjana), Eva Meckbach (Olga) . Foto: Thomas Aurin

In Russland stark verehrt, kennt man Alexander Puschkin in Deutschland höchstens aus der Oper. Die Berliner Schaubühne hat sich nun an seinen Versroman „Eugen Onegin“ gewagt.

Am 10. Februar werden sich wie jedes Jahr viele Menschen im kopfsteingepflasterten Hof an der Mojka in Sankt Petersburg versammeln und um 14:45 Uhr in einer Schweigeminute des Mannes gedenken, der hier anno 1837 mit nur 37 Jahren nach einem Duell gestorben ist. Danach erklingt das Requiem von Mozart, Kerzen brennen, Gedichte werden rezitiert und Blumen am Denkmal niedergelegt, die bei klirrendem Frost sofort gefrieren.

Ein Heiliger? Ein Dichter! Keiner wird im Land so sehr verehrt wie Alexander Puschkin. Jeder der Großen im Pantheon der russischen Literatur beruft sich auf Puschkin, mit dem das Goldene Zeitalter seinen Anfang nahm. Von der Wiege bis an die Bahre sind seine Märchen, Lyrik, Prosa und Dramen lebendiges Erbe für alle Schichten der Bevölkerung. Im Volk lebte er in Anekdoten und Legenden als eine Art Narr und Hanswurst weiter, und heimlich trug man in Sowjetzeiten seine erotischen Dichtungen vor. Als nationale Autorität wurde er zu allen Zeiten verklärt und ideologisch vereinnahmt, jede Obrigkeit erklärte Puschkin zu einem großen Poeten und Stolz der Nation. Was ist bloß sein Geheimnis?

Puschkin, dieser „Mozart der russischen Sprache“, etablierte in seiner Dichtung verschiedene, sich widersprechende Positionen, ging frei und spielerisch, unterhaltend, ernst oder parodierend damit um. Er beherrschte nicht nur meisterhaft viele Rollen (Dandy und Salonlöwe, flatterhafter Don Juan, Provokateur und bissiges Filou, dem Skandale, Intrigen und Duelle auf dem Fuße folgten), sondern er war gleichzeitig ein tief empfindendes Genie, das sich in ungeahnte Räume des Geistes aufschwingen konnte. Er bescherte der russischen Literatur bahnbrechende Neuerungen, befreite sie von Dogmen und Zwang und forderte vehement die geistige Unabhängigkeit und Zweckfreiheit von Kunst.

Seine eleganten, vor Geist sprühenden Dichtungen verfertigte er überall, ob im Bett, in der Kutsche oder auf dem Billardtisch. Ohne seine Biografie wird man sein Werk nicht verstehen – Puschkin mit seinem afrikanischen Blut wurde geliebt, gehasst, verbannt, zensiert – und er liebte ohne Ende. Liebe und Erotik waren der Motor seines Lebens: Über 100 Annas, Maschas, Katjas oder Sissies beichtete er seiner Frau Natalja Gontscharowa vor der Hochzeit. Schon als Knabe las er französische Pornografie in der Bibliothek des Vaters … Theaterbesuche und Bälle mit adligen Fräuleins in den Salons von Sankt Petersburg? Prickelnde Rendezvous mit Ballerinen in der „Grünen Lampe“? Aus brennender Liebe zu einer Zigeunerin verschwand Puschkin gar in der südrussischen Steppe.

Puschkin löste mit seiner Dichtung einen Tumult aus


In Deutschland kennt man dieses Universalgenie der Weltliteratur kaum, denn Puschkins Dichtung angemessen zu übersetzen ist überaus schwer (an dieser Stelle sei auf die großartigen Übertragungen von Michael Engelhardt und Rolf-Dietrich Keil hingewiesen). Für die meisten bleibt es also bei den Opern „Boris Gudonow“ von Modest Mussorgski und „Onegin“ in der Vertonung von Peter Tschaikowski.

Und nun – sein berühmter Versroman „Eugen Onegin“ als Schauspiel in der Berliner Schaubühne? Alvis Hermanis, lettischer Kultregisseur, wagte die szenische 
Adaption. Wie im Schnitt durch eine übergroße Puppenstube sind historisches Mobiliar und Utensilien des Alltags über die Breite der Bühne verteilt.

Hoch über einer Salonwand erscheinen Projektionen mit Gemälden, die uns in Puschkins Welt einsteigen lassen (Bühne: Andris Freibergs). Doch nicht nur uns. Unauffällig setzen sich Schauspieler in die Dekoration und erzählen uns über das 19. Jahrhundert, allmählich gehen sie über in die vierfüßigen Jamben des Versromans (deutsch: Ulrich Busch). Der erste Schauspieler schminkt sich. Leise treten Garderobieren durch Wandtüren ein, reichen historische Kleidung, schnüren Korsette, legen Hemden, Hosen, Kragen an, helfen in Strümpfe, Perücken, Frack und Zylinder. Wir werden mitgenommen auf eine Entdeckungsreise in die russische Alltagskultur der Puschkinzeit, in der deutsch gedacht, französisch gescherzt und auf Russisch nur 
gebetet wurde; wir begleiten Onegin als gelangweilten Dandy, 
erfahren Details über Korsette und Konventionen, persönliche Hygiene und das Lebensgefühl der Damen. Die Männer? Sie duellierten oder langweilten sich, waren teuflische Verführer oder rettende Engel. Ach Puschkin! Wie schrieb noch Andrej Sinjawski? „Auf dünnen, erotischen Beinchen kam Puschkin in die große Dichtung hereingelaufen – und löste einen Tumult aus …“

Unaufgeregt in den Tod

In Frack und Löckchen erzählt uns Puschkin auf der Bühne seinen Roman, wir sind mitten in Tatjanas Albtraum, in dem der Bär los ist und die Geschichte unaufhaltsam auf den Tod zusteuert: Sie liebt Onegin, der weist sie ab und flirtet mit Olga; Lenski, Olgas Bräutigam, fordert den Freund zum Duell. Schon sitzt Tatjana mit zwei riesigen Messern da und kämpft mit einer Wassermelone, deren roter Saft ihr aus dem Mund läuft, doch Onegin liegt auf einer Bank und verschläft beinahe das blutige Duell. Unaufgeregt vollzieht sich Lenskis Tod. Das End von der Geschicht?

Onegin kehrt nach drei Jahren zielloser Reise nach Petersburg zurück und findet eine souveräne, fürstlich verheiratete Tatjana wieder. Die Rollen kehren sich um. Onegin verliebt sich rasend in sie und wird abgewiesen. Halbnackt kriecht er auf dem Boden herum und verliert die Façon – wird er wahnsinnig? Aber dem Regisseur geht es nicht um Action, sondern um die präzise und sehr poetische Auseinandersetzung mit einer vergangenen Welt und Figuren, die in ihrer Verwandlung auch heute glaubwürdig sind. Wie bei Puschkin vor fast 200 Jahren.

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