„Wünsche ich mir Freiheit? Ja, natürlich.“

Braucht Syrien Baschar al-Assad? Foto: AP / Bilal Hussein

Braucht Syrien Baschar al-Assad? Foto: AP / Bilal Hussein

In Moskau lebende Syrer berichten über ihre Wahrnehmung des Konflikts. Dabei gehen die Meinungen stark auseinander.

Elf Monate bereits liefern sich Oppositionelle in Syrien erbitterte Kämpfe mit der Armee des Regimes. Nach Angaben der UN kamen dabei über 5000 Personen ums Leben, Menschenrechtsorganisationen sprechen von 7000 Opfern. Regierungskritiker melden praktisch täglich neue Tote. Streitkräfte des Präsidenten Baschar al-Assad töten nach ihren Worten friedliche Demonstranten, die sich in den großen Städten an den Protesten beteiligen. Aus Regierungskreisen verlautet, die Armee kämpfe gegen „bewaffnete Rebellengruppen, die aus dem Ausland unterstützt werden“. Russland und China legten ein Veto gegen die Syrien-Resolution im UN-Sicherheitsrat ein. Gegen diesen Beschluss protestierten Syrer in Syrien selbst wie auch in anderen Ländern vor russischen Botschaften. Doch was denken in Moskau lebende Syrer über die Ereignisse in ihrer Heimat und die Rolle Russlands?

Tarek Farchan, 34, Gynäkologe

„Das syrische Volk sehnt sich nach Freiheit, es will in einem demokratischen Land leben. Die Leute gingen einfach auf die Straße, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Darauf antwortete das Regime mit aller Härte und Unnachgiebigkeit. Die Regierung wird nicht müde zu behaupten, das käme alles von außen, es handele sich um amerikanische Intrigen, um Strategien des Imperialismus. Ich bin Syrer. Wünsche ich mir Freiheit? Ja, natürlich.

Die Regierung reagiert nicht zum ersten Mal so brutal auf Forderungen des Volkes: Im Jahr 1982 kamen über 40.000 Menschen ums Leben (im Februar 1982, im so genannten „Blutbad in Hama“, starben nach unterschiedlichen Schätzungen 17.000 bis 40.000 Menschen, Anm. d. Red.). Aber davon bekam damals niemand etwas mit, und wer etwas wusste, der schwieg. Heute dagegen gibt es das Internet, Youtube. Ich bin Arzt, ich helfe bei Geburten, und dort muss ich sehen, wie man Kinder tötet. Ich habe auch Kinder.

Seit 48 Jahren wird dieses Land von einer Familie beherrscht. Das lässt sich überhaupt nicht rechtfertigen, wir leben doch nicht in einer Monarchie. Der Präsident wird auf jeden Fall abtreten. Auf welche Weise, weiß ich nicht. Aber das Volk duldet es nicht länger, dass sein Peiniger das Land regiert.

Es ist sehr bedauerlich, dass Russland und China die Syrien-Resolution blockiert haben. Bis heute können wir nicht aus unserer Ohnmacht erwachen. Für uns ist die russische Position im UN-Sicherheitsrat unverständlich. Russland ist auch unsere Heimat, unser Haus. Ich habe in Russland genauso lange gelebt wie in Syrien. Wenn in Russland irgendetwas passiert, sind wir natürlich bereit, es zu verteidigen. Die Resolution würde eindeutig helfen, dem Blutvergießen in Syrien ein Ende zu bereiten. Deshalb sind die Leute vor die russischen Botschaften gezogen. Sie wollten der russischen Regierung zeigen, was das syrische Volk wirklich will. Dass Demonstranten vor der Botschaft russische und chinesische Flaggen verbrannt haben, war nicht korrekt. Aber wir haben keine andere Wahl mehr. Die Leute wollen Aufmerksamkeit erregen. Ihr sollt sehen, erfahren, fragen, was dort vor sich geht. Wir fühlen uns Russland näher, als Amerika und dem Westen. Fragen Sie mich, ob ich es Russland oder Amerika überlassen möchte, über unser Schicksal zu entscheiden. Natürlich möchte ich Russland entscheiden lassen. Unsere Völker waren immer freundschaftlich miteinander verbunden und sie werden es auch bleiben. Russland kann den Konflikt auf friedlichem Wege lösen, wenn es will. Je weiter sich die Lage zuspitzt, desto schwieriger wird es.“

Ibrahim Naowaf, 37, Sonderkorrespondent des Radiosenders „Golos Rossii“(Stimme Russlands)

„Zu Beginn dieser Ereignisse verfolgte ich die lügenhaften Meldungen in Medien wie Al Jazeera oder Al Arabia und anderen ausländischen Nachrichtenagenturen. Kein einziges ehrliches Wort las ich da, dafür jede Menge Falschinformationen. Ich bin als Mitglied einer russischen Delegation schon drei Mal in Syrien gewesen. Ich reiste in einer Gruppe von Journalisten, Chefredakteuren, Parlamentariern, Nahostexperten, Arabisten und Osteuropawissenschaftlern. Wir waren in vielen Städten. Es stellte sich heraus, dass die Situation nicht dem entspricht, was die Medien berichten. Blutige Auseinandersetzungen gibt es nur in syrischen Grenzregionen. Zum Beispiel in der Stadt Homs, an der Grenze zum Libanon, aber auch an der Grenze zur Türkei und zu Jordanien. Von dort kommen die bewaffneten Rebellen ins Land. Die Millionen Demonstranten, die für den Präsidenten auf die Straße gehen, beachtet niemand. Die werden nicht gezeigt.

Derzeit hält sich Lawrow in Syrien auf, er trifft dort Präsident Baschar al-Assad. Millionen Bürger versammelten sich und demonstrierten Russland und China ihre Dankbarkeit für deren entschiedene Position in der Syrienfrage. Entgeht das etwa den Fernsehsendern? Ist es möglich, 10 Personen zu bemerken, die sich an irgendeinem dubiosen Ort befinden, und 17 Millionen im ganzen Land nicht? Ja, es gibt Probleme in Syrien. Der Präsident selbst trat zu Beginn der Proteste an die Öffentlichkeit und räumte ein, dass das syrische Volk gerechtfertigte Forderungen artikuliert. Jedes Land hat seine Probleme, das steht außer Frage. Ich wage zu behaupten, dass die Drahtzieher der Konflikte Syriens imperialistische und zionistische Feinde sind. Wenn Syrien tatsächlich umfallen sollte, was ich nicht hoffe, dann wäre das eine Katastrophe für alle Länder in der Region. Unter anderem für den Iran und die anderen Golfstaaten. Und die Wogen werden bis nach Russland schlagen. Syrien ist nicht der Libanon oder der Irak. Wenn sie es schaffen, das Land zugrunde zu richten, dann steht uns ein Bürgerkrieg bevor. Selbstverständlich würden früher oder später die Amerikaner das Ruder in die Hand nehmen. Soll das etwa Demokratie sein? So eine Demokratie brauchen wir nicht.

Unser Volk glaubt an den Präsidenten, es vertraut Russland, es glaubt an sich und möchte nichts anderes als Frieden.“

 

Faisal Almochamad, 25, Medizinstudent


„Ich war schon ein Jahr lang nicht mehr in Syrien. Was sich da gerade abspielt, kann ich nicht genau sagen. Aber ich denke, es ist eine Revolution. Unsere Familie interessiert sich nicht so sehr für Politik. Unsere Verwandten in Syrien beschränken sich auf das Wesentliche, wenn sie sich bei uns melden: „Bei uns ist alles in Ordnung. Konzentriert euch auf euer Studium, macht euch keine Gedanken.“ Im Internet lese und sehe ich Nachrichten aus Syrien auf verschiedenen Seiten und Kanälen. Man erfahrt dort vollkommen widersprüchliche Dinge: Dass Teile der Bevölkerung bewaffnet sind und unsere Soldaten töten, aber auch, dass die Soldaten desertieren, weil man sie dazu zwingt, auf die Zivilbevölkerung zu schießen. Im Internet habe ich viele Videos gesehen, in denen unsere Soldaten tatsächlich Menschen töten. Ich glaube nicht, dass unser Staat die Bevölkerung schützt. Zehn Monate zieht sich die friedliche Revolution jetzt hin und niemand hat zur Waffe gegriffen. Wäre ich Soldat und hätte den Auftrag, auf das Volk zu schießen, das noch nicht mal einen Stein in der Hand hält, würde ich mich natürlich verweigern. Ich würde aus der Armee fliehen.

Ich habe mir Hunderte Youtube-Videos angesehen. Friedliche Bürger haben gefilmt, was Polizei und Armee dort treiben. Wie soll ich glauben, dass der Staat dort rechtmäßig handelt? Man müsste nach Syrien reisen, um zu verstehen, was da passiert. Ich stehe auf der Seite des Volkes und glaube ihm. Ich bin immer für das Volk, schließlich habe ich dort meine Wurzeln.

Nicht einmal meine Freunde frage ich, wer wen unterstützt, Assad oder die Opposition. Man kann heutzutage über dieses Thema einfach mit niemandem diskutieren. In Russland stehen viele auf der Seite des Präsidenten und sagen dir sofort: „Du bist ein Verräter.“

Unser Präsident hat eingeräumt, dass er viele Fehler gemacht hat. Er weiß über alles im Land Bescheid. Russland, China, die USA und die EU aber verfolgen ihre eigenen Interessen und machen ihre Politik. Es ist bitter, dass diese großen Länder so wenig Rücksicht auf die Syrer nehmen. Wir haben schon so viele Opfer in der Bevölkerung und in der Armee zu beklagen. Sind das etwa keine Menschen?“

Dierser Artikel erschien zuerst bei Public Post.

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