Tanzen, um zu leben

Tanztherapie ist mehr, als nur die Bewegungen zu lernen. Foto: Pressfoto

Tanztherapie ist mehr, als nur die Bewegungen zu lernen. Foto: Pressfoto

Jeder kann tanzen, selbst Menschen mit gesundheitlichen Handicaps. Davon sind die Mitarbeiter des Rehabilitationszentrums „Oduchotworenije“ (wörtlich etwa: Inspiration, Vergeistigung) überzeugt. Und sie liefern den Beweis, dass von einer Tanztherapie sogar eine heilsame Wirkung ausgeht.

Manch eine erschütternde medizinische Diagnose kann durch die Tanztherapie in eine wertvolle Lebensalternative umgemünzt werden, die den einen oder anderen Außenstehenden von einem Wunder sprechen lässt. Doch die Mitarbeiter, die seit mehr als zehn Jahren im Rehabilitationszentrum „Oduchotworenije“ mit Menschen zusammenarbeiten, die von Ärzten und Lehrern abgeschrieben, als austherapiert oder als nicht bildungsfähig abgestempelt wurden, wissen, was hinter diesen "Wundern" steht. Ihre Schützlinge versuchen sich nicht nur in Tango und Cha-Cha-Cha, sondern lernen, mit ihren Defiziten umzugehen

Beobachtet man, wie Tanja Baikowa mühelos die schwierigsten Tanzfiguren ausführt, scheint undenkbar, dass dieses schlanke, grazile Mädchen einmal sieben Jahre lang an ihre Wohnung gefesselt war. Im Alter von 18 Jahren wurde bei Tanja ein hochgradiger Diabetes mellitus diagnostiziert. Die Ärzte untersagten ihr jedwede physische Belastung, denn Tanjas Beine hätten versagen können. Ihre Kraft reichte ohnehin gerade einmal, um den Weg zwischen Haus und Arzt zurückzulegen.

Eines Tages überredeten Freunde das Mädchen, mit zu einer Tanzstunde für Körperbehinderte zu kommen. „Am Anfang konnte ich ein paar Minuten lang die Bewegungen mitmachen, dann musste ich mich eine halbe Stunde ausruhen. Nach der Stunde bin ich drei Tage kaum aus dem Bett gekommen“, berichtet Tanja. Doch sie blieb dran. Allmählich wurden die Erholungspausen immer kürzer. Bis Tanja eines Tags feststellte, dass sie eine halbe Stunde im Park spazieren gehen konnte, ohne zu ermüden. Für sie, die sieben Jahre ihres Lebens in ihrer Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt war, bedeutete das nicht nur einen kleinen Schritt, es war der Anfang eines neues Lebens.

Heute leitet Tanja Baikowa als eine der Leiterinnen des Studios für Turniertanz im Rehabilitationszentrum „Oduchotworenije“ Übungsstunden und tritt auch selbst öffentlich auf. Natürlich ist Tanjas nicht wieder völlig geheilt, doch ihr Diabetes mellitus wird nur noch als mittelschwer eingestuft. Die Ärzte kommen aus dem Staunen über die wundersame Verbesserung der Krankheitssituation nicht heraus. Für Tanja selbst aber besteht das Wunder darin, dass sie zu ihrer Freundin in das Sommerhaus zu Besuch fahren und überhaupt ein fast normales Leben führen kann.

Auf die Idee, mit Behinderten zu tanzen, kam Leonid Tarassow, der Gründer des Rehabilitationszentrums „Oduchotworenije“, eher zufällig. Sein Schulfreund litt an einer Blutkrankheit, wurde als schwerbeschädigt eingestuft und lag mehrere Monate im Krankenhaus, wo ihn Leonid besuchte, so oft es ging. „Ich habe gesehen, wie ihn alles bedrückte, nicht einmal so sehr seine Krankheit, sondern vor allem die schleichende Entfremdung zwischen ihm und seiner bisherigen Umwelt“, erinnert sich Leonid Tarassow. „Mein Freund und ich haben viel darüber gesprochen, dass die Gesellschaft ihre Einstellung gegenüber Behinderten ändern muss." Heute lebt weltweit jeder Zehnte mit einer Behinderung unterschiedlicher Art und Schwere. "Kann man deshalb alle diese Menschen einfach abschreiben? Und einmal hat mein Freund gesagt, dass man endlich etwas tun müsse. Und weil ich mich früher professionell mit Tanz beschäftigt hatte, kam ich auf die Idee, Behinderte mit zum Tanzen zu nehmen.“

Wird von Behinderten gesprochen, denken die meisten an Menschen im Rollstuhl. Diese Personengruppe haben vor allem auch die staatlichen Behörden im Auge, wenn sie Erfolge bei der Umsetzung des Programms „Barrierefreie Zugänge“ vermelden und rapportieren, wie viele Bordsteinabsenkungen geschaffen, wie viele Rollstuhlrampen gebaut und wie viele Busse mit speziellen Hebevorrichtungen für Rollstühle in Betrieb genommen worden sind. Doch unter den in verschiedenster Weise gesundheitlich Beeinträchtigten stellen die Rollstuhlfahrer lediglich eine Untergruppe. Neben einer Schwerbehinderung, die auf Diabetes mellitus zurückzuführen ist, gibt es Herzkranke, Menschen mit Funktionsstörungen des Stütz- und Bewegungsapparats oder Defekten in der geistigen Entwicklung wie beispielsweise einem Down-Syndrom. Das Spektrum von Krankheiten, die zu einer Invalidisierung führen können, ist groß, und nicht alle Betroffenen sind an den Rollstuhl gefesselt. Viele Behinderte können sich selbstständig fortbewegen, bleiben aber dennoch überwiegend zu Hause. Einfach, weil sie nicht wissen, wohin und zu wem sie gehen sollen. Es mangelt ihnen nicht nur an einer barrierefreien Umgebung, sondern sie vermissen eine Umwelt, in der sie nicht auf Ablehnung stoßen.

„Im Schulalter ist der Mangel an Beschäftigung noch nicht so spürbar, denn meist sind die Eltern bemüht, ihnen zumindest eine gewisse Art von Bildung angedeihen zu lassen. Danach aber erhebt sich unweigerlich die Frage: Wie weiter? Und darauf gibt es kaum eine Antwort. Dabei sind selbst nach konservativen Berechnungen in Russland annähernd fünf Millionen Menschen zwischen 14 und 35 Jahren als Behinderte unterschiedlicher Schweregrade eingestuft. Oft stehen sie mit ihrem Problem ganz allein da. "Ohne Arbeit, ohne freundschaftliche Anteilnahme oder Interesse an ihrem Leben ist ihnen nur eines gewiss – die geistige Isolierung, der seelische Tod“, erklärt Leonid Tarassow.

Selbst die Initiatoren des Zentrums „Oduchotworenije“ waren überrascht, wie sehr klassischer Turniertanz die Rehabilitation fördern kann. Die Behinderten lernen, auf den Takt zu hören, sich im Rhythmus der Musik zu bewegen und mit dem Partner oder in der Gruppe gemeinsam aufzutreten. Im Endeffekt erwächst daraus etwas, das vom Standpunkt der Schulmedizin auf den ersten Blick als Wunder durchgeht. Bei einem Kind beispielsweise diagnostizierten die Ärzte eine gravierende Verzögerung der geistigen Entwicklung sowie Bildungsunfähigkeit. Die Eltern hatten Angst, ihr Kind auch nur für wenige Minuten allein zu lassen, geschweige denn, ihm den Weg in eine Reha-Einrichtung ohne Begleitung zuzutrauen. Aber nachdem dieses Kind eine Tanztherapie erfuhr, benutzt es selbstständig öffentliche Verkehrsmittel, geht einkaufen und wärmt sich auch noch das Essen selbstständig auf. 

Es ist ganz offensichtlich so, dass das Tanzen lediglich den Ausgangspunkt dafür bildet, den Menschen im Innersten zu motivieren, den Wunsch weiterzuleben und voranzukommen, allen gesundheitlichen Handicaps zum Trotz. „Wenn sie zu uns kommen, sind sie voller Komplexe und zutiefst deprimiert. Dann lernen sie, sich anmutig zu bewegen, keiner schämt sich mehr für seine Gebrechen, sie finden Freunde. Jede Übungsstunde ist ein weiterer Entwicklungsschritt“, berichtet Tanja Baikowa. Vor kurzem hat ihre Gruppe bei einem Festival für Kinder mit Handicaps viele Preise gewonnen.

Aber „Oduchotworenije“ bietet weitaus mehr als nur Turniertanz. Bereits seit mehreren Jahren ermöglicht das Rehabilitationszentrum einigen Dutzend Familien mit behinderten Kindern jeweils im Januar und im Sommer einwöchige Erholungsaufenthalte in einem Ferienheim im Moskauer Umland. Die Einbeziehung der Eltern steht für die Mitarbeiter ganz obenan. Deshalb gibt es während dieser Ferienwochen neben den Übungsstunden für die Kinder auch ein spezielles Training für Mütter und Väter. „Wir wollen auch die Eltern behinderter Kinder zusammenbringen, damit sie sich kennenlernen und ihre Probleme austauschen“, sagt Inna Tarassowa, stellvertretende Direktorin des Rehabilitationszentrums. „Wird das Kind als behindert eingestuft, die Behinderung staatlich anerkannt, stellen sich die Eltern oftmals auf einen Konsumentenstandpunkt: Alle sind uns etwas schuldig. Wir hingegen versuchen, ihnen nahezubringen, dass die Dinge nur schlechter werden, wenn sie selbst keinerlei Anstrengungen mehr unternehmen, sondern nur fordern. Der Staat kann zwar für eine gewisse materielle Absicherung sorgen, aber niemals Freunde und die Verbundenheit mit anderen Betroffenen ersetzen.“ Wenn also die Mutter eines behinderten Kindes plötzlich erkrankt, muss das für die Familie nicht sofort eine Katastrophe bedeuten. Wenn es ein Netzwerk gibt, in dem andere betroffene Eltern einspringen, um Einkäufe zu erledigen, Essen zu kochen oder die Wohnung aufzuräumen, braucht sich niemand im Unglück allein zu fühlen.

Im Rehabilitationszentrum „Oduchotworenije“ hat sich bereits eine derartige Gemeinschaft der Eltern gebildet. Bei den wöchentlichen Treffen im Familienklub üben Mütter und Väter gemeinsam mit ihren behinderten Kindern, elementarste Fähigkeiten für den Lebensalltag: eine Scheibe Brot zu belegen oder etwas einzukaufen.

Natürlich kommen Einrichtungen wie das Rehabilitationszentrum „Oduchotworenije“ nicht ohne staatliche Unterstützung aus. Sämtliche Übungsstunden sind kostenlos, und die meisten Mitarbeiter arbeiten ehrenamtlich. Glücklicherweise kann „Oduchotworenije“ seit Jahren mit Zuwendungen aus dem vom Gesundheitsministerium der Russischen Föderation unterhaltenen Wohlfahrtsfonds für Kinder in schwierigen Lebenssituationen rechnen. Die Mittel werden für Personal und Infrastrukturen eingesetzt, aber auch um Tanzkostüme zu nähen zu lassen oder auch um die Familienaufenthalte im Erholungsheim zu finanzieren.

Inzwischen reicht der Platz im Reha-Zentrum nicht mehr aus. So viele Interessenten kommen inzwischen aus ganz Moskau und mitunter sogar aus der Umgebung der Hauptstadt zu den Tanzkursen. In dieser Hinsicht offenbart sich auch in diesem Zentrum ein wunder Punkt, der ganz typisch für gemeinnützige Organisationen in Russland ist: Geeignete Räume. Die von kommerziellen Unternehmen geforderten Mieten können sie nicht aufbringen, kommunale Räumlichkeiten aber sind in der Regel bereits anderweitig belegt.

Doch „Oduchotworenije“ hatte auch hier ein bisschen Glück. Die Direktorin des Wissenschaftlich-methodischen Zentrums für Erziehungsarbeit in Nowogirejewo unterstützt die Ziele der Tanztherapie und gewährt ihnen Unterschlupf in ihrer Einrichtung. Dennoch wird es für mehr als die gegenwärtig betreuten 50 Schützlinge eng.

Sicher liegt hier ein Betätigungsfeld für Wirtschafts- und Geschäftsleute. Diese reagieren aber zumeist mit Absagen, was sich Inna Tarassowa folgendermaßen erklärt: Sponsoren bevorzugen spektakuläre Projekte, die medienwirksam sind. Also hat sie vorgeschlagen, dass sich auch die Mitarbeiter des Rehabilitationszentrums so eine spektakuläre Aktion ausdenken. Nun wollen sie in der Hauptstadt Moskau einen Jugendball organisieren, an dem neben „normalen“ Schülern und Studenten auch ihre behinderten Schützlinge teilnehmen sollen. Das könnte die erhoffte öffentliche Aufmerksamkeit - und damit neue Sponsoren - bringen.

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