Reklame oder Propaganda?

Was ist eigentlich Pressefreiheit? Foto: Ed Yourdon

Was ist eigentlich Pressefreiheit? Foto: Ed Yourdon

Wem russische und gleichermaßen westliche Medien zur Verfügung stehen, der erfährt mehr. Will ich mich über die internationale Lage informieren, bevorzuge ich das russische Fernsehen. Geht es um russische Innenpolitik, schaue ich deutsche Sender. Als westliche Medien noch über den arabischen Frühling jubelten, warnten russische Kommentatoren bereits vor einem Vormarsch der Islamisten. Nicht ohne Grund, wie wir heute wissen. Will ich mehr über die Proteste in Moskau erfahren, nutzen mir russische Nachrichten nichts. Da besuchen die Staatslenker Fabriken und Kindergärten wie zu Breschnews Zeiten.  


Es gilt in Ost und West: Ohne Geld können Medien nicht existieren, das prägt die Berichterstattung. Entweder Reklame – oder Propaganda. In der Sowjetunion erschienen Zeitungen ohne Anzeigen, dafür warb jeder Artikel für die Partei. In der Perestroika entdeckten die Journalisten, dass sie ihre Autorität auch zahlungskräftigen Kunden zur Verfügung stellen konnten. Und zwar nicht nur mit Anzeigen, sondern auch mit Artikeln im Sinne des Sponsors. Medien waren zum Geschäft geworden, aber anders als erhofft.

Die Journalisten verkauften ihre Texte meistbietend, und Oligarchen hielten sich Zeitungen, um die öffentliche Meinung zu lenken. Putin nahm die Medien wieder unter Staatskontrolle, und die Verleger sorgten dafür, dass die Einnahmen für bezahlte Berichterstattung nicht in den Taschen der Journalisten, sondern in ihren eigenen verschwanden. Doch so paradox es klingt: Zwar sind die Medien in Russland heute staatsfromm und käuflich, aber ihr Meinungsspektrum ist vielfältiger als in Deutschland. Journalisten können sich für Diktatur oder Demokratie aussprechen, wenn sie nur keine Spitzenpolitiker antasten.

Umgekehrt in Deutschland: Merkel beschimpfen – bitte. Das System in Frage stellen – verboten. Die Verfassung, die Banken und Europa sind alternativlos. Wer es anders sieht, wird nicht erschossen, aber diskreditiert. Medien als vierte Gewalt: Dazu braucht es kritische Journalisten, einen Staat, der Pressefreiheit garantiert, genügend Geld, um finanzielle Abhängigkeiten zu vermeiden. Und Leser, die sich ihr eigenes Urteil bilden.

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland