Friedliches Leben in rauer Umgebung

Foto: Bezrukov & Bashnaeva

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500 Bärinnen werfen jährlich auf der Wrangelinsel im Arktischen Ozean ihre Jungen. Eisbären sind ungewöhnlich lebensfreudig. Im Umgang miteinander sind die neugierigen Tiere äußerst friedlich. Aggressivität ist ihnen fremd.

Foto:: Bezrukov&Bashnaeva

Die „Heimat der Eisbären“, die Wrangelinsel in Tschukotka, ist vergleichsweise jung. Sie wurde erst vor 162 Jahren entdeckt. 1976 wurden die Wrangelinsel und auch die benachbarte Herald-Insel unter Landschafts- und Naturschutz gestellt. So sollte der fragile Lebensraum des Nordens vor dem schonungslosen Einwirken des Menschen geschützt werden.  

Heute leben außer Mitarbeitern des Naturreservats und der Polarstation, die Forschungen über das regionale Ökosystem anstellen, keine Menschen mehr auf der Insel. Die UNESCO erklärte das „Naturreservat Wrangelinsel“ im Jahre 2004 zum Weltnaturerbe.

Die zauberhafte, schneebedeckte Insel, die einst zur alten Landbrücke Beringia gehörte, ist ein Hort des Lebens für viele arktische Tier- und Pflanzenarten. Unter einer mehrere Meter dicken Schneeschicht kommen hier, geschützt vor den grimmigen Dezember-Schneestürmen und der Eiseskälte, die Babys des größten Raubtieres der Erde, der Eisbären, zur Welt. Die winzigen, hilflosen und blinden Jungen haben zum Zeitpunkt der Geburt ein Gewicht von nur 400 Gramm.  

Schätzungsweise werfen jährlich ungefähr 500 Bärinnen in dem Naturreservat ihre Jungen. Einige Teile der Inseln weisen mit vier bis fünf Geburtshöhlen pro Quadratkilometer die maximale bislang gemessene Dichte an Schneebauten der Riesentiere auf.

In diesen Breitengraden kündet im März noch nichts vom Herannahen des Frühlings. Eine Ausnahme sind die Eisbärenspuren im Schnee. Es ist nämlich die Zeit, in der die Bärinnen einen kleinen Tunnel aus ihrer Höhle graben, um ihrem Nachwuchs zu zeigen, dass die Welt bei weitem größer und schöner ist, als ihre kleine Behausung im Schnee. In den ersten Tagen kehren sie, wenn es zum Abend hin kälter wird, von ihren Ausflügen noch zurück in ihre Höhle. Hier, in der „warmen Stube“, suchen sie Schutz vor den in dieser Jahreszeit recht häufigen Schneestürmen.

In einzelnen Testgebieten erfasst das Naturreservat in dieser Zeit die Zahl der von den Bärinnen ausgehobenen Geburtshöhlen. Diese kostenintensive Arbeit wird allerdings schon seit langem nicht mehr jährlich durchgeführt. Allein der Flug eines Hubschraubers zur Insel kostet etwa eine Million Rubel.

Es ist ein großes Vergnügen, die Bärin beim Verlassen ihrer Höhle zu beobachten. Ihr folgend krabbeln zwei plüschige Eisbärenjungen ans Tageslicht. Nach einer Weile zögerlichen Wartens streckt die Bärin ihren mächtigen Körper und wälzt sich im Schnee. Ihre Jungen fangen an, Purzelbäume zu schlagen und ihren kleinen Körper in der neuen Umgebung zu erkunden.

Mit zusammengekniffenen Augen liegt die Bärin lange in der Sonne und lässt ihre Kleinen gewähren. Die wiederum saugen an ihrer Brust und stiften sich nebenher gegenseitig, ohne dabei von ihrer Mutter herunterzuklettern, zu tollpatschigen Spielen an. Dabei versuchen sie hin und wieder die mütterliche Nase abzulecken. Mutter Bär hat nichts dagegen und antwortet ihrerseits mit behutsamen Bewegungen von Tatzen und Kopf. Drei Monate schon hat sie sich ausschließlich der Aufzucht ihres Nachwuchses gewidmet. Sie nährt ihre Kleinen mit ihrer gehaltvollen Milch, leckt ihre winzigen Körper ab, wendet sie behutsam von einer Seite auf die andere, um sie nicht aus Versehen zu erdrücken. Auf diese Weise bereitet sie ihre Nachfahren auf ihr bevorstehendes Nomadenleben vor. Inzwischen sind diese immerhin schon mindestens fünf Kilo schwer und warm angezogen in ihrem weißen Pelz. Mit schwarzen Knopfaugen schauen sie in die Welt und verfolgen aufmerksam jede Bewegung ihrer Mutter.

Den Zugang zur eiförmigen Schneehöhle bildet ein enger Korridor, der sich nur kriechend passieren lässt. In einer Bärenhöhle würden problemlos vier bis fünf erwachsene Menschen Platz finden. Den Boden bedeckt eine Eisschicht, die auf Hochglanz poliert ist. Wände und Decke sind mit unzähligen Kratzern von den scharfen Tatzen und in den Schnee gefrorenen Fellhaaren geschmückt.

Den ganzen Sommer über entzieht sich das Bärenleben den menschlichen Blicken im unzugänglichen Eis des Arktischen Ozeans. Dann lassen sich die Bären auf der Jagd nach Robben und Walrössern von den Eisschollen treiben. Das Ende des Frühlings und der Beginn des Sommers ist die Zeit der Bärenhochzeiten auf dem Eis. Paarungswillige Männchen stellen dann eine ernsthafte Gefahr für das Leben des Nachwuchses einer Bärin dar.

Im September versammeln sich pazifische Walrösser in großen Herden an den Küsten der Wrangelinsel, wo sie rasten und Kräfte für die weitere Wanderung sammeln. Mit dem Eis kehren im Herbst auch die Eisbären auf die Insel zurück. Ihr Jagdverhalten löst Panikreaktionen unter den Walrössern aus. Sie quetschen sich nicht selten in der Herde gegenseitig zu Tode. Die Beute eines einzigen Eisbären teilen manchmal über ein Dutzend Artgenossen. Unabhängig von Geschlecht und Alter kommen alle zum Zuge. Für den herannahenden strengen Winter legen sich die Bären ein hinreichendes Fettpolster an. Satt und zufrieden schlafen sie lange am Strand, Baden im Meer. Die Jungtiere und sogar die Erwachsenen geben sich ausgelassenen Spielen hin. Eisbären sind ungewöhnlich lebensfreudig und friedlich im Umgang miteinander.

„An einem der Küstenstreifen der Insel beobachten wir eine kleine Herde pazifischer Walrösser und ein Dutzend Eisbären“, erzählt uns Alexej Besrukow, Mitarbeiter des Naturreservats „Wrangelinsel“. „Vor dem Schlafengehen muss man schwere Schlagstöcke, Signalpistolen und Bengalfeuer unter dem Kopfkissen deponieren. In der Dunkelheit werden die Eisbären mutig und nähern sich dem alten rostigen und rissigen Kastenwagen, in dem wir wohnen. Sie atmen die Luft dieser Umgebung gierig ein, um sich in dem Ensemble ungewohnter Gerüche zu orientieren. Wenn wir vom Schnaufen der Bären wach werden, schlagen wir mit unseren Stöcken kräftig gegen die Wand, um den Tieren das Interesse an dem Inneren unseres baufälligen Domizils auszutreiben.“

Eisbären sind sehr neugierig und interessieren sich für alles Unbekannte und Ungewöhnliche. Aggressivität hingegen ist ihnen fremd. Das Polarleben hat diese Tiere anscheinend Toleranz und Fluchtverhalten gelehrt. Sie ziehen es vor, möglichen Problemen aus dem Weg zu gehen. Schließlich kann in der Arktis selbst eine kleine Verletzung tödliche Folgen haben.

Von ihrer Neugier getrieben, suchen Bären gerne menschliche Wohnstätten auf. Wer zuhause ist, hat keine große Mühe, die ungebetenen Gäste zu vertreiben. Es reicht manchmal, mit einem schweren Gegenstand gegen eine Metalltonne zu schlagen. Andere lassen sich leicht mit einem langen Stab verjagen. Erstaunlicherweise löst es bereits meist einen Fluchtreflex aus, wenn man auf das Tier zugeht und einen Stab von oben nach unten durch die Luft schlägt. An ein solch einfaches Verfahren, einen Bären los zu werden, möchten die meisten nicht glauben. Aber genau auf diese Weise werden Jahr für Jahr die Bären von den Beobachtungsstationen der Wrangelinsel vertrieben.

… Der heranziehende Winter bedeckt das Meer mit einer Eisschicht und lässt fast alle Bären in das Reich des Arktischen Ozeans zurückkehren. Nur die trächtigen Weibchen bleiben auf der Insel und warten bis eine Schneedecke die Berghänge umhüllt. Dann kommt im flackernden Nordlicht, unter dem Schutz des Polarsterns eine weitere Generation von Eisbären auf die Welt.