Sowjet-Design aus dem Alltag

Jeder, der in der UdSSR aufgewachsen ist, hat Kindheitserinnerungen an diese Sachen: das Einkaufsnetz, das Auto der Marke „Saporoschez“, das kantik geschliffene Trinkglas und die Schuluniform … Wohl kaum jemand hätte sie als „schön“ oder „nicht schön“ bewerten können. Man verwendete, was es gab. Aber wie sieht der Außenblick auf diese Alltagsgegenstände aus? Das Nachrichtenportal Slon bat den Experten für Industriedesign und Dozenten an der Britischen Hochschule für Kunst und Design Umberto Giraudo zu beschreiben, was er über sowjetisches Design denkt - der gebürtige Italiener ist begeistert.

Einkaufsnetz

Foto: Photoxpress

„Eines der besten Beispiele für das sowjetische Design. Wenn Sie ökologischen Fragen, den Problemen der Umweltverschmutzung und sinnlosen Massenkonsums nicht gleichgültig gegenüberstehen, dann erkennen Sie, dass mit dieser Tasche bereits vor vielen Jahren eine solide Lösung für eine Reihe von Problemen geschaffen wurde. Ich betrachte das Einkaufsnetz als Bestandteil eines durchdachten Systems. In seinem systematischen Design erfüllt es eine schlichte Funktion: es transportiert Lebensmittel exakt in der erforderlichen Menge, nicht auf Vorrat. Die Waren sind nicht mehrfach verpackt, man kann das Netz oft verwenden und immer dabei haben. Es ist kompakt und platzsparend. Ein moderner Designer muss sich mit diesem Objekt eingehend befasst haben.“

Abreißkalender 

Foto: Itar-Tass

„Solche Kalender hatte man auch im Westen. Sie sind eigentlich auch heute noch recht verbreitet. Obwohl sie sehr viel Papier verschlucken, haben diese Kalender für mich einen gewissen Charme: sie lassen dich beim Abtrennen der Blätter den Lauf der Zeit körperlich spüren.“

 Kaffee

Foto: Ria Novosti

 „Eine hübsche Verpackung. Einfach, sparsam in der Herstellung, sieht sie mit insgesamt nur zwei Farben bis heute sehr modern aus. Ich würde sehr gerne Kaffee in einer solchen Verpackung kaufen. Sie wirkt bei weitem authentischer als dieser ganze Plastikmüll, in den einem der Kaffee heutzutage angeboten wird.“

Eau de Cologne 

Foto: Photoxpress

„Der junge Mann auf dem Etikett sieht furchtbar aus! Aber Spaß beiseite: mir gefällt der lustige Kontrast zwischen dem filigran ausgearbeiteten grafischen Design der Etikette und der Flaschenform. Flaschenhals und Verschluss lassen erkennen, dass man diese Fläschchen nicht nur für Eau de Toilette, sondern auch für diverse andere Flüssigkeiten verwenden konnte. Für die Aufbewahrung von Haushaltschemikalien oder billigem Alkohol beispielsweise. Die Flasche ist praktisch. Andererseits ist es unverständlich, welchen Sinn es haben sollte, in ein individuelles und aggressives Verpackungsdesign zu investieren, wo es doch gar keine Konkurrenz auf dem Markt gab. Leider haben viele „junge Unternehmer“ heute auch wenig von der Rolle des Designs im Verkauf begriffen und legen ihr Geld nicht dort an, wo es sinnvoll wäre.“

 

Gezuckerte Kondensmilch

Foto: Itar-Tass

 „Ein echtes russisches Schmuckstück. Ich weiß, dass sehr viele Leute dieses Produkt mögen - unter anderem deshalb, weil man es direkt in der Dose erhitzen kann.“

Kondome

Foto: fonte libera

 „Ich bin, ehrlich gesagt, verblüfft. Ich dachte, dass Kinder in Sowjetrussland vom Storch gebracht wurden! Gab es also Sex in der UdSSR oder nicht? Anscheinend doch … Was die Verpackung der Präservative betrifft, möchte ich sagen, sie ist sehr funktionell. Allerdings dabei überhaupt nicht „gefühlvoll“. Aber ich glaube nicht, dass im Falle des Falles irgendjemand darauf geachtet hat. Mir gefallen sie.“ 

Geschliffenes Trinkglas

Foto: Ria Novosti

 

„Ein schlichtes und elegantes, ganz normales Trinkglas. Es symbolisiert Stabilität. Ich hoffe nur, dass man es nicht bis zum Rand mit Wodka füllt.“

Dreieckige Milchtüte

Foto: Itar-Tass

 

 „Vor kurzem habe ich einen Keramiknachbau des ersten Tetra- Pak-Kartons gesehen. Ich weiß, dass Tetra Pak stilbildend für das Verpackungsdesign ist und zum Symbol einer ganzen Epoche wurde. Daher freut es mich, dass Designer heute mit diesem Symbol spielerisch arbeiten.“

Schuluniform

Foto: Itar-Tass

„Recht elegant und bestens geeignet, den formal-hierarchischen Status zu unterstreichen. Ich bin auch in Uniform zur Schule gegangen. Allerdings würde man heutzutage eine solche Uniform eher mit Kellnern oder Studenten assoziieren, nicht mit Schülern.“

Fernseher

 

Foto: Ria Novosti

 „Ein solcher Fernseher hätte gut im Wohnzimmer meiner Großeltern stehen können. Ich kann mich noch daran erinnern, als ich das erste Mal das Vergrößerungsglas vor dem Bildschirm sah. Ich war perplex.“

„Saporoschez“

Foto: Itar-Tass

 

 „Eine Perle des sowjetischen Designs, auch wenn das Modell dem FIAT nachempfunden ist. Der „Saporoschez“ hat unverwechselbare Elemente, zum Beispiel das Gitter auf der Kühlerhaube, die diesem Modell eine gewisse Aggressivität verleihen. Ich habe nie einen „Saporoschez“ mit eigenen Augen gesehen, aber unzählige Geschichten über diese Autos gehört. Unter anderem darüber, wie sie repariert und geschmückt wurden.“

Kühlschrank

Foto: Ria Novosti

 „Ein wunderbares Design. Ich kann es überhaupt nicht begreifen, warum die Russen Kühlschränke aus China kaufen und sie unter eigenem Namen vertreiben, statt ihre alten Formen mit neuem Leben zu füllen.“

Die ungekürzte Fassung des Beitrags erschien bei Slon.ru

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