Keine Angst vor Putin

Wladimir Putin bleibt Top-Kandidat bei den Präsidentschaftswahlen.Foto: ITAR-TASS

Wladimir Putin bleibt Top-Kandidat bei den Präsidentschaftswahlen.Foto: ITAR-TASS

Die deutsche Wirtschaft sieht dem Wechsel an der Kreml-Spitze weit weniger kritisch entgegen als die Massenmedien und einzelne Politiker. Das ergab eine aktuelle Umfrage des Ostausschusses der deutschen Wirtschaft und der Deutsch-Russischen Außenhandelskammer.

Die deutsche Wirtschaft verspürt im Großen und Ganzen keine Verunsicherung durch die anwachsenden innenpolitischen Spannungen in Russland. Zu diesem Ergebnis kommt eine am 17. Februar in Berlin vorgestellte Umfrage des Ostausschusses der deutschen Wirtschaft und der Deutsch-Russischen Außenhandelskammer unter den in Russland tätigen deutschen Unternehmen. „Es ist schlecht, dass es für die Demonstrationen, die seit der umstrittenen Wahl zur Staatsduma durchgeführt werden, einen Anlass gibt. Anderseits begünstigt die Protestbewegung die Entstehung eines wahrhaften Meinungspluralismus in Russland“,  erklärte der Vorsitzende des Ostausschusses der deutschen Wirtschaft, Eckhard Cordes bei der Präsentation der Umfrageergebnisse. „Es ist es wichtig“, so Cordes weiter, „dass die Demonstrationen weiterhin friedlich sind und die  Präsidentschaftswahlen im März frei und ehrlich verlaufen.“

Viele deutsche Unternehmer verbergen nicht ihre Sympathie für eine anzunehmende dritte Präsidentschaft Wladimir Putins. Cordes unterstrich in seinen Ausführungen, dass der gegenwärtige russische Ministerpräsident der Entwicklung der russisch-deutschen Wirtschaftspartnerschaft stets große Aufmerksamkeit gewidmet hat. Das letzte Treffen einer Delegation des Ostausschusses der deutschen Wirtschaft mit ihm dauerte über drei Stunden.

Der Großteil der in Russland vertretenen deutschen Unternehmen sieht dem Wechsel an der Spitze des Landes gelassen entgegen. Laut der Umfrage glauben 30 % der Unternehmer, dass sich eine Rückkehr Putins in den Kreml positiv auf die Wirtschaftsentwicklung auswirken wird. 45 % erwarten keine wesentliche Veränderung des Geschäftsklimas. Nur 25% der Befragten befürchten negative Auswirkungen.

Es ist allgemein bekannt, dass Deutschland seinen relativen Wohlstand innerhalb der Europäischen Union mithilfe seiner Exportwirtschaft absichert. Im vergangenen Jahr hat das deutsche Exportvolumen in Euro erstmals die Rekordmarke von einer Billion übertroffen. Vor diesem Hintergrund wirkt der russisch-deutsche Wirtschaftsaustausch von außen betrachtet nicht ganz so beeindruckend. Allerdings hat auch dieser im Jahre 2011 mit 74 Milliarden Euro einen neuen Rekord aufgestellt. Die Bedeutung der Wirtschaftbeziehungen ist für beide Seiten gewachsen. Russland garantiert Deutschland eine zuverlässige Energieversorgung und Deutschland unterstützt Russland bei dessen Modernisierung. Während sich der deutsche Export im vergangenen Jahr um 13 % gesteigert hat, betrug der Anstieg in Richtung Russland 30 %!

71% der Teilnehmer an der Umfrage prognostizieren für die russische Wirtschaft eine positive Entwicklung. Sie führen dies zum einen darauf zurück, dass Russland von der Eurokrise praktisch unberührt geblieben ist. Zum anderen wird der Beitritt Russlands zur Welthandelsorganisation WTO als Grund für die optimistische Vorhersage angeführt. 49 % der in Russland vertretenen deutschen Unternehmen beabsichtigen, im Laufe der nächsten zwölf Monate neue Investitionen im Wert von 880 Millionen Euro zu tätigen.

Dennoch sehen die Unternehmen die Entwicklung nicht einseitig rosig. Auch Probleme werden angesprochen. Einerseits eröffnet die Modernisierung in Russland den deutschen Partnern zusätzliche Exportmöglichkeiten. Andererseits glauben 35 % der befragten deutschen Unternehmen, dass die Bürokratie in den staatlichen Behörden diesem Prozess entgegensteht. 28 % sind der Auffassung, dass noch immer kein geschlossenes Konzept für die  Modernisierung vorliegt. Weitere 24 % sind der Meinung, dass sich das Fehlen einer politischen Konkurrenz im Lande negativ auswirkt. Gleichzeitig sehen die Teilnehmer der Umfrage den Kampf gegen die Korruption als eine der wichtigsten Aufgaben an.

Nichtsdestotrotz hat die deutsche Wirtschaft in Russland tiefe Wurzeln geschlagen. Gegenwärtig arbeiten hier mehr als 6300 deutsche Unternehmen. 66% von ihnen sind der Auffassung, dass sich die Wirtschaftslage in ihrem Gastland in den Jahren 2010 – 2011 verbessert hat. Die Entwicklung ihrer Unternehmen charakterisieren sie als gut bis ausgezeichnet. In ihren Betrieben und Verwaltungen in Russland arbeiten mehr als 55.000 Menschen. 64 % der Unternehmen beabsichtigen, ihr Personal aufzustocken.

Die politische Rochade im Kreml wird sich übereinstimmend nicht auf die nachhaltige Dynamik der russisch-deutschen Wirtschaftsbeziehungen auswirken. Auch die politische Partnerschaft wird sich fortsetzen. Während Angela Merkel Frankreichs Präsident Sarkozy offen im Wahlkampf unterstützt, hat sie sich über den russischen nicht geäußert. Unlängst wurde in Berlin offiziell verlautbart, „dass die Kanzlerin mit jedem anderen demokratisch gewählten Präsidenten Russlands genauso zusammenarbeiten werde wie mit Dmitrij Medwedew“.

Dieser Beitrag erchien zuerst bei der Nezawisimaja Gaseta.

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