Steuert Syrien auf ein „türkisches Modell“ zu?

Was wird mit Syrien? Foto: ivran.ru

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Wohin steuert Syrien nach einem Fall des Regimes von Baschar al-Assad? Mögliche Szenarien diskutierten Experten auf einer internationalen Konferenz "Transformationen in der arabischen Welt und die Interessen der Russischen Föderation" Ende letzter Woche in Sotschi.

Nach Ansicht vieler Experten ist es ziemlich wahrscheinlich, dass in Syrien im Falle eines Sturzes von Präsident Assad ähnlich wie in Tunesien, Libyen und Ägypten islamistische Kräfte an die Macht kommen würden. Dies müsse allerdings nicht zwangsläufig zu einer ernsthaften Radikalisierung des Landes führen. "Der politische Islam muss den Kompromiss lernen", erklärte Botschafter Alexander Aksenjonok, Mitglied der Vereinigung russischer Diplomaten, auf der von der Nachrichtenagentur RIA Nowosti, dem Institut für Orientalistik RAN sowie dem russischen Rat für Außen- und Verteidigungspolitik organisierten Konferenz.

Kenner der Region prognostizierten, dass Syrien das "türkische Modell" übernehmen könne. Die anwesenden Vertreter der Türkei allerdings waren nicht davon überzeugt, dass die früher in den meisten arabischen Ländern verbotenen islamistischen Parteien und Bewegungen dazu überhaupt bereit seien. "In der Türkei haben die islamistischen Parteien jahrzehntelang Erfahrungen in der Arbeit in einem demokratischen System gesammelt", gab der türkische Ex-Premierminister Mesut Yilmaz zu Bedenken.  

Der Direktor des russischen Afrika-Instituts, Alexej Wasiljew, erinnerte daran, dass in der Zeit, in der sich das türkische Islamismus-Modell entwickelte, in der Türkei innerhalb von 40 Jahren mehrere Militärputsche stattfanden.

Ex-Präsidentschaftskandidat Ahmed Nadschib Schebbi, der Tunesien auf der Konferenz vertrat, schloss keinesfalls aus, dass der momentane Anstieg der Popularität islamistischer Parteien lediglich eine vorübergehende Erscheinung sein könnte. Seiner Aussage zufolge macht sich in der tunesischen Gesellschaft, die die islamistische Partei zunächst unterstützt hatte, momentan Enttäuschung breit, vor allem unter den Jugendlichen.

Eine noch pessimistischere Prognose wurde für Israel gezeichnet. "Uns erwartet eine langanhaltende Phase der Instabilität", warnte der Experte des israelischen Instituts zur Erforschung der nationalen Sicherheit Schlomo Brom. Seiner Meinung zufolge wird dies für die Machthaber in den postrevolutionären arabischen Ländern einen Verlust der Kontrolle über ganze Regionen ihrer Länder bedeuten. So hätte etwa in Ägypten, wo die Islamisten an die Macht gelangt sind, die Regierung die Kontrolle über die Sinai-Halbinsel verloren. Seit dem Sturz des Regimes von Hosni Mubarak im Februar 2011 sei auf der Sinai-Halbinsel bereits mindestens vier Mal eine Gasleitung, die nach  Israel führt, in die Luft gesprengt worden.

Dieser Artikel erschien zuerst bei der Tageszeitung Kommersant.

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