Das größte Problem ist die Schere im Kopf

 Galina Woronenkowa. Foto: Ludmila Sintschenko

Galina Woronenkowa. Foto: Ludmila Sintschenko

Kaum ein russischer Journalist mit Deutschland-Faible, der Galina Woronenkowa und ihr Institut für Publizistik nicht kennt. Ihren Anfang nahm die Geschichte 1989 in Ostberlin.

Galina Woronenkowa

„Meine Kinder“, sagt Galina Woronenkowa und meint all jene jungen Menschen, die in dem 1994 von ihr begründeten Freien Russisch-Deutschen Institut für Publizistik (FRDIP) gelernt haben, was es bedeutet, ein unabhängiger Journalist zu sein.

Biografie

Geburtsort
Moskau
Alter: 59
Beruf: Journalistin
1952 in Moskau geboren, studiert Galina Woronenkowa bis 1974 Journalismus an der Lomonossow-Universität. 1974-1976 Studienaufenthalt an der Universität Leipzig, 1980 Promotion. 1982 geht sie mit ihrem Mann nach Ostberlin, arbeitet als Korrespondentin für die Zeitschrift Die sowjetische Frau und wird 1987 Pressesprecherin am Haus der Sowjetischen Wissenschaft und Kultur. Seit 1992 ist sie Professorin an der Fakultät für Journalistik der Lomonossow-Universität, seit 18. Oktober 1994 Direktorin des von ihr mitgegründeten Freien Russisch-Deutschen Instituts für Publizistik (FRDIP). 2004 wird Woronenkowa das Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland verliehen.

Die 59-Jährige empfängt in ihrer Wohnung im Zentrum Moskaus. Hausschuhe? Mittagessen? Kaffee? Kuchen? Galina Woronenkowa ist eine Frau mit großem Herz, die Mutter nahezu aller russischen Journalisten mit germanistischem Hintergrund. Sie setzt sich an den Wohnzimmertisch, zündet eine Zigarette an und zieht genüsslich den Rauch ein, bevor sie mit ihrer tiefen Stimme in die Geschichte ihres Lebenswerks taucht.

Zwei Charaktereigenschaften sind für Woronenkowas Biographie entscheidend: ihre Neugier und ihre Liebe zu allem Deutschen. So wird sie zuerst Journalistin und lernt dann Deutsch, das sie bei Studienaufenthalten in Leipzig perfektioniert.

Berlin-Korrespondentin für „Die sowjetische Frau“

Woronenkowa arbeitet als Dozentin an der Journalistik-Fakultät der Lomonossow-Universität, als 1982 - ein „Geschenk des Himmels“, wie sie sagt – ihr Mann als Korrespondent der Presseagentur Itar-Tass nach Ostberlin geschickt wird. „Für einen Sowjetbürger war das damals so, als ob man auf den Mond geschossen wird“, lacht die Professorin heute.

Aus Ostberlin schreibt Woronenkowa für das Frauenmagazin Die sowjetische Frau - ein Ausnahmefall, dürfen doch die Ehepartner sowjetischer Korrespondenten vor Ort eigentlich keiner 
Arbeit nachgehen. Doch mit Verboten nahm sie es nie genau. 1987 wird sie Pressesprecherin des Hauses der Sowjetischen Wissenschaft und Kultur in Berlin.

Klar, Woronenkowa träumt vom Westen, aber fliehen? Nein. Gleichzeitig wächst die Neugier, wie Journalismus wohl im Westen funktioniert. Als im November 1989 die Mauer fällt, schreibt 
Woronenkowa die renommiertesten Journalismusfakultäten der Bundesrepublik an, mit dem unmittelbaren Vorschlag, einander kennenzulernen.

Die Reaktion folgt prompt. „Ich war eine Art Enigma der Sow
jetunion“, erinnert sich die Professorin lachend, „das Interesse für mich war gigantisch!“ Zuerst öffnet die FU Berlin ihre Tore, Dortmund, Bonn, Mainz und Münster folgen. Das Ausbildungssystem für Journalisten, die Fachliteratur und das Wissen der deutschen Kollegen faszinieren sie.

„Ich habe vierzig Kisten Fachbücher und Zeitungen nach Moskau mitgebracht“, erinnert sie sich. In der Sowjetunion galt das Schreiben nicht als Beruf, sondern als Begabung, „ja, als Funke Gottes“. Die Kommunisten ließen die Journalisten eine Schreibe pflegen, wie sie ihnen passte – nur regimekonform musste sie sein.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, 1993, als mit Ach und Krach ein neues Russland geboren wird, wird Woronenkowa klar, dass für die russischen Medien die Zeit für mehr Demokratie gekommen ist. „Ich wollte das Ganze beschleunigen“, sagt sie – und denkt über die Gründung eines Instituts für russische Nachwuchsjournalisten nach, in dem diese das deutsche Mediensystem und die Funktionsweise eines freien, unabhängigen Journalismus studieren könnten.

Über die Idee spricht sie mit Dietrich Ratzke, Generalbevollmächtigter der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und Leiter des 
Instituts für Medienentwicklung und Kommunikation. Ratzke und andere Kollegen sind sofort Feuer und Flamme – Russland ist von großem Interesse.

„Die Hauptidee war von Anfang an, der jungen Generation zu helfen, freier zu werden, als wir es waren“, erklärt Woronenkowa. Deswegen stellt sie das Wort „frei“ an die erste Stelle des Institutsnamens. „Der bilaterale Kontext sollte deutlich werden und ein von jeder Ideologie befreiter Journalismus – das konnte nur das Wort ‚Publizistik‘ widerspiegeln.“

Den Lehrplan erarbeitet sie zusammen mit den deutschen Kollegen. Heraus kommen vier 
Kernbereiche, die bis heute die Basis des Programms bilden: 
Medienrecht, Medienmanagement, deutsche Landeskunde und Deutschunterricht.

Am 18. Oktober 1994 wird das 
Institut schließlich feierlich eröffnet: Neben dem deutschen Botschafter kommt auch der russische Vize-Bildungsminister in die Journalistik-Fakultät an der Mochowaja-Straße gleich gegenüber des Kremls, wo das Institut bis heute seine Heimat hat.

2004, zum zehnten Jubiläum des Instituts, wird der Professorin das Bundesverdienstkreuz verliehen, wenig später von der Orthodoxen Kirche der Orden der „Heiligen Olga und der Heiligen Sophia“ für ihr Lebenswerk.

Woronenkowa, inzwischen ein „alter Hase“ und präsent auf allen Konferenzen, in denen die Wörter „Russland“ und „Medien“ vorkommen, beklagt heute das nachlassende Interesse deutscher 
Medien an Russland. „Die Erwartungen, die es nach der Wende gab, sind nicht mehr da. Außerdem dachte ich, dass in Deutschland mehr junge Menschen anfangen würden, Russisch zu lernen. Aber das ist nicht passiert“, bedauert die Professorin.

Aber auch der russische Journalismus bereitet ihr Sorgen: Zensur und Selbstzensur, der Trend zum Boulevard. Mit ein Grund, warum die russische Blogosphäre boome, sagt Woronenkowa, die auf Facebook täglich mehrere Artikel postet: „Das Internet bietet ein größeres Meinungsspektrum und wird nicht staatlich kontrolliert, wie es bei anderen Medien der Fall ist.“

Das größte Problem der Pressefreiheit in Russland sieht sie aber in der „Schere im Kopf“, von Journalisten in der Sowjetzeit verinnerlicht. Eine „antrainierte Charaktereigenschaft“ nennt sie es, dass ein Journalist sich jedweder „Führung“ füge.

Dieses Handicap ist ihren Studenten erspart geblieben. In den vergangenen 18 Jahren haben über 400 von ihnen, jetzt 50 pro Jahr, in Deutschland Praktika gemacht: Von der FAZ bis zum ZDF, vom Gelnhäuser Tagblatt bis zur Deutschen Welle – die „Kinder“ von Frau Woronenkowa durften überall mal schnuppern.

Ein russisch-deutsches Institut am Kreml

Ein russisch-deutsches Institut am Kreml


Studierende des FRDIP während einer Studienreise in Deutschland

Das Freie Russisch-Deutsche Institut für Publizistik (FRDIP) wurde am 18. Oktober 1994 gegründet und befindet sich im Herzen Moskaus gleich gegenüber des Kremls in den Räumlichkeiten der Journalismus-Fakultät der Staatlichen Lomonossow-Universität. Aufgenommen werden Studenten aus allen Universitäten und Fachrichtungen, wenn sie gute Deutschkenntnisse und Publikationen in deutschen oder russischen Medien vorweisen. Das Studium findet in deutscher Sprache statt, die Vorlesungen und Seminare werden von deutschen und russischen Professoren gehalten. Parallel zu ihrem Hauptstudium können die Studierenden die Veranstaltungen des FRDIP besuchen. Das Prüfungssystem ähnelt dem der Bundesrepublik Deutschland. Das FRDIP nutzt Räumlichkeiten und Infrastruktur der Journalismus-Fakultät und wird durch den eigens für das Institut gegründeten deutschen Förderverein unterstützt, der durch seine Beistellungen in Deutschland die Arbeit des Instituts ermöglicht. 



Mehr Infos unter www.frdip.ru

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