„Ich habe viel Grausames erlebt“

Juri Kosyrew. Foto: http://www.noorimages.com

Juri Kosyrew. Foto: http://www.noorimages.com

Juri Kosyrew, Fotoreporter der Zeitschrift Russkij Reportjor und Gewinner des Preises World Press Photo in der Kategorie Nachrichten/ Einzelfotos, wurde letzte Woche mit dem Titel Pressefotograf des Jahres 2011 ausgezeichnet. Natalja Sajzewa sprach mit ihm.

Für welche Ihrer Arbeiten wurden Sie ausgezeichnet?


Für die Bilder, mit denen ich die Ereignisse in Nahost und in Nordafrika dokumentiert habe. Ich war Zeuge quasi aller Revolutionen, Bürgerkriege und Konflikte in der arabischen Welt, die sich im letzten Jahr ereignet haben. Dazu gehören die Revolution in Ägypten, der Bürgerkrieg in Libyen, die Repressionen in Bahrain gegen die schiitische Bevölkerungsmehrheit und die langen Sitzstreiks im Jemen, die von ungeheuer gewaltsamen Unruhen begleitet wurden. Ich glaube nicht, dass noch einer meiner Kollegen es geschafft hat, bei all diesen Ereignissen dabei zu sein und sich ein Gesamtbild zu verschaffen. Der eine ist in Ägypten hängen geblieben, ein anderer für ein paar Tage nach Libyen gereist, der nächste war drei Tage in Tunis …

Ein Gesamtbild des vergangenen Jahres vermitteln uns die ausgezeichneten Fotos der Wettbewerbe World Press Photo und Pictures of the Year. Wie haben Sie dieses Jahr erlebt, hinter der Kamera?


Ich habe befreundete Kollegen verloren, die ihr Leben in Libyen ließen. Es ist mir schwer gefallen, diese Erfahrungen zu bewältigen. Wahrscheinlich bin ich an ihnen gereift. Ich habe viel Grausames erlebt. Viele Kollegen mussten einiges verkraften. Ihnen wurde die Fotoausrüstung abgenommen, man schlug sie. Glückliche und begeisternde Minuten erlebte ich nur wenige. Als in Ägypten um drei Uhr morgens auf dem Tahrir-Platz der Rücktritt Mubaraks verkündet wurde, brach eine Freude aus, von der ich ergriffen war wie ein Ägypter.

Juri Kosyrew ist einer der berühmtesten Pressefotografen Russlands


Sie sind in Libyen gewesen, aber den Tod Gaddafis hat ein Kollege festgehalten, der in der letzten Woche im Alter von 28 Jahren bei einem Granatenanschlag in Syrien getötete Franzose Rémi Ochlik, der für diese Serie den ersten Preis der World Press Photo Awards in der Kategorie Nachrichten/ Fotoserien gewann.


Ich bin tief betroffen vom tragischen Tod Ochliks. Wir Bildreporter leben immer mit dem Gefühl, etwas verpasst zu haben. Wir sind ehrgeizig. Wenn du schon eine Geschichte bringst, dann musst du unbedingt an der Frontlinie stehen, der Erste sein. Aber den Tod des Diktators musste man nicht auf diese Weise aufnehmen. Im August und Anfang September war das Ende Gaddafis bereits sichtbar: zerschossene Portraits, zerschlagene Monumente…

Was ist wichtiger für einen Bildreporter in einem Krisengebiet: an irgendeinen Ort zu gelangen, zu dem niemand durchgelassen wird, oder technisch perfekte und schöne Aufnahmen zu machen?


Wir wollen den ganz normalen Bürger ansprechen, der in irgendeinem Pariser Café sitzt und Capuccino trinkt, während an einem anderem Ort Menschen leiden. Wenn wir dem Betrachter nackte Fakten liefern, dann wird er bald das Interesse verlieren. Unsere Aufgabe besteht darin, ein Bild entstehen zu lassen, dass sich in seinem Bewusstsein einbrennt. Unter Kriegsbedingungen ist das schwierig. Nicht immer haben wir die Möglichkeit, auf gutes Licht zu warten, gute Aufnahmen auszuwählen und sie zu verschicken.

Wodurch unterscheidet sich die Arbeit eines Kriegsreporters von der eines gewöhnlichen Fotojournalisten?


Wenn du einmal große Kriege, durchgreifende politische Umwälzungen aus nächster Nähe beobachtet hast, dann fällt es schwer, in den Alltag zurückzukehren. Man hat dort keine Pausen, bewaffnete Konflikte gibt es immer, und Reporter, die Kriege filmen, leben immer im Krieg. Ich arbeite seit 1994 in Krisengebieten.

Haben Sie militärische Erfahrungen?


Ich habe noch nie eine Waffe angerührt. Ich glaube, wenn ich irgendwann einmal mit irgendetwas schieße, dann könnte das meinen Erfolg beeinflussen. Ich glaube nicht, dass militärische Erfahrungen mir helfen würden. Eine große Rolle spielt die Lebenserfahrung, das Einfühlungsvermögen, die Fähigkeit, mit anderen zu leiden.

Welches war das letzte friedliche Ereignis, das Sie mit Ihrer Kamera begleitet haben?


Die Demonstrationen in Moskau. Es war zwar ein nicht ganz friedliches Geschehen, aber ich hoffe, dass der weitere Verlauf friedlich sein wird. Wenn wir unsere Demonstrationen mit den Protesten in Ägypten vergleichen, dann fällt auf, dass die Menschen dort extreme Freude und heftige Aggressionen deutlicher zum Ausdruck bringen. Die Leute, die sich in Moskau an den Demonstrationen beteiligt haben, kann man nicht als Opposition bezeichnen. Dieser Protest zielt auf etwas anderes und ist auf einem anderen, einem intellektuellerem Niveau angesiedelt. Die Leute sind zusammengekommen, um daran zu erinnern: wir sind auch Menschen, wir haben ein Recht auf ehrliche Wahlen. Ich denke, wir beobachten hier die Wiedergeburt oder Entstehung der Zivilgesellschaft.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Zeitschrift Russkij Reportjor.

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