Putins Rolle rückwärts

 „Ewige Sommerzeit“ - Stein des Anstoßes im Tandem? Foto: AP

„Ewige Sommerzeit“ - Stein des Anstoßes im Tandem? Foto: AP

In Russland gibt es seit Oktober keine Winterzeit, das heißt die Uhr wird nicht wie überall sonst eine Stunde zurückgestellt. Diese „ewige Sommerzeit“ macht immer mehr Russen Probleme – und ist inzwischen sogar Wahlkampfthema.

Es ist Medwedjews einziges konkretes Ergebnis in vier Jahren Amtszeit – und auch das soll ihm jetzt weggenommen werden. Im letzten Jahr hat Präsident Dmitri Medwedjew beschlossen die Winterzeit für Russland abzuschaffen. Das heißt, bis auf die Russen haben alle ihre Uhren in der Nacht zum 30. Oktober um eine Stunde nach hinten gestellt. Das hat russlandweit zu einem Terminchaos geführt, weil sich viele Uhren von Computern und Smartphones automatisch zurückgestellt haben. Deshalb kamen Menschen zu spät zum Flughafen oder verpassten ihren Zug. Radiosender gaben falsche Uhrzeiten durch. 

Präsident Medwedjew begründete die „ewige Sommerzeit“ 2011 damit,

dass er den Stress für Mensch und Tier mindern möchte. Wörtlich sagte er damals: „Der Biorhythmus wird eindeutig gestört – entweder man verschläft oder wacht zu früh auf – ganz zu schweigen von Russlands Kühen und den anderen Tieren, die die Zeitumstellung einfach nicht verstehen.“ Die Kühe konnten sich bisher nicht beschweren, aber die gesundheitlichen Auswirkungen sind offenbar beträchtlich. Experten glauben, dass die Selbstmordrate in Russland aufgrund der Winterzeit ansteige, außerdem komme es häufiger zu Depressionen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. 

Aber: Die Zustimmung in der Bevölkerung für Medwedjews Vorstoß bröckelt. Haben sich vor einem Jahr noch 73 Prozent für die „ewige Sommerzeit“ ausgesprochen – und damit Medwedjew unterstützt – sind es inzwischen laut Meinungsforschungsinstitut WZIOM nur noch 44 Prozent. Die Befragten gaben an sich morgens schlaff und unausgeschlafen zu fühlen. Einige klagten darüber, dass sie regelmäßig zu spät zur Arbeit kämen – so wie Ministerpräsident Wladimir Putin. Er sagte Anfang Januar bei einer Begegnung mit Fußballfans in St. Petersburg: „Ich werde mit dem Präsidenten sprechen, mir fällt das Aufstehen auch schwer.“ Schließlich wird es durch die ausbleibende Zeitumstellung eine Stunde später hell als sonst, besonders im Norden von Russland ist das zu spüren.

Die Fußballfans hatten sich bei Putin beschwert, weil internationale Live-Übertragungen erst um Mitternacht anfingen. Wenn in Deutschland um 20.15 Uhr Anpfiff ist, ist es bei den russischen Fans bereits drei Stunden später. Putin erklärte zu seiner Verteidigung, die Reform sei möglicherweise an einigen Punkten nicht ganz durchdacht. Die befürchteten Folgen für den Tourismus blieben aber aus. Laut staatlicher Tourismusagentur kamen – trotz „ewiger Sommerzeit“ – sogar mehr Touristen nach Russland als im Vorjahr.

Zeitumstellung ist inzwischen Wahlkampfthema

 

Der Unmut über die Zeitumstellung wurde in den letzten Wochen sogar Wahlkampfthema. Putins ärgster Gegner ums Präsidentenamt, Michail Prochorow, sagte in seinem Wahlprogramm er sei „gegen Experimente mit Zeitzonen“. Die Partei des Rechtspopulisten Wladimir Schirinowski hat vor kurzem einen Gesetzentwurf ins Parlament eingebracht, um die Winterzeit wieder einzuführen. Sie begründete ihren Vorstoß damit, dass durch die „ewige Sommerzeit“ mehr elektrische Energie verbraucht werde und sie sich negativ auf die Gesundheit der Menschen auswirke. Putin kündigte bereits im Vorfeld an die Rückkehr zur Winterzeit eingehend zu prüfen. Er sagte gegenüber der russischen Nachrichtenagentur Interfax: „Es handelt sich dabei um keinen Fetisch – man kann wieder zur Zeitumstellung zurückkehren, aber lasst es uns ohne Eile tun. Wenn die Mehrheit der Bevölkerung findet es ist besser die Zeit umzustellen, kann man dahin zurückkehren.“ 

Demnach will er unterschiedliche Experten befragen und dann zu einer endgültigen Entscheidung kommen. Interessant ist, dass er dezidiert darauf hingewiesen hat, das Internet in die Debatte mit einzubeziehen. Das Internet hat in den vergangenen Monaten durch die Anti-Putin-Demonstrationen enormen Aufschwung bekommen, weil sich vor allem dort der Widerstand gegen Putin formiert und organisiert hat.

Lange Zeit hat der russische Ministerpräsident die Macht der Internetgemeinschaft – und auch die von Bloggern wie Alexej Nawalny – unterschätzt. Jetzt will Putin deutlich machen, dass er aus seinen Fehlern gelernt habe. 

Das Thema der Zeitumstellung wurde 2011 in den russischen Medien heiß diskutiert, inzwischen hat sich die Debatte aber deutlich abgekühlt. Durch den Wahlkampf wird das Thema erneut nach oben gespült – ob es allerdings nach der Präsidentschaftswahl am 4. März noch auf der Agenda stehen wird, ist unklar. Schließlich gab es bereits zahlreiche Äußerungen nach dem Motto: „Hat Russland denn keine anderen Probleme?“ 

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