Fälschungsvorwürfe, aber kaum Beweise

Reportage vom Wahltag in Woronesch

Blauer Himmel, leichter Frost und weiße Straßen – meine Nachbarin füttert draußen ihre Katzenschar und warnt mich: „Geh nicht ohne Mütze aus dem Haus, im Frühling erkältet man sich nur.“ Es ist Wahlsonntag in Woronesch und alles wirkt so friedlich in der provinziellen Millionenstadt. Auf dem Weg ins Stadtzentrum blicke ich zum verdreckten Busfenster hinaus und auf einmal empfinde ich Sympathie für Putin. Ich mag Russland so wie es ist, Woronesch ist schön, warum und wie soll es sich denn verändern? Ich fahre am Platz vorbei, wo vor einer Woche noch die Demonstrationen für saubere Wahlen und gegen Putin waren. Tut man dem Mann aus der Arbeiterfamilie nicht unrecht? Ich erinnere mich an die menschendeln Bilder aus einer Reportage des deutschen Fernsehens: „Ich, Putin“. Und ich denke daran, wer außer ihm zur Wahl steht: ein Populist, ein Möchtegern-Kommunist, ein Oligarch, ein Niemand.

Die Bilder der Kandidaten sehe ich im Wahllokal 14/10 in der Karl-Marx-Straße im Zentrum Woroneschs: drei bärtige Alte, ein verschlagen blickender junger Mann und Putin. Mitten im Raum steht eine durchsichtige Urne. Die meisten Wähler machen sich nicht die Mühe ihren Abstimmungszettel zu falten. Während sie das A4-Blatt an einer Ecke festhalten und den Schlitz der Urne anvisieren, sieht man wo das Kreuz gemacht wurde. Im Vorraum des Wahlraumes verkauft eine Frau Gebäck, Süßigkeiten und Brötchen, eine Tradition aus der Sowjetunion. Früher habe es in den Wahllokalen Produkte zu kaufen gegeben, die man sonst nicht in den Regalen fand. Heute ist das nichts Besonderes, es gibt in Woronesch überall alles zu kaufen.

Im Wahllokal lümmeln ein paar Polizisten neben dem Eingang herum. Keine Kontrollen, kein Aufsehen, auch wenn Unbefugte wie ich ins Wahllokal kommen. „Die Polizisten verhalten sich wie Gemüse“, sagt Wahlbeobachter Dmitrij Noskow von der Partei Gerechtes Russland. Er meint damit, dass sie nicht bereit sind sich um den Wahlprozess zu kümmern und auf Wahlverstöße nicht eingehen. Noskow weiß nicht recht, ob er es gut oder schlecht finden soll. Im Dezember kontrollierte man die Ausweise der Beobachter in den Wahllokalen streng, manche wurden hinausgeworfen. Jetzt ist Provokation out. Vielleicht ist das die intelligentere Manipulation.

„Welcher Beobachter fährt mit zu den Hausabstimmungen?“, fragt einer der Wahlbeobachter im Wahllokal. Für Menschen, die ihre Wohnungen nicht mehr verlassen können, gibt es einen Stimmzettel-Abholservice. Dazu bringt ein Wahlhelfer mobile Wahlurnen zu ihnen. In einem Dorf bei Woronesch konnte ein Wahlhelfer die mobilen Wahlurnen nicht begleiten, weil neben dem Fahrer und dem Wahlhelfer auf dem Traktor kein Platz mehr gewesen sei, berichtet Grigorij Frolow vom Wahlbeobachtungsstab. In Woronesch seien mobile Wahlurnen zur Hintertür von Wahllokalen hinaus transportiert worden, ohne Begleitung eines Wahlbeobachters. Beweise, dass gefälschte Wahlzettel in die Urnen gesteckt wurden, haben die Beobachter keine.

„Die Wahlfälschungen sind in Woronesch systematischer abgelaufen als im Dezember“, behauptet Beobachter Noskow. Er hat gesehen wie drei Kleinbusse mit Menschen bei einem Wahllokal ankamen. Die Insassen sagten ihm, sie haben 500 Rubel für die Putin-Stimme bekommen. In der Lokalzeitung ist nachzulesen, welche Firmen ihre Angestellten in Bussen zu welchen Wahllokalen gefahren haben. Bezeichnend ist, dass nur in 25 von 1679 Woronescher Wahllokalen keine Webcams zugelassen wurden, alle sind Krankenhäuser oder Einrichtungen des Militärs, wo erfahrungsgemäß eine große Mehrheit für Putin zustande kommt.

Den Wahlbeobachtern steigen die Tränen nicht in die Augen, als sie am Wahlabend im Büro den Auftritt Putins in Moskau im Fernsehen sehen. Sie wollen nicht so sein wie Putin, auch wenn sie für den Moment tief gerührt sind: Hoffnungslosigkeit. „Es gibt jetzt nichts mehr, warum wir enthusiastisch sein können“, sagt ein Wahlbeobachter. Im Dezember seien die Leute von den Wahllokalen zurückgekommen und die Putin-Partei hatte viele Stimmen verloren. Das war ein Erfolg, die Oppositionellen spürten Sinn in ihrer Arbeit. Jetzt spüren sie Resignation: „Die Leute haben für Putin gestimmt.“ 

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