Junger Wahlbeobachter geht in die Politik

Im Wahllokal 2997 in Schukino. Foto: Moritz Gathmann

Im Wahllokal 2997 in Schukino. Foto: Moritz Gathmann

Am Montag nach den Wahlen herrscht bei vielen Russen, die auf Wandel gehofft hatten, Katerstimmung. Nicht bei Max Katz: Der 27-Jährige feiert seinen Sieg.

Als alles klar ist gegen acht Uhr am Montagmorgen, torkelt ein todmüder und glücklicher Max Katz, Kandidat bei den Bezirkswahlen im Moskauer Stadtteil Schukino, aus der Bezirkswahlkommission, twittert „Ich bin zu 90 Prozent sicher, dass ich es geschafft hab“, fährt mit dem Lift in den zehnten Stock eines neuen Wohnhauses im Nordosten der Stadt und legt sich ins Bett.

Die meisten seiner Freunde schlafen schon längst und haben den Sonntagabend eher als Albtraum erlebt: Als ein Moderator im staatlichen Fernsehen nach 18 Uhr die ersten Hochrechnungen vorträgt, wird zur Sicherheit, was viele ahnten, aber nicht wahrhaben wollten. 64 Prozent für Wladimir Putin. Bis 2018 wird er als Präsident ihre Geschicke lenken.

Mehr als 24 Stunden zuvor: Es ist noch dunkel, als Katz den ersten Schritt auf seinem Marsch durch die Institutionen tut. „Mein Name ist Max Katz, ich bin 27 Jahre alt. Am 4. März werden die Wahlen in den Bezirksrat von Schukino stattfinden. Das ist ein völlig sinnloses Organ, es verfügt über keinerlei Vollmachten“, hatte er auf seinem Flugblatt geschrieben.

„Alle rieten mir, dass ich so wie die Übrigen Versprechungen machen soll: Dass ich korrupte Beamte bestrafen, die Kosten für Gas und Wasser senken werde. Aber ich wollte ehrlich sein“, sagt Katz, während er seinen schwarzen Opel durch die vollgeparkten Hinterhöfe des Stadtteils Tuschino lenkt. Rund um die neuen Hochgeschosser stehen sehr viele Autos: Der Stadtteil gilt als wohlhabend, Mittelschicht, viele junge Leute.

Das Auftreten des 27-Jährigen erinnert an Joschka Fischer in Turnschuhen im deutschen Bundestag vor drei Jahrzehnten: Jeans, blauer Pullover mit Norwegermuster, Kapuzenjacke. Katz hat sein Geld vor allem mit Pokern im Internet verdient, er ist russischer Pokermeister und auch international ein gefürchteter Spieler.

Ein russischer Joschka

Der Kontrast zu den üblichen Politikern, aber auch den Vorsitzenden in den Wahllokalen, könnte größer nicht sein. Hier die Wahlkommission, ältere Schuldirektorinnen in Kostümen und mit Steckfrisuren, die Männer in grauen Anzügen und ernsten Mienen, die sich mit Vor- und Vatername anreden: „Galina Wiktorowna“ sagen sie und „Pawel Michajlowitsch“. Und dort die 
25-Jährigen in Jeans und Turnschuhen, die auf den Sofas vor Gummibäumen und staubigen rosa Vorhängen sitzen und ihre Beobachtungen auf Twitter und Facebook posten. Die meisten von ihnen sind zum ersten Mal Wahlbeobachter.

Der Wandel von unten

Allerdings glaubt schon am Nachmittag kaum einer daran, dass Putin in die zweite Wahlrunde muss. Nicht nach einem Wahlkampf, in dem er jeden Tag stundenlang über den Bildschirm flimmerte und in dem mit Wladimir Jawlinskij der einzige wirkliche Oppositionskandidat aus dem Rennen geworfen wurde. Deshalb kandidiert Katz auch für den Bezirksrat: Es ist der Anfang eines Wandels von ganz unten.

Es war irgendwann nach den ersten Demonstrationen im Dezember, als Katz einen Aufruf der oppositionellen Jabloko-Partei zu den 
Bezirksratswahlen las. „Eigentlich wollte ich erst mit 35 in irgendeiner kleineren russischen Stadt Bürgermeister werden und dann meine städtebaulichen Pläne ausprobieren“, erzählt Katz. Er gehöre ja gar nicht zu den „frustrierten Städtern“, als welche die Protestler von den Medien gerne identifiziert werden. „Ich bin eigentlich ganz zufrieden“, sagt er.

In ganz Russland registriert die Wahlbeobachterorganisation Golos am Sonntag Verletzungen des Wahlrechts: Über 2500 sind es am Ende, besonders oft sogenannte „Karussells“: Wähler werden mit Bussen von Wahllokal zu Wahllokal gekarrt und stimmen gleich mehrfach ab, in einigen Fällen für Geld, wie ein Video im 
Internet beweist. Die russische Zentrale Wahlkommission, deren Leiter Wladimir Tschurow seit Jahren die Wahlsiege von Putin und Einiges Russland absegnet, beschwichtigt allerdings: Bisher seien gut 500 offizielle Beschwerden bei ihnen eingegangen, die natürlich genau überprüft würden. Üblicherweise, so auch nach den Duma-Wahlen, wird der Großteil der Beschwerden am Ende zurückgewiesen.

An den Metrostationen rund um den Roten Platz stehen am frühen Abend Hunderte Menschen, in den Durchgängen, auf der Straße. Etwa die Hälfte sind junge Studenten, der Rest ältere, ärmlich gekleidete Russen. „Wir spazieren hier nur“, antwortet eine Russin und wendet sich ab, aber die meisten reden offen darüber, dass sie als bezahlte Statisten eingeladen sind: „Für irgendein Konzert zahlt man uns 400 Rubel“, sagt ein junger Student, der mit zwei Freundinnen da ist. Die einen bekommen 400, andere 300 Rubel, also sieben bis zehn Euro. Angemeldet haben sie sich über die Seite stud.ru, auf der Studentenjobs aller Art angeboten werden. „Alle, die sich bei Andrej angemeldet haben, kommen mit mir mit“, ruft ein junger Mann mit kurz geschorenen Haaren. Dutzende Menschen drängen sich hinter ihm die Treppe hinauf. Wer er ist? „Ein Brigadier“, bäfft er zurück. Mehr ist aus ihm nicht herauszubekommen.

Inzwischen ist es dunkel geworden in Schukino, um sechs Uhr haben die Wahllokale geschlossen, die Wahl ist aus, und Max Katz ist ins Wahllokal 2997 zurückgekehrt. „Hier wollen die 
irgendein Ding drehen“, vermutet er, es gab schon am Morgen Probleme. Denn neben den sechs unabhängigen Wahlbeobachtern, allesamt ziemlich milchgesichtige junge Russen, stehen nun sechs bullige Typen in schwarzen 
Anzügen, die sich als Beobachter ausgeben aber eher an Türsteher erinnern. Irgendwann fangen sie an, Katz zu filmen, einer zeigt ihm den Stinkefinger. Katz bleibt ruhig. Es bleibt nicht die letzte Provokation: Der Wahlleiter und sein Stellvertreter schreien bei jeder Gelegenheit hysterisch, irgendwann gelingt es ihnen, das einzige unabhängige Mitglied der Wahlkommission auszuschließen. Die Männer in den schwarzen Anzügen versuchen, Katz und seine Beobachter mit allen Mitteln zu provozieren. Die Wahlbeobachter reagieren damit, eine Beschwerde nach der anderen zu schreiben. Am Ende verlassen die Männer in Schwarz das Wahllokal und fahren in einer Maybach-Limousine davon. „Es könnte sein, dass wir sie an Wahlfälschungen 
gehindert haben“, sagt Katz. Gegen zwei Uhr nachts sind die Stimmen zur Präsidentschaftswahl gezählt: 52 Prozent für Putin in diesem Wahllokal. „Das kann ich nicht glauben“, flüstert eine junge Wahlbeobachterin, den Tränen nah.

Den Tränen nah steht Wladimir Putin an diesem Abend auf dem Manegenplatz vor dem Kreml: „Wir haben gesiegt“, erklärt er von der Bühne herab und bedankt sich bei Zehntausenden, die vor ihm „Putin, Putin“ skandieren. Und es sind darunter Hunderte, die zehn Euro kosten.

Und Max Katz? Hat´s geschafft: Von den insgesamt 16 Kandidaten bekommt er am Ende die drittmeisten Stimmen und zieht als eines von fünf Mitgliedern in den Bezirksrat ein. Der erste Schritt ist getan.

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