Die russischen Streitkräfte

Foto: Kommersant

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Kurz vor den Präsidentschaftswahlen hatte Wladimir Putin in der „Rossijskaja gaseta“ einen programmatischen Artikel veröffentlicht, der für die nächsten zehn Jahre eine kräftige Erhöhung der Militärausgaben verheißt. Neue ballistische Interkontinentalraketen, U-Boote, Kriegsschiffe, Flugzeuge und Panzer für die Rekordsumme von insgesamt rund 580 Milliarden Euro sollen angeschafft werden. Damit trat der Premier Befürchtungen entgegen, dass die Verteidigungsausgaben zurückgehen und die Verteidigungsfähigkeit leiden könnten. Doch ist damit alles in Butter? Wie steht es vor allem mit der Moral der Truppe? Eine Reportage von der Basis.

In Russland gilt eine allgemeine Wehrpflicht von zwölf Monaten für Männer zwischen 18 und 27 Jahren, die rund ein Drittel eines Jahrgangs erwischt. In seinem Militärprogramm zeigte sich Putin zur Abschaffung der Wehrpflicht sehr zurückhaltend. Sein Mitwettbewerber Michail Prochorow forderte hingegen ein Ende des obligatorischen Wehrdienstes bis 2015, weil er weiß, dass die Wehrpflicht ein gesellschaftliches Problem darstellt: Vielen jungen Russen im Musterungsalter von 16, 17 oder 18 Jahren treibt die Vorstellung, der Armee zu dienen, den Angstschweiß auf die Stirne.

Deswegen sinnen sie auf immer neue Wege, um dem verhassten Wehrdienst zu entgehen. Zu sowjetischen Zeiten war ein vier Jahre langer Militärdienst Pflicht. Die Russische Föderation liberalisierte kürzte den Wehrdienst schrittweise von zunächst zwei Jahren auf achtzehn Monate bis auf die heutige Dauer von einem Jahr.

Zuletzt wurden einige Ausnahmeregelungen abgeschafft, unter anderem auch die, nach der Väter von Kindern unter drei Jahren von der Wehrpflicht befreit waren. Ein Uneingeweihter mag sich fragen, was denn so Schlimmes daran sein könnte, zwölf Monate lang dem Vaterland zu dienen. Die vier Jahre, in denen ich in der Armee gedient und mit Kumples meines Alters zu tun hatte, haben jedoch mein Weltbild über den Wehrdienst in Russland verändert.

Einer meiner Freunde aus der Hafenstadt Cholmsk auf der Insel Sachalin, nennen wir ihn Alexej, hat geschlagene sechs Jahre versucht, sich der Einberufung in die Armee zu entziehen. Der Grund war einfach: Sein älterer Bruder Maxim hatte zwei Jahre Militärdienst im äußersten Osten Russlands in der Stadt Magadan absolviert. Das war für ihn die Hölle! Alexej erzählte mir, wie das System der sogenannten Dedowtschina seinen Bruder kleingemacht hat, wie er die ersten sechs Monate lang ununterbrochen schikaniert wurde. Dafür muss man wissen, dass das "System der Großväter" sich als zweifelhafte Tradition aus dem Zarenreich gehalten hat, wobei die Älteren die neueingezogenen Rekruten systematisch drangsalieren und quälen. Maxim wurden während seines Wehrdienstes zwei Zähne ausgeschlagen. Er behauptete, dass seine Peiniger vorzeitig aus dem Gefängnis entlassene Schwerverbrecher waren, um die Truppenstärke in einem der finstersten Winkel Russlands aufzufüllen. Maxims Vorgesetzter soll ihn immer wieder ermahnt haben, sich zusammenzureißen und ansonsten seine Klappe zu halten. „Kartoffeln schälen, auf dem Villenbau für einen General malochen oder den ganzen Tag strammstehen - das habe ich geschafft“, sagte er, „aber die körperlichen und seelischen Qualen haben mich fast in den Wahnsinn getrieben.“ 

Ein Mitschüler von Maxim mit „guten Beziehungen“ saß hingegen seinen zweijährigen Wehrdienst beim Grenzschutz nur ein paar Hundert Kilometer von seiner Heimatstadt auf der linken Backe ab. Dort war er dafür zuständig, Beschäftigten der Ölindustrie Passierscheine für eine Sicherheitszone auszustellen und abzustempeln. Nach dem, was sein Bruder ihm berichtet hatte, war Alexej entschlossen, sich nicht den gleichen Gefahren auszusetzen. Er hatte partout keine Lust auf solche “Torturen”, wie sein Bruder sie erlitten hatte.

Doch wie sollte er es anstellen, um an einen Job bei einem der multinationalen Ölkonzerne auf Sachalin zu kommen, der sehr gut bezahlt wurde? Denn dafür braucht man die Quittung über den abgeleisteten Dienst in der Armee. Also verdiente er bereits während des Studiums als Freelancer mit Übersetzungen,verlängerte seine Studentenzeit durch ein Postgraduiertenstudium und legte Geld beiseite. Als er schließlich genug gespart hatte, machte er sich auf den Weg und floh ins Ausland. In Moldawien und Thailand schlug er sich mit illegalen Jobs durch, bis er einen Tag nach seinem 27. Geburtstag nach Russland zurückkehren konnte. "Erst da fühlte ich mich sicher vor den Fängen des Wehrdienstes." Blieb nur der Personalausweis. Er musste sich einen neun, "sauberen" besorgen. Aber er hatte noch genug Rücklagen, um die Behörde zu schmieren. 


Andere Freunde von Alexej fanden noch andere Wege, sich dem Wehrdienst zu entziehen. „Einer zahlte einem Mitarbeiter des medizinischen Dienstes der Armee 5000 US-Dollar für ein Attest, das ihm Dienstuntauglichkeit bescheinigte“, erzählt Alexej mit einem sarkastischen Lächeln. 


Michail, ein anderer junger Mann, gelang es ebenfalls, ohne Dienst sein 27. Lebensjahr zu erreichen. Doch er  brauchte nicht einmal eine einzige Kopeke. Der begabte Sportler, der regelmäßig an Skiwettkämpfen teilnahm, verletzte sich an der Schulter, als er einen neuen Kunstsprung ausprobierte. Bei der späteren Musterung - seine Verletzung war schon lange auskuriert - legte er seine Befunde vor, die den Unfall und die Folgen dokumentierten. Das reichte, um ihm den Wehrdienst im fernen Tschukotka zu ersparen. In einer Zeit, in der die Reichen und Einflussreichen in Russland dafür sorgen, dass ihre Söhne vom Militärdienst verschont bleiben, stößt einem die Ignoranz, mit der die lokalen Größen die Armee loben, richtig auf den Magen: So flötete kürzlich ein Provinzfürst auf einer Abiturfeier, dass das Land starke junge Männer brauche, die seine Grenzen schützten. Die Jungen sollten sich auf den Dienst freuen, denn er sei gar nicht so schlimm, wie man ihm oft nachsage... Mein Freund Alexej flüsterte mir dabei leise ins Ohr, dass genau dieser Politiker selbst nie gedient und es auch noch hinbekommen hatte, dass seine eigenen Söhne vom Militärdienst befreit waren!


Es scheint so, dass Putin, wenn er in den kommenden Jahren seine Militärreform umsetzen will, nicht nur ein moderneres Waffenarsenal braucht, sondern vor allem eine Reform des Militärdienstes.

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