Schokolade bis zum Abwinken

DJ Dima Schabelnikow. Foto: Kathrin Aldenhoff

DJ Dima Schabelnikow. Foto: Kathrin Aldenhoff

Moskau ist die Stadt, die niemals schläft. Sie ist für ihre teuren Clubs bekannt, in die nur reingelassen wird, wer genug Geld hat oder danach aussieht. Doch als besonders alternativ gilt die Ausgehszene der russischen Hauptstadt nicht. Wir haben den deutschen DJ Chris Helmbrecht, der vor allem in Moskaus Nobelclubs auflegt, und Dima Schabelnikow, der sich selbst als Nischen-DJ bezeichnet, im Club Propaganda zu einem Gespräch getroffen.

Moskau ist berühmt für die Clubs der Schönen und Reichen. Aber gibt es auch so etwas wie eine Subkultur im Nachtleben?


Dima: Es gibt Clubs, in denen es nicht darum geht, gesehen zu werden, sondern darum, Spaß zu haben, etwas zu trinken und vielleicht jemanden für die Nacht zu finden.

Chris: Das Propaganda zum Beispiel, das ist ein Ort um Spaß zu haben und ein Mädchen zu finden, oder für Mädchen, von einem Typen gefunden zu werden. Das ist das Spiel. Ich mag den Club, die Musik ist gut, die Auswahl der DJs ist gut.

Dima: In den 90er Jahren war der Club richtig groß.

Chris: Als ich vor acht Jahren nach Moskau kam, begann ich, Partys auf Baustellen und in Fabrikhallen zu organisieren. Aber das wurde zu groß, zu gefährlich, wir bekamen Probleme mit der Polizei. Schließlich organisierten wir in den angesagten Posh-Clubs Partys, um Geld zu verdienen. Heute lege ich noch einmal im Monat im Soho Rooms auf. Aber ehrlich gesagt verstehe ich nicht, was die Leute da jedes Wochenende wollen, wofür sie so viel Geld ausgeben.

Dima: Man muss unterscheiden zwischen Clubs, wo Leute nur hingehen, weil sie reich sind oder vorgeben, reich zu sein. Und den Clubs, wo die Gäste wegen der Musik hingehen. In Moskau gibt es mehr Orte der ersten, als der zweiten Kategorie.

Wie wird ein Club in Moskau zu einem In-Club?

Chris: Es hat immer mit einer harten Tür zu tun. Je schwerer es ist, reinzukommen, desto populärer wird der Club.

Könnt ihr ein paar Tipps geben, wie man am Türsteher vorbeikommt?

Chris: Schwierig. Erstmal musst du einen Club finden, in den du passt. Es macht keinen Sinn ins Sohos zu gehen, wenn du nicht das Geld hast, dort ein Getränk zu kaufen. Wenn du als Ausländer dort bist und nicht genug Kohle hast, schauen dich die Frauen dort nicht mal an. Die reichen Russen geben sehr viel Geld für die Mädchen aus, in dieser Nacht und am nächsten Tag.

Dima: Bei solchen Clubs klappt auch mein Trick nicht. Normalerweise mache ich dieses Gesicht, schwer zu beschreiben… Ich sehe ungewöhnlich aus, mit diesem Bart: nicht besonders russisch, auch nicht wie ein Ausländer, irgendetwas dazwischen. Ein komisch angezogener Typ, den man schlecht in eine Schublade stecken kann.

Chris: Wenn du selbstsicher bist, hast du schon gewonnen. Wenn du an der Schlange vorbeigehst und dich so verhältst, als ob du einer der besten Kumpel des Türstehers wärst, dann kommst du zu 50 Prozent rein. Die Türsteher sehen 500 Leute am Abend, die erinnern sich nicht an jeden.

Warum gibt es in Moskau so wenig coole Clubs?

Chris: Weil man damit kein Geld macht! Aber Moskau hat Potenzial. Ein Freund von mir meinte mal, die Russen wären wie Kinder, die vor einem Schokoladengeschäft stehen, und sie kommen nicht rein. Und auf einmal geht die Tür auf, sie können zur Schokolade und stopfen sich damit voll, bis sie krank sind.

Dima: Und dann merken sie dass es nichts anderes auf der Welt gibt, außer Schokolade.

Chris: Nein, eben nicht! Sie werden der Schokolade überdrüssig und wollen etwas anderes. Was Besseres. In den Regionen ist das zum Teil schon so, in Wladiwostok, in Krasnojarsk …

Dima: Moskau fehlt die Club-Tradition, die es zum Beispiel in Berlin gibt. Da gehen die Leute seit Jahrzehnten in solche Clubs, in Moskau hat das erst vor 20 Jahren angefangen.

Wenn ihr auflegt, interessiert es die Leute überhaupt, was ihr spielt?

Dima: Ich spiele nur, was ich mag. Und mir ist es wichtig, dass es auch die Leute mögen, normalerweise kommen sie ja deswegen. Klar gibt es immer ein paar Gäste, die zufällig da sind und natürlich sind immer welche da, die zu mir kommen und fragen, ob ich Lady Gaga habe.

Spielst du das dann?

Dima: Ich habe es nicht!

Chris:  Viele denken, ein DJ ist eine Jukebox.

Dima: Ja, und sie bieten einem sogar Geld an.

Chris: Das ist mir schon ein paar Mal passiert. Sie bezahlen mich.

Damit du Lady Gaga spielst?

Chris: Normalerweise wollen sie Musik aus den 90ern. Sie geben mir 1000 Rubel, damit ich Roxette spiele.

Dima: Ich akzeptiere so etwas nie.

Chris: Naja weißt du, das sind immerhin 1000 Rubel (lacht).

Ihr redet die ganze Zeit über Geld …

Chris: Ja, das ist eben Moskau!

Dima: (zeigt auf Chris) Das ist seine Schuld!

Chris: Ja, ich bin eben ein Kapitalist.

Dima, du willst Elektro-Swing in Moskau bekannt machen. Wie läuft es?

Dima: Es ist eine halbe Erfolgsgeschichte. Es gibt eine kleine Gruppe, sagen wir 100 bis 150 Leute, die diese Musik mögen. Aber das ist nichts im Vergleich zu Paris, wo ich vor 600 Leuten gespielt habe.

Chris: Ich versuche auch gerade etwas neues, lege Freitags vor nur 20 Leuten im Paparazzi auf. Ich persönlich denke, diese Musik wird das nächste große Ding.

Dima: Was ist das?

Chris: Es ist so neu, dass es noch nicht mal einen Namen dafür gibt. Manche nennen es Underground-Pop, andere Slow-House, andere New Disco. Es ist tanzbare Musik.

Dima: Auch die Balkan-Beat-Partys laufen hier recht gut.

Chris: Wir haben Balkan-Beats schon bei unseren Sohos-Partys gespielt. Wir hatten eine russische Live-Band und sogar die Oligarchen haben getanzt. Wir hatten diesen Pool auf der Terrasse und einer der Oligarchen wollte zur Band, um sie zu umarmen. Aber der Pool war zwischen ihm und der Band, und er war so betrunken, dass er in den Pool fiel. Mit seinem Anzug. Es war Februar, also minus 20 Grad draußen.

Macht euch eure Arbeit Spaß?

Dima: Manchmal gibt dir das Auflegen sehr viel zurück. Ich erinnere mich an einen Abend, da machte ich eine Elektro-Swing-Party im Masterskaja, und ein Mädchen weinend kam auf mich zu und sagte: „Diesen Song, den du da gerade aufgelegt hast, den hat mir mein Vater immer vorgespielt als ich klein war.“ Das war ein Jazzstück und sie war völlig überwältigt.

Chris: Es ist schon toll wenn du einen Popsong auflegst, und tausend Leute fangen an zu hüpfen. Bei YMCA zum Beispiel! Ein Clubbesitzer erklärte mir mal, dieser Song würde in Russland auf keinen Fall funktionieren, weil es ein Schwulen-Song ist. Aber du solltest mal sehen wie die Russen auf YMCA abgehen!

Was kann man in Moskau erleben, was man in keiner anderen Stadt erleben kann?

Chris: In den Moskauer Clubs herrscht eine ganz spezielle Stimmung. Ich denke das hängt mit der Menge an Alkohol zusammen, die die Leute trinken (lacht). Als ich einmal in München im P1 war und an der Bar ein Mädchen angesprochen habe, ob ich ihr einen Drink ausgeben kann, meinte sie, ich solle mich verpissen, sie könne sich ihren Drink selbst kaufen. Das würde in Moskau nie passieren. Es ist sehr leicht hier, Leute kennenzulernen. Nach zwei Uhr morgens sind alle Freunde

Dima: Aber es gibt auch sehr viel Gewalt.

Chris: Nicht in den Clubs, in die ich gehe. Ich weiß nicht, wo du hingehst.

Dima: Vielleicht eher hinter verschlossenen Türen.

Chris: Mag sein. Ehrlich gesagt, hat mich aber genau das an Moskau überrascht. An anderen Orten habe ich viel öfter erlebt, dass Leute gewalttätig und aggressiv werden. Es gibt einen Club, dessen Inhaber der Chef der Moskauer Polizei ist. Und die Leute nehmen dort Drogen. Die Frage, die sich mir stellt, ist, wie kann ein Polizist einen Club besitzen.

Ihr seid beide 40, wie lange wollt ihr euren Job noch weitermachen?

Dima: In Großbritannien gibt es einen DJ, der ist schon 70. Also wenn der das kann …

Chris: Ich kenne auch einen in dem Alter.

Ihr werdet also hinter dem DJ-Pult sterben.

Dima: Das wäre nicht das Schlechteste.

Das Interview führten Kathrin Aldenhoff und Diana Laarz

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