Das Russland-Paradox

Der Anfang russischer Demokratie: Boris Jelzin und Michail Gorbatschow im Jahr 1991. Foto:  ITAR TASS

Der Anfang russischer Demokratie: Boris Jelzin und Michail Gorbatschow im Jahr 1991. Foto: ITAR TASS

Die Griechen haben die Demokratie erfunden, sagt man. Aber niemand liebt sie so wie die Russen. Das klingt paradox. Hat das Volk doch wenig Erfahrung mit dieser Staatsform und ist umso vertrauter mit autoritären Regierungen verschiedener Ausprägung. Davon sind wir aufgeklärten Westler überzeugt. Aber liebt man nicht am stärksten das, was fern ist?

Wenn man im Russischen sagt, eine Person sei „demokratisch“, dann bedeutet das nicht etwa, dass dieser Mensch sich besonders sorgfältig an demokratische Spielregeln hält. Es handelt sich vielmehr um ein hohes Lob. Eines, das sagen will, die Person sei umgänglich, bescheiden und willens, andere Meinungen gelten zu lassen. Also das Gegenteil von einem eingebildeten, autoritären Einfaltspinsel. Wenn Russen so demokratiefeindlich wären, wie man es ihnen im Westen gerne unterstellt, dann wäre eine so positive Nebenbedeutung des Begriffs „demokratisch“ doch verwunderlich.

In Westen lebende Russen überraschen die einheimische Bevölkerung oft mit spitzen Anmerkungen darüber, was in ihrem Gastland alles nicht vereinbar sei mit demokratischen Prinzipien. Bürokratie aller Art, soziale Ungerechtigkeit, Leistungsdruck im Beruf, unfreundliches Verhalten von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, gebrochene Wahlversprechen, Lücken im Gesetz – alles undemokratisch. Wenn der westliche Gesprächspartner dann darauf verweist, dass solche Probleme auch in Russland nicht unbekannt seien, dann heißt es „Ja, bei uns! Aber ihr wollt doch eine richtige Demokratie sein.“

Demokratie, das ist „so arbeiten, wie bei uns, und so viel verdienen, wie im Westen“. Dieses Zitat aus einer Straßenumfrage erlangte in der Umbruchzeit zwischen Gorbatschow und Jelzin in Russland einige Berühmtheit. Es bringt auf den Punkt, was Demokratie für die Russen bedeutet. Keine Formalie, kein reines Procedere, sondern ein Wunschtraum: absolute Freiheit, absolute Gerechtigkeit, ein Leben ohne Sorgen, kurz, das Paradies. Alles, was diesem Idealzustand nicht entspricht, ist keine richtige Demokratie. Also aus russischer Sicht eigentlich gar keine. Und weil die holde Göttin namens Demokratie nicht zu haben ist, werfen sich ihre glühendsten Verehrer aus lauter Enttäuschung der gestrengen Domina Diktatur in die Arme.

Damit erklärt sich auch die kritische Sicht auf die real existierende Demokratie des Westens. Die rührt nicht daher, dass Russen eine angeborene Vorliebe für die berühmte „starke Hand“ hätten. Nein, aber eine authentische Autokratie ist ihnen eben doch lieber als eine schlechte Kopie des Ideals. Erstere kann man wenigstens guten Gewissens verachten. Letztere müsste man als Kavalier vielleicht doch irgendwie halbherzig verteidigen. Und so reitet man lieber auf den Mängeln des westlichen Systems herum und beweist immer wieder aufs Neue, dass die selbsternannten Verehrer der großen alten Dame aus Griechenland nicht würdig sind, ihr den Rocksaum zu küssen. Die Russen behaupten ja, wir im Westen seien oberflächliche Heuchler, die von Werten nur reden aber sie nicht leben. Aber das ist natürlich nur ein bösartiges Klischee…