Alle Bücher in einem Reader

Die Nase im Rechner: Unterricht an der Pilotschule in Kaliningrad. Foto: Pressebild

Die Nase im Rechner: Unterricht an der Pilotschule in Kaliningrad. Foto: Pressebild

Auf dem freien Markt hinkte Plastic Logic lange Firmen wie Apple und Amazon hinterher. Jetzt soll der Que proReader seine Vorteile in russischen Schulen unter Beweis stellen.

Mehr als zehn Jahre lang versuchte die britische Firma Plastic Logic, ihre Technologien in bare Münze zu verwandeln, aber stets blieb sie einen Schritt hinter der Konkurrenz zurück: Zuletzt stellte sie die Produktion ihres Que proReaders ein, weil das iBook von Apple und der Kindle von Amazon den Markt schon besetzt hatten.

Es stand Ende 2010 nicht gut um Plastic Logic. Das Geld der Investoren (fast 350 Millionen Euro) war aufgebraucht, und der Que proReader mit seinem biegsamen Kunststoffdisplay war vorerst gescheitert. Als Retter trat im Januar 2011 die staatliche russische Innovationsagentur Rusnano auf, die fast die Hälfte der Aktien erwarb.

Strapazierfähig für Kinder

Die Russen glaubten an den Erfolg der Kunststoffelektronik: Ihr wesentlicher Vorteil liegt darin, dass damit Reader mit stoßfesten Sensordisplays und einer Diagonale von über zehn Zoll hergestellt werden können, während konventionelle Glasdisplays zerbrechlich und schwerer sind.

Die Investitionen von Rusnano in das Stammkapital liegen bei 100 Millionen Euro, dazu kommen 35 Millionen in Form einer Kreditgarantie. Die Weiterentwicklung des Que Readers wurde vorläufig ausgesetzt. Ein Forscherteam sollte bestimmen, wie und wo dessen Technologien angewandt werden konnten, damit die Wissenschaftler ihr Produkt erproben konnten und es sich wenigstens teilweise bezahlt machte. Eine abgewandelte Version des Que proReaders soll nun in russischen Schulen beweisen, dass er mehr kann als ein iBook oder ein Kindle.

Das Bildungsministerium machte allerdings technische Voraussetzungen zur Bedingung, die weit unter den Anforderungen des Konsummarkts lagen. Der Schülerreader sollte vor allem strapazierfähig - und über einen gewöhnlichen Computer hinaus updatefähig sein. Ferner durften keine eigenen Inhalte installierbar sein.

Kurzum: Der Plastic Logic 100 ist ein E-Bookreader mit Lesezeichen- und Notizbuchfunktion. Das Gerät ist etwa so groß wie ein DIN-A4-Blatt, nur vier Millimeter dick und äußerst leicht. Bedient wird es durch Berühren der Oberfläche mit dem Finger.

Anwendung in der Praxis

„Die Kinder sind total begeistert! Sie mögen das Spielerische, die Möglichkeit, Bemerkungen direkt ins Buch hineinzuschreiben. Ich glaube, dass elektronische Lehrbücher mit der Zeit die klassischen Papierschulbücher ablösen werden“, sagt Irina Rubzowa, Mathematiklehrerin am Lyzeum Nr. 18 im Gebiet Kaliningrad. An ihrer Schule wird mit dem Plastic Logic 100 experimentiert, seit einem halben Jahr sind ihre Sechstklässler auf Touchscreen umgestiegen.

„Es kam schon vor, dass die Kinder sich die Reader gegenseitig an den Kopf schlugen, sie fallen ließen oder Wasser auf sie schütteten. Aber nur einmal stürzte ein Gerät ab und musste neu gestartet werden. Und es blieb kein Defekt zurück“, sagt Rubzowa. Einen großen Vorteil des elektronischen Buches sieht die Lehrerin auch darin, dass es mit seinen 475 Gramm das komplette Schulbuchsortiment von der ersten bis zur elften Klasse aufnehmen kann und sich die Schüler nicht mehr an ihren kiloschweren Schulranzen abschleppen müssen.

Nach den Plänen der Regierung sollen die russischen Schüler die E-Reader umsonst erhalten, finanziert wird das Programm vom Staat. Momentan befindet sich das Projekt in der Testphase. Sollte sich der E-Reader als tauglich erweisen, wird der Großteil der russischen Schulen innerhalb der nächsten drei bis fünf Jahre damit ausgestattet.

Momentan kostet der Reader rund 280 Euro, der Hersteller gewährt zwei Jahre Garantie, die Lebensdauer sei theoretisch unbegrenzt. Dabei geht es mehr um die Minimierung gesundheitlicher Risiken bei Schülern als um die positiven Effekte für die Lernmittelfreiheit: In Russland kosten die Schulbücher erheblich weniger als in Europa. Für die europäischen Märkte wäre das Gerät aber vor allem durch seinen relativ geringen Preis attraktiv. In Deutschland könnte es den Schulbuchmarkt wegen 
der hohen Druckkosten von Print-
Medien aufrollen. Allerdings 
ist zu erwarten, dass die Verlage auch für die elektronische Ver
sion ihrer Bücher ihren Preis verlangen werden.

Hoffnung auf den Durchbruch

Durch die Teilnahme am Regierungsprogramm will Plastic Logic Mittel für die weitere Entwicklung sammeln. Derzeit gibt es in Russland 13 Millionen Schüler. Würde jeder einzelne mit einem Reader ausgestattet werden, könnte die Firma rund vier Milliarden Euro einnehmen – ein Siebenfaches dessen, was sie seit Unternehmensgründung verbuchen konnte.

Ein leichtes Spiel wird es für die Briten dennoch nicht, denn parallel zu ihnen erprobt die Konkurrenz ihre eigenen Reader 
in der Praxis: das PocketBook 902, Intel ClassMate und JetBook Color – das erste Tablet mit buntem 
E-Ink-Display.

Jelena Schipilowa schreibt für das Wirtschaftsmagazin RBC