Spitzenforscher im Porträit

Mit dem „Megagrant“-Programm will Russland seine Wissenschaftler zurückholen. Foto: PhotoXpress

Mit dem „Megagrant“-Programm will Russland seine Wissenschaftler zurückholen. Foto: PhotoXpress

Mit dem „Megagrant“-Programm will Russland seine Wissenschaftler zurückholen. Wir stellen Ihnen drei Spitzenforscher vor, die auf diese Weise den Weg in die Heimat angetreten haben.

Bereits das zweite Jahr in Folge hat das Ministerium für Bildung und Wissenschaft der Russischen Föderation den Wettbewerb „Megagrant“ für weltweit forschende namhafte Wissenschaftler ausgeschrieben. Die organisatorische Basis dieses Förderprogramms bilden die Nationalen Forschungsuniversitäten des Landes sowie Wissenschaftszentren und Forschungslabors mit Weltniveau. Bei den vergebenen „Megagrants“ handelt es sich um die am höchsten dotierten wissenschaftlichen Förderpreise der jüngeren Vergangenheit in Russland. Die „Streckung“ der Ausschreibung auf zwei Vergaberunden ist im Grunde Engpässen bei der Finanzierung geschuldet, immerhin erhält jeder Preisträger bis zu 150 Millionen Rubel (ca. 3,5 Millionen Euro). Insgesamt stellt der Staatshaushalt für die Sieger der zweiten Runde 5,5 Milliarden Rubel bereit.

Im Reglement der Ausschreibung gab es keinerlei Beschränkungen in Bezug auf die Staatsbürgerschaft der Bewerber. Die wichtigste Vorgabe lautete, dass der geförderte Wissenschaftler – parallel zu seiner Arbeit im jeweiligen Herkunftsland – an einer russischen Partnerhochschule eine Forschungsgruppe bzw. ein Forschungslabor aufbauen, deren wissenschaftliche Aktivitäten persönlich leiten und sich dazu mindestens vier Monate in Russland aufhalten muss. Die Projekte an den russischen Partnereinrichtungen werden bis zu zwei Jahre lang gefördert und danach eigenständig fortgeführt. Unter insgesamt 517 Bewerbungen wurden 39 Projekte ausgewählt. 22 Preisträger stammen aus Russland, arbeiten heute jedoch in Forschungseinrichtungen im Ausland, zehn geförderte Wissenschaftler sind ihrer Staatsbürgerschaft nach Amerikaner, sechs Franzosen und vier Deutsche.

Um was für Wissenschaftler handelt es sich? Welche Erwartungen verbinden sie mit ihrer Teilnahme am Wettbewerb um die „Megagrants“? Wollen sie in Russland bleiben?

Vladimir Spokoiny


Vladimir Spokoiny wurde in Moskau geboren und durchlief das sowjetische universitäre Bildungssystem. Seine Dissertation verteidigte er an der Fakultät für Mechanik und Mathematik der Staatlichen Lomonossow-Universität Moskau. Zu Beginn der 1990er Jahr verließ Spokoiny Russland in der Hoffnung, im Ausland genug Geld für den Lebensunterhalt seiner Familie zu verdienen, was in der UdSSR schwierig war.


Alter
: 58 Jahre

Fachrichtung: Mathematik

Festanstellung: Professor für Mathematik und Ökonomie an der Berliner Humboldt-Universität, Leiter einer Forschungsgruppe am Weierstraß-Institut für Angewandte Analysis und Stochastik

Partnerhochschule in Russland: Institut für Physik und Technologie Moskau

Er ging zunächst nach Frankreich, dann nach Deutschland, wo er vom wissenschaftlichen Mitarbeiter zum Universitätsprofessor und Forschungsgruppenleiter aufstieg. 

„Hätte man mich vor einem halben Jahr gefragt, ob ich an eine Rückkehr nach Russland denke, wäre meine Antwort ein kategorisches Nein gewesen. Weshalb sollte ich zurückkehren? Ich habe eine exzellente Arbeit, drei meiner sechs Kinder sind in Deutschland geboren und besuchen dort Gymnasien, die drei älteren studieren an deutschen Universitäten. Natürlich versuchen wir, den Kontakt zur russischen Kultur nicht zu verlieren, trotzdem sind die Kinder bereits mehr Deutsche. Mit der Familie nach Russland zurückzugehen, kommt deshalb praktisch nicht in Frage“, räumt Spokoiny ein. Doch die Perspektiven der Wissenschaft in Russland sind ihm nicht gleichgültig und er nutzt gern die Chance, zu ihrer Weiterentwicklung beizutragen. „Das Megagrant-Programm stellt eine interessante Initiative dar. Schade, dass der Förderzeitraum so kurz ist. In zwei Jahren kann man in der Wissenschaft nichts Abgeschlossenes schaffen“, erklärt der Mathematiker.

Vladimir Spokoinys Betätigungsfeld sind stochastische Zukunftsprognosen – diese mathematischen Grundlagen kommen beispielsweise in der Klimaforschung oder in der Finanzwirtschaft zum Einsatz. „Uns kontaktieren Experten aus den unterschiedlichsten Bereichen, die Probleme mit der Bearbeitung gigantischer Mengen komplex strukturierter Daten haben“, erklärt der Wissenschaftler. Spokoiny möchte am Moskauer Institut für Physik und Technologie die russlandweit erste Forschungsgruppe für die Modellierung derartiger Prognosen aufbauen. Das Wichtigste dabei – die Zusammenstellung des Forscherteams – ist bereits vollbracht. In vielen Fällen kehren die Wissenschaftler für die Mitarbeit an Spokoinys Projekt wie er selbst aus dem Ausland zurück. Jetzt geht es noch darum, Studenten und Doktoranden zu gewinnen, was bei einem so außergewöhnlichen, sicher finanzierten Projekt und angesichts der Tatsache, dass es zahllose arbeitslose Physiker gibt, kaum ein Problem sein dürfte.

Yulia Kovas


Yulia Kovas schloss 1996 ihr Studium an der Philologischen Fakultät der Staatlichen Pädagogischen Herzen-Universität in St. Petersburg ab. Sie ging nach London, betrieb psychologische sowie neuropsychologische Studien und habilitierte mit einer Untersuchung zur Verhaltensgenetik.

Die Zuerkennung eines „Megagrants“ der russischen Regierung veranlasst Kovas nicht, für immer nach Russland zurückzukehren. Die Psychologin erklärt vielmehr, sie lebe jetzt in London

Fachrichtung: Psychologie

Festanstellung: Dozentin am Goldsmiths College der Universität London, Direktorin des InLab, einer interdisziplinären Forschungseinheit, die individuelle Unterschiede in der Lernfähigkeit untersucht. Daneben leitet Dr. Yulia Kovas auch die Russisch-britische Arbeitsgruppe für Psychogenetik am Psychologischen Institut der Bildungsakademie der Russischen Föderation.

Partnerhochschule in Russland: Staatliche Universität Tomsk

  und habe eine feste Anstellung am Goldsmiths College. Als Yulia Kovas jedoch von der „Megagrant“-Ausschreibung erfuhr, sah sie darin die einmalige Chance, ihre interdisziplinären Erfahrungen mit maximalem Nutzen anzuwenden. „Meiner Ansicht nach geht es bei dieser Förderung darum, die russische  Wissenschaft in die internationale Forschungsgemeinschaft zu integrieren. Ich habe vor, mit dem Labor für Kognitionsforschung und Verhaltensgenetik an der Universität Tomsk lange zusammenzuarbeiten, nicht nur die nächsten zwei Jahre. Um in Russland zu forschen, muss man aber nicht unbedingt dort leben.“

Das von Yulia Kovas für den „Megagrant“-Wettbewerb eingereichte Projekt setzt sich zum Ziel, Unterschiede in der mathematischen Befähigung von Menschen verschiedenen Alters zu untersuchen. Die Wissenschaftlerin ist überzeugt: Je höher die mathematische Bildung in einem Land, desto besser funktioniert die Gesellschaft, umso erfolgreicher gestaltet sich der technologische Fortschritt. Im Rahmen ihrer Forschungstätigkeit in Tomsk plant Kovas weiterhin die Erstellung eines Zwillingsregisters für Zwillingspaare unter den Schülern der 54 000 Schulen Russlands, da diese Datenbasis weiterführende Studien ermöglicht. „In London bearbeite ich ein außerordentlich umfangreiches Projekt, an dem Tausende Zwillinge teilnehmen. Wir wollen versuchen, in Russland eine analoge Untersuchung durchzuführen“, umreißt Yulia Kovas ihre Absichten.

Alexey Kavokin

Nachdem der Physiker Alexey Kavokin 1993 am Leningrader Joffe-Institut für Physik und Technologie promoviert hatte, nahm er wenige Jahre später Arbeitsangebote aus dem Ausland an. Kavokin ging zunächst an die Blaise Pascal Universität im französischen Clermont-Ferrand, wo er eine feste Professorenstelle erhielt und der jüngste Professor Frankreichs wurde. 2005 übersiedelte Alexey Kavokin nach Großbritannien.

„Ich könnte zurückkehren, um in Russland zu arbeiten, wenn mir eine Festanstellung

Alter: 41 Jahre

Fachgebiet: Physik

Festanstellung: Professor an der Universität Southampton in Großbritannien, Leiter des Lehrstuhls für Nanophysik und Phototronik

Partnerhochschule in Russland: Staatliche Universität St. Petersburg

 und den internationalen Standards entsprechende Bedingungen geboten würden. Aber ein derartiges Angebot werde ich in nächster Zukunft wohl kaum erhalten, denn in Russland sind die Bezüge für Wissenschaftler noch niedrig“, konstatiert Kavokin. Der Prozess, russische Wissenschaftler aus dem Ausland zurückzuholen, kommt seiner Ansicht nach zu langsam voran. Allerdings sei das „Megagrant“-Programm ein ernsthafter Schritt, damit sich Russland auf dem globalen intellektuellen Markt etablieren und seine Wissenschaftler im Lande halten könne.

„Wer in Russland promoviert, erhält danach eine Anstellung als wissenschaftlicher Mitarbeiter oder Lehrer im Hochschuldienst, damit ist sein Aufstieg beendet, er sitzt lebenslang auf dieser Stelle fest. International gibt es seit Jahrzehnten die Institution der Post-Doktoranden oder kurz: Postdocs. Nach der Verteidigung ihrer Dissertation gehen sie für einige Jahre an ein anderes Institut, häufig ins Ausland, um dort weiter zu forschen. Der Begriff des Postdoc existiert in Russland nicht, wir werden uns dafür einsetzen, dass etwas Vergleichbares praktiziert wird“, erläutert Kavokin.

„Ich befasse mich mit der Wechselwirkung von Licht und Materie in Kristallen. Eine Frage, die wir zu lösen versuchen, kann man folgendermaßen auf den Punkt bringen: Wie lässt sich erreichen, dass Licht beim Passieren eines Glasfaserkabels im Vergleich zu heute das Zehntausendfache an Information überträgt?“

An der Staatlichen Universität St. Petersburg wird Alexey Kavokin das weltweit erste Experimentallabor zur Erforschung der Ausbreitung von Spinströmen aufbauen. Eine zukunftsträchtige Forschungsrichtung, gibt es seit Kurzem doch die Hypothese, dass elektrischer Strom zumindest in Kommunikationssystemen vollständig durch den weitaus vorteilhafteren Spinstrom ersetzt werden kann. „Ich möchte die aktivsten jungen Experten, die in Russland oder auch im Ausland auf diesem Gebiet arbeiten, in meiner Forschungsgruppe vereinen. Ich hoffe auf den großen Durchbruch - im Grunde ist das der Weg zu einer neuen wissenschaftlich-technischen Revolution. Doch beim Aufbau des Labors gilt es einige bürokratische Hürden zu überwinden“, konstatiert der Physiker bedauernd.

Auf der Grundlage von Material der Zeitschrift „Bolschoi gorod“ (www.bg.ru) sowie der Online-Ausgabe „Gaseta.ru“ (www.gazeta.ru).

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