Lapta ist Kult

Ein russisches Lapta-Team. Foto: Konstantin Salomatin (Russkij Reporter)

Ein russisches Lapta-Team. Foto: Konstantin Salomatin (Russkij Reporter)

Lapta, das dem Kricket und Baseball ähnelt, gibt es schon seit Jahrhunderten. Ende der 1980er Jahre wurde der traditionelle russische Nationalsport wieder belebt. Jedes Jahr finden Meisterschaften statt.

Wenn man von Kricket spricht, verbindet man das sicher nicht als erstes mit Russland. Das heißt jedoch nicht, dass man hier keine Vorstellung von diesem Spiel hat. Russland hat nämlich seinen eigenen Nationalsport der Kricket und Baseball sehr ähnelt. Lapta. 


Der russischer Schriftsteller Alexander Kuprin übermittelte uns eine lebhafte Beschreibung von Lapta: „Dieses Volksspiel ist eines der interessantesten und nützlichsten Spiele überhaupt. Es erfordert Findigkeit, Kontrolle über den Atmen, Mannschaftsgeist, Wachsamkeit, Geschicklichkeit, Schnelligkeit, Treffsicherheit, kräftige Hände und ein festes Vertrauen in den eigenen Sieg. In ihm gibt es keinen Platz für Faule und Feige”.


Wahrscheinlich wurde Lapta schon vor langer Zeit erfunden. Alte russische Chroniken erwähnen das Spiel. Bälle und Schläger sind an archäologischen Ausgrabungsstätten in Nowgorod, der russischen Hauptstadt in der Zeit vom neunten bis zum zwölften Jahrhundert, gefunden worden. All das lässt vermuten, dass Lapta mindestens ebenso alt ist wie Kricket und garantiert viel älter als Baseball. Unter Peter dem Großen diente es der körperlichen Ertüchtigung seiner Leibgarde. Zwei Jahrhunderte später spielten die Soldaten der Roten Armee Lapta aus demselben Grund. Für die einfachen Leute war es immer eine beliebte Freizeitbeschäftigung.  Sein „Goldenes Zeitalter“ erlebte das Spiel Ende der 1950er Jahre, als es offiziell als eine Sportart anerkannt und Meisterschaften durchgeführt wurden. Sogar im Rahmen der Spartakiade, einer Art nationaler Olympischer Spiele in der damaligen Sowjetunion, wurden Wettkämpfe ausgetragen. Tausende Mannschaften im ganzen Land betrieben den Sport.


Aus irgendeinem Grund jedoch kam seine Entwicklung plötzlich zu einem abrupten Stillstand. Etwa dreißig Jahre lang sprach niemand mehr davon, die offiziellen Sportorganisationen zeigten kein Interesse.

Erst Ende der 1980er Jahre kam Lapta  langsam wieder in Mode. Den Anstoß gab ein Erlass der Regierung zur Entwicklung von Baseball, Softball und Lapta.  Allerdings half die lange Tradition über die das Spiel verfügt auch die kargen Jahre zu überleben. Er musste nicht neu etabliert, sondern einfach nur wiederbelebt werden. Die ersten russischen Lapta-Meisterschaften für Männer fanden 1990 statt und werden seitdem jedes Jahr durchgeführt. 


Heute spielen mindestens 10.000 Sportler in Russland Lapta mehr oder weniger regelmäßig. Das sind natürlich viel weniger als die, die sich mit Fußball, Hockey, Tennis, Biathlon, Boxen oder anderen populären Sportarten beschäftigen. Anders als diese „Importe“ wird Lapta jedoch als ein bedeutender Nationalsport wahrgenommen – erfunden in Russland und nicht von anderswo importiert.


Wie wird Lapta gespielt? Lapta ist ein Mannschaftssport mit sechs Spielern in jeder Mannschaft. Ein Spiel dauert 2 x 30 Minuten. Das rechteckige Spielfeld ist 70 Meter lang und 35 Meter breit. An beiden Stirnseiten wird je eine 15 Meter tiefe Basis, die Heimbasis abgetrennt. 2,5 Meter vor der Heimbasis der jeweiligen Mannschaft wird  innerhalb des Spielfeldes noch eine kleine Line einzeichnen, die so genannte Vorbasis. 


Neben dem Spielfeld benötigt man einen etwa sechzig Gramm schweren Tennisball und einen Holzschläger. Dem 60-110 cm langen, im Durchmesser vier Zentimeter breiten und etwa anderthalb Kilogramm schweren Schläger verdankt der Sport seinen Namen. Lapta bedeutet übersetzt nämlich soviel wie Schlagholz. 


Beim Lapta geht es darum, möglichst viele Punkte zu erzielen. Ein Punkt wird einem gutgeschrieben, wenn man von seiner Heimbasis zur gegenüberliegenden Basis und wieder zurück gelaufen ist und beim Lauf außerhalb der Basen nicht vom gegnerischen Team abgeworfen wird. 


Nachdem der Kampfrichter durch Auslosung ermittelt hat, wer zuerst schlägt, nehmen die Spieler ihre Positionen ein. Die verteidigende Mannschaft geht zum Feld, während der Schlagmann in der Vorbasis steht. Ein Mannschaftskamerad wirft dem Schlagmann einen Ball zu, der kräftig und genau geschlagen werden muss. Sobald der Ball abgeschlagen wurde, stürmen die Spieler der schlagenden Mannschaft mit dem Ziel vorwärts, die Kon-Linie (Mittellinie) zu erreichen und zurück zur Heimatbasis zu laufen, während der Ball noch im Spiel ist. Bei Erfolg erhält jeder Spieler zwei Punkte für seine Mannschaft. 


Die Feldspieler können ihren Gegnern einen Lauf wegnehmen, indem Läufer mit dem Ball abgeworfen werden. Nachdem er einen Gegenspieler getroffen hat, muss der Spieler hinter die Grundlinie oder an die Heimatbasis rennen, ohne selbst getroffen zu werden. Beide Mannschaften können einander abwerfen, solange irgendein Spieler außerhalb der Grundlinie oder Heimatbasis bleibt. Wenn ein Feldspieler den Ball fängt, während dieser in der Luft ist, bekommt die Mannschaft einen Lauf zugesprochen. 


Sobald in einer Mannschaft weniger als vier Spieler verbleiben, hat diese Mannschaft das Spiel automatisch verloren. Fouls werden durch gelbe Karten bestraft, während wiederholte Fouls, unnötige Härte und Prügeleien auf dem Feld mit einer roten Karte geahndet werden. 


Lapta ist ein Sport, der das ganze Jahr über gespielt werden kann. Im Winter werden die Feldlinien auf dem fest getrampelten Schnee gezeichnet. Hallen-Lapta wird auf einem kleineren Feld mit bestimmten Regelanpassungen gespielt, da der Ball von den Wänden und der Decke zurückspringen kann. Das macht das Spiel jedoch nicht weniger attraktiv für die Zuschauer. Sie können mir glauben: Eine Lapta-Meisterschaft ist garantiert mindestens so aufregend wie ein Kricketspiel!

Fotos:  Konstantin Salomatin (Russkij Reporter)

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