Das Auf und Ab der russischen Jungbörsianer

Börsianer, Bohrmeister, Babuschkas: Minderheitsaktionäre auf der Jahresversammlung des russischen Energieriesen Gazprom. Foto: Pressebild

Börsianer, Bohrmeister, Babuschkas: Minderheitsaktionäre auf der Jahresversammlung des russischen Energieriesen Gazprom. Foto: Pressebild

Anfang der 1990er entdeckten die Russen den Aktienmarkt. Zwei Jahrzehnte danach gibt es jedoch weniger als ein Prozent börsenaktiver Kleinanleger - aus gutem Grund.

Das Auf und Ab der russischen Jungbörsianer

Das Jahr 2011 war für den russischen Otto Normalaktionär kein gutes: Der Börsenindex fiel um 19 Prozent, unterm Strich bilanzierte lediglich ein Fünftel der Investmentfonds einen Gewinn. Gleichzeitig aber nahm die Zahl der Privatanleger, die selbstständig auf dem Fondsmarkt handeln, zum Jahresende 2011 zu: nach Angaben der fusionierten MICEX-RTS-Börsen um 9,3 Prozent. 

In absoluten Zahlen gibt es aber nur 780 000 russische Anleger, weniger als ein Prozent der Bevölkerung. Zum Vergleich: In der Bundesrepublik sind es laut dem Deutschen Aktieninstitut über acht Millionen, auf den Bevölkerungsanteil hochgerechnet zehnmal so viel wie in Russland. Verglichen mit anderen Ländern steht Russland noch schlechter da: So halten 25 Prozent der Amerikaner und 27 Prozent aller Japaner Aktien, in Australien sind es 37 Prozent.


Neues Gelddenken


Nur allmählich entwickeln Russen den Geschmack am Börsenroulette - obwohl bereits 1992 begründet, blieb der Börsenmarkt jahrzehntelang professionellen Brokern überlassen. Als einen der Hauptgründe nennt Denis Strebkow, Dozent an der Staatlichen Hochschule für Ökonomie, das „Fehlen einer elementaren Finanzkultur bei den Bürgern Russlands als einen der Bestandteile der marktwirtschaftlichen Kultur überhaupt“.


In den 90ern hätten die potenziellen Anleger kein Vertrauen in die Finanzinstrumente gehabt und nicht verstanden, wie auf dem Aktienmarkt Gewinne generiert werden. Wertpapiere waren für sie ein Ersatz für Bankkonten.


Das Bild änderte sich vor knapp zehn Jahren, als Privatanleger aktiv auf den russischen Fondsmarkt drängten. Der Wohlstand nahm zu, die Bürger suchten neben Immobilien effizientere Wege zur Vermögensbildung. Zu diesem Zeitpunkt war die Kapitalisierung der russischen Aktienbörsen stabil gewachsen, Investment- und Brokergesellschaften schossen plötzlich wie die Pilze aus dem Boden.


Gleichzeitig änderte sich auch die mentale Einstellung der Gesellschaft, für die zu Sowjetzeiten ein Hang zum Staatspaternalismus und die Unfähigkeit zur Selbstverwaltung typisch war. „Es bildete sich ein neuer bürgerlicher Persönlichkeitstypus heraus, für den Geld der Maßstab für Glück, Freiheit und Erfolg war“, erklärt Strebkow.


Mutige Anleger nach der Krise


Es entstand eine Bevölkerungsschicht, die selbstständig an der Börse spekulierte - mit einem etwas ungewöhnlichen Ansatz. Während ein Deutscher über offene Investmentfonds Aktien zeichnet und erst mit der Erfahrung mutiger wird, wagten die russischen Kleinanleger sich nach dem Finanzkollaps 1998 gleich an den selbstständigen Handel mit Wertpapieren. Es blieb ein überschaubarer Kreis von Halbprofis, die dank Internetzugang ein gutes Taschengeld dazuverdienten. Ihr Ziel wurden die Futures auf die Aktienindizes der beiden Börsen RTS und MICEX. Mithilfe kurzfristiger Spekulationen über Brokersoftware vermehrten Privatanleger ihr Startkapital um ein Vielfaches.


Bis zur Krise im Jahr 2008 schütteten die Anteilfonds Gewinne aus, die Inflation und Sparzinsen um das bis zu Zehnfache übertrafen. Renditen von 30 Prozent galten in Branchen wie der Petrochemie, der Metallurgie und dem Bankenwesen als gering. Dieser Trend wurde durch die Krisenjahre 2008 und 2011, als die russischen Privatanleger bis zu 50 Prozent des Kapitals verloren, durchbrochen.


Während der Krisen ließ der Run auf den Fondsmarkt nach. Die hohe Volatilität des russischen Marktes aufgrund seiner Abhängigkeit von den Rohstoffpreisen und europäischen und amerikanischen Börsen machte die Privatanleger vorsichtiger.

Heute ist das Bild zwiespältig: Laut dem Börsenportal Investfunds.ru überschritt im ersten Halbjahr 2011 das Nettovolumen der in offene Investmentfonds akquirierten Mittel 5,8 Milliarden Rubel – das Dreifache des Vorjahreswerts. Doch im August ließen die Fondsmärkte stark nach und entwerteten das über Jahre angehäufte Vermögen. MICEX-RTS gibt an, dass die Anzahl der Privatkunden zwar deutlich zugenommen, deren Aktivität jedoch nachgelassen habe: 96 000 Russen führten 2011 mehr als einen aktiven Deal durch - gegenüber 104 000 im Vorjahr. 


Alternative zur Bank?


Analysten sind sich einig, dass der russische Fondsmarkt für Privatanleger die beste Alternative zum Sparkonto ist. Allerdings ist der Markt der offenen Investmentfonds in Russland noch recht klein. Der Leiter der Analyseabteilung der Bank Otkrytije, Wladimir Sawwow, gibt zu bedenken: „Der Gesamtwert der Nettoaktiva aller offenen Investmentfonds beträgt 0,5 Billionen Rubel (12,5 Milliarden Euro), was im Vergleich zu den zehn Billionen auf den Bankkonten sehr wenig ist.“ 


Die Entwicklungsstrategie der Regierung für den Finanzmarkt Russlands bis 2020 sieht ein Anwachsen der Privatanleger auf 20 Millionen vor. Vor Kurzem hat jedoch der Rechnungshof dieses Vorhaben der Liste unrealisierbarer Projekte zugeordnet, weil die Aktivität der Anleger, einschließlich der Privatanleger, zu gering sei. „Wenn es zu keiner weiteren Wirtschaftskrise kommt, werden wir, realistisch betrachtet, mit vier bis fünf Millionen rechnen können“, glaubt Wladislaw Kotschetkow, Präsident der Investmentgesellschaft FINAM.

Kursschwankungen statt Dividenden

Kursschwankungen statt Dividenden

Zurzeit hat der russische Privatanleger zwei Möglichkeiten, am Aktienmarkt zu handeln: Entweder er vertraut sein Geld der Verwaltung eines kollektiven, offenen Investmentfonds an (wofür bereits ein paar tausend Rubel ausreichen), oder er wird zum eigenen Schmied seines Glücks und eröffnet ein Konto bei einem Börsenhändler.

Zusätzlich kann man sein Geld auch über eine Treuhand arbeiten lassen – diese ähneln einem offenen Investmentfonds, sind aber auf die individuellen Bedürfnisse des Anlegers zugeschnitten. Man hat die Möglichkeit, Entscheidungen bezüglich der Anlage zu treffen, sowohl mithilfe eines persönlichen Managers als auch eines Analystenteams. Die „Eintrittskarte“ ist allerdings hoch: Sie beträgt einige Millionen Rubel.

Als die Fondsmanager und Broker
gesellschaften im letzten Jahrzehnt diese Goldader entdeckten, begann ein Kampf um Privatkunden. Die einen führten Lehrgänge für ihre Klienten durch, andere kreierten massenhaft Investmentprodukte, die für Menschen entwickelt wurden, die vom Fondsmarkt keinerlei Ahnung hatten.

Im Unterschied zu Aktienmärkten wie in Deutschland, auf denen Anleger ihre Wertpapiere in erster Linie wegen der Dividende kaufen, setzen die russischen Spekulanten mit ihren Investitionen im Wesentlichen darauf, Gewinne durch Kursschwankungen einzustreichen. Der größte Teil der russischen Aktiengesellschaften zahlt seine Dividenden nur in unregelmäßigen Abständen, ihre Höhe ist relativ unbedeutend.

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