Über das Verhältnis von Russen und Deutschen

Wladimir M. Grinin ist seit 2010 russischer Botschafter in Deutschland. Foto: Pressebild

Wladimir M. Grinin ist seit 2010 russischer Botschafter in Deutschland. Foto: Pressebild

Exklusivinterview von «Russland HEUTE» mit Wladimir M. Grinin, russischer Botschafter in Deutschland.

Herr Botschafter, über 3 Millionen Menschen kamen aus Russland und anderen Staaten der früheren Sowjetunion nach Deutschland. Die russische Sprache ist ihre gemeinsame Wurzel. Wie sind sie Ihrer Meinung nach in Deutschland integriert?


Wir finden, die russischsprachigen Bürger sind relativ gut in die deutsche Gesellschaft integriert. Die meisten beherrschen Deutsch und finden sich mit den hiesigen Regeln und Traditionen ganz gut zurecht. Dies bedeutet jedoch nicht, dass es keine Probleme gäbe. Da hapert es noch bei der  Anerkennung im Ausland erworbener Abschlüsse und Diplome durch deutsche Behörden, bei der Vermittlung der russischen Sprache oder bei der Anerkennung und Anrechnung von in der Sowjetunion erworbenen Anwartschaften auf Renten für Kriegsveteranen. Unsere "Landsleute" in Deutschland sind bemüht, diese Probleme aus eigener Kraft zu lösen. So nimmt die Zahl der von ihnen gegründeten bilingualen Kindertagesstätten und Schulen zu. Es werden jede Menge Integrationsprojekte auf bundesweiter Ebene initiiert, beispielsweise Veranstaltungen von Künstler- und Musikensembles. Die russischsprachige Diaspora in Deutschland wird unserer Einschätzung nach immer reifer, selbstbewusster und beginnt sich zu konsolidieren.

 

Wir – ich spreche von Botschaft, Generalkonsulat und dem Russischen Haus in Berlin – unterstützen unsere "Landsleute" aktiv. Nicht nur deshalb, weil etwas mehr als halbe Million von ihnen russische Staatsbürger sind. Sondern weil wir eine moralische und politische Verantwortung für alle fühlen, die aus unserem Land stammen oder mit ihm kulturell und geistig verbunden sind. 


Ein typisches Beispiel dafür waren die Wahlen zur Duma, dem Parlament der Russischen Föderation, oder die Präsidentschaftswahl in Russland im März dieses Jahres. 

Wir haben dafür gesorgt, dass sich unsere Bürger, die ihren vorübergehenden oder ständigen Wohnsitz in Deutschland haben, daran aktiv beteiligen konnten. Etwa 22 Tausend Wahlberechtigte haben bei den Präsidentschaftswahlen ihre Stimme abgegeben, zweieinhalbmal soviel wie bei den Dumawahlen.

Darin ist zu sehen, dass es unseren Mitbürgern, die sich im Ausland, insbesondere in Deutschland aufhalten, nicht gleichgültig ist, wie sich ihr Heimatland entwickelt. Sonst versuchen wir die Verbundenheit zwischen unserem Land und unseren Landsleuten auf allen Gebieten zu fördern, wobei wir den Schwerpunkt auf die Verteidigung ihrer Rechte und Interessen sowie die Bewahrung ihrer ethno-kulturellen Identität legen, wozu auch die russische Sprache gehört. 

 

So haben wir zum Beispiel im vergangenen Jahr einen Runden Tisch zur Integration russischsprachiger Jugendlicher in Deutschland und zu Problemen der Berufsausbildung durchgeführt. Auch zum Problem der russischen Sprache in Deutschland haben wir eine Konferenz veranstaltet. Unsere Landsleute können vieles zur Annäherung unserer beiden Länder beitragen.

 

Wo Deutschland uns bei der Umgestaltung unserer Volkswirtschaft unterstützt, könnten auch unsere ehemaligen Mitbürger, die dafür ein Interesse und Fähigkeiten haben, in diesen Prozess einbezogen werden. In diesem Zusammenhang möchte ich an eine im November vergangenen Jahres in Berlin organisierte öffentliche Diskussion erinnern. Sie beschäftigte sich mit dem potenziellen Beitrag von Landsleuten zu der Modernisierung Russlands und war ein voller Erfolg. 

 

Nach dem Russisch-Deutschen Jahr der Bildung, Wissenschaft und Innovation 2011/12 wurde das Jahr 2012/13 zum Russlandjahr in Deutschland bzw. Deutschlandjahr in Russland ausgerufen. Was können wir erwarten?


Ein ganzes Spektrum von Aktivitäten in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Bildung, Kultur und Innovationen wird die sich kreuzenden Länderjahre begleiten. Einen der Höhepunkte bildet beispielsweise die gemeinsame Ausstellung Russland und Deutschland: 1000 Jahre Geschichte, Kultur und Kunst. Sie wird demnächst im Staatlichen Historischen Museum in Moskau eröffnet und ab Oktober 2012 auch im Neuen Museum in Berlin zu sehen sein. Neben weiteren Großveranstaltungen sei auch das Internationale Kinderforum Diese Welt ist unsere Welt in Hamburg sowie das Internationale Studentenforum in Berlin erwähnt. 

Das Thema Visaerleichterungen im beiderseitigen Reiseverkehr ist ein Dauerbrenner. Wann können sich Deutsche und Russen gegenseitig ohne Visa besuchen?


Die Frage der Reisefreiheit zwischen Russland und der Europäischen Union sollte schnellstmöglich geklärt werden - und sie kann es auch. Für uns hat der Fall der Visapflicht prinzipielle Bedeutung. Eine der letzten Trennlinien zwischen unseren Völkern würde endlich beseitigt. Die Abschaffung der Visapflicht stellt ein berechtigtes Interesse für die meisten Bürger Russlands und der Länder der Europäischen Union dar. Denn die Beibehaltung der Visahürde beeinträchtigt unsere wirtschaftliche Kooperation, den Tourismus, den wissenschaftlichen, kulturellen und Jugendaustausch. Jährlich müssten weiterhin mindestens vier Millionen Bürger Russlands und der Europäischen Union mit unnötigem Aufwand und zusätzlichen Schwierigkeiten bei ihrer Reiselogistik kämpfen und viel Zeit und Geld in die Visabeschaffung investieren.

 

Die Lösung dieses anachronistischen Problems wird davon abhängen, wie schnell und effektiv die sog. Liste der gemeinsamen Schritte umgesetzt werden wird. Diese Liste haben Fachleute beider Seiten für den Übergang zur Visafreiheit ausgearbeitet.  Parallel dazu wird an weiteren Erleichterungen bei der heute gültigen Prozedur der Visaerteilung gearbeitet. Es geht hier um die Erweiterung des Personenkreises und die Visaverlängerung für bestimmte Personengruppen. Angesichts der Aktualität dieser Frage erwarten wir von Deutschland sowie den anderen europäischen Partnern eine entsprechende politische Entschlossenheit im Vorgehen. 

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Die wirtschaftlichen Beziehungen beider Länder wachsen. Über 6000 deutsche Unternehmen sind in Russland aktiv. Wie aber schätzen Sie das Engagement russischer Investoren in Deutschland ein?

 

Deutschland ist einer der bedeutendsten und attraktivsten Märkte für russische Investoren. Dennoch gibt es ein deutliches Ungleichgewicht. Deutschland hat 2011 in Russland ungefähr 29 Milliarden US-Dollar investiert. Demgegenüber machen russische Investitionen in Deutschland nicht einmal eine Milliarde US-Dollar aus. Immerhin ist der Kapitalfluss keine Einbahnstraße mehr. Die Zahl der in Deutschland tätigen russischen Firmen nimmt kontinuierlich zu. Die wichtigste Aufgabe bleibt die Schaffung einer Atmosphäre gegenseitigen Vertrauens - absolute Voraussetzung für einen prosperierenden Wirtschaftsaustausch.

 

Welche Rolle spielt Deutschland in den russisch-europäischen Beziehungen?


Die strategische russisch-deutsche Partnerschaft hat einen großen Einfluss auf Dynamik und Atmosphäre der Zusammenarbeit zwischen Russland und den Ländern Europas in allen nur erdenklichen Bereichen. Vor allem möchte ich an die Partnerschaft für die Modernisierung erinnern, die ursprünglich im bilateralen russisch-deutschen Rahmen entstanden ist und mit der Zeit zu einem Projekt Russland – Europäische Union wurde. In der Außenpolitik bauen wir eine enge Kooperation mit den deutschen Partnern bei internationalen Themen aus, insbesondere zur europäischen Sicherheit. In diesem Kontext möchte ich die russisch-deutsche Initiative zur Einrichtung des Komitees Russland - Europäische Union auf Ministerebene zu Fragen der Außenpolitik und der Sicherheit hervorheben. Sie ist dazu berufen, die Effektivität des Dialogs und der praktischen Zusammenarbeit Russlands und der Europäischen Union bei gesamteuropäischen Angelegenheiten zu erhöhen. Hierzu gehört unter anderem der von Russland vorgelegte Entwurf eines Vertrags zur europäischen Sicherheit sowie die Bildung eines Systems für die Regelung von Konflikten und Krisensituationen, zu deren Lösung Russland und die Europäische Union ihren Beitrag leisten können. Ich hoffe, dass diese Initiative bereits in allernächster Zeit umgesetzt werden wird.

 

Ein enges bilaterales Zusammenwirken unserer Länder unterstützt auch die positive Dynamik der Beziehungen zwischen Russland und der NATO. Ich zitiere gern den deutschen Außenminister Guido Westerwelle, dass die Sicherheit in Europa „nicht gegen, sondern nur mit Russland“ gewährleistet werden kann. Ich möchte darauf hoffen, dass Russland und die NATO-Staaten akzeptable Lösungen bei der Errichtung der Systems der gleichen und unteilbaren Sicherheit im Euro-Atlantischen Raum finden.

 

Ihre diplomatische Karriere begann 1973 in Deutschland. Hat sich Deutschland seitdem verändert?


Um es mit einem Wort zu umreißen: Die Einstellung der Deutschen zu Russland und den Russen hat sich äußerst positiv gewandelt.

 

Russland wird heute als Partner und, seit gar nicht all zu langer Zeit, als strategischer Partner wahrgenommen. Das heißt Russland wird als Land gewürdigt, mit dem man enge Beziehungen und eine enge Zusammenarbeit entwickeln sowie sein Schicksal auf lange Sicht planen kann. Das ist ein gigantischer Durchbruch.

 

Wir sind aber bei weitem noch nicht am Ziel. Es ist noch viel zu machen, um, vor allen Dingen, Vorurteile und Stereotype abzuschaffen, um den Leuten bewusst zu machen, dass der Weg der Vereinigung unserer Kräfte, Ressourcen und Möglichkeiten im europäischen Maßstab alternativlos ist.

 

Denn wir stehen heute vor gemeinsamen Herausforderungen und Gefahren. Und um imstande zu sein, sie zu bewältigen, müssen wir unsere Anstrengungen bündeln, gegenseitiges Vertrauen aufbauen und stets zusammenstehen.

 

 

Das Gespräch führte Lucien Koch.