Mehr als nur ein Bühnenwerk

Tradition trifft Moderne im Münchner Prinzregententheater. Foto: Pressebild

Tradition trifft Moderne im Münchner Prinzregententheater. Foto: Pressebild

Die russische Ballett-Schule wird in der ganzen Welt als eine der stärksten anerkannt. Doch wer denkt, das nur russische Tänzer die Methoden der Ballettpädagogin Agrippina Waganowa nutzen, macht einen Fehler - der russische Ballett-Stil hat auch im Herzen Bayerns seinen Platz gefunden.

Nicht erst seit dem Kinoerfolg „Black Swan“ ist es der Traum vieler junger Mädchen Ballerina zu werden. Der Regisseur Darren Aronofsky stellte in diesem Film die Ballettwelt von ihrer brutalsten Seite dar. Diese Brutalität steht in starkem Kontrast zu den Gefühlen, die das klassische Ballett eigentlich betont: Klarheit, Schönheit und Eleganz. Diese Eleganz war es auch, die den russischen Zar Peter I. im 19. Jahrhundert dazu bewog, das Ballett von Westeuropa nach Russland zu holen. Durch Agrippina Waganowa wurde die russische Ballett-Tradition schließlich zum Exportschlager. Als die angehenden Ballerinen am vergangenen Donnerstag im Prinzregententheater die Premiere der Münchner Ballett-Akademie eröffneten, wurde deutlich, dass der russische Ballett-Stil auch im Herzen Bayerns seinen Platz gefunden hat.

Die Hochschule für Musik und Theater in München ist eine der führenden Einrichtungen weltweit und veranstaltete anlässlich des 25-jährigen Jubiläums ihrer Ballett-Akademie eine einzigartige Veranstaltung. Die Kinder, die Jugendlichen und die Vollstudenten der Akademie sollten zum ersten Mal in der Geschichte der Hochschule gemeinsam auf der Bühne stehen. Ziel dieser Aufführung war es, dass die jungen Tänzer noch während des Studiums erste Eindrücke vor realem und sachkundigem Publikum gewinnen können. Musikalisch unterstützt wurden sie bei ihrem ersten öffentlichen gemeinsamen Auftritt vom Symphonieorchester ihrer Hochschule.

Als schließlich die Lichter der Kronleuchter erloschen und die roten Samtvorhänge beiseite geschoben wurden, war von Aufregung aber keine Spur. Selbstbewusst stolzierten auch die männlichen Tänzer, die Ballerinos auf das Parkett. Man sah den Schülern an, dass sie es genossen, zeigen zu können was sie sich in ihrem monatelangen, harten Training erarbeitet haben. Manche Eltern hatten zunächst Schwierigkeiten, ihre eigenen Kinder auf der Bühne zu erkennen. Die schlanken jungen Frauen die sich in ihren klassischen weißen Tutus und mit den, zu einem strengen Zopf geflochtenen Haaren, in den Saal drängen, wirkten nahezu identisch. Mit fünf unterschiedlichen Choreografien, vom „Symphonie Classique“ bis hin zum „Modern Reset“, übersieht man in dieser sanften und feierlichen Atmosphäre leicht die harte Arbeit und die Anforderungen, die an die Tänzerinnen und Tänzer gestellt werden. Selbst die Kleinsten im Alter von 7 Jahren bewegen sich in dem Großen Saal mit einer solchen spielerischen Leichtigkeit über das Holzparkett, dass man als Teil des Publikums in den langen Zuschauerreihen selbst den Spitzentanz als eine natürliche Bewegung empfindet. Die Ballettausbildung zählt aber nicht umsonst zu den härtesten Ausbildungen der Welt.

Außerordentliche Leistungsfähigkeit und Disziplin sind nötig, um den hohen Anforderungen gerecht zu werden. Die Ausbildung beginnt im Alter von unter 7 Jahren und findet an bis zu 6 Tagen die Woche statt. Die russische Balletttänzerin und Tanzpädagogin Agrippina Waganowa erfand eine Methode, die noch heute der offizielle Leitfaden der Waganowa-Balletakademie in St. Petersburg ist. Der Unterricht an der Ballett-Akademie in München ist nach dieser Waganowa-Methode strukturiert und beruht somit stark auf der russischen Tradition. Eine besondere Stärke der nach dieser Methode ausgebildeten Schüler ist das sogenannte „grand allegro“, ein Soli mit hohen, weiten Sprüngen und virtuosen Pirouetten, die die Ballerinen auch in dieser Vorstellung nicht fehlen ließen. Die russische Balletdirektorin untergliederte den Unterricht in altersgerechte Stufen. Die jungen Schüler und Studenten aus der Vor- und Mittelstufe bewiesen an diesem Abend, dass eine zielgerichtete individuelle Förderung zum Erfolg führt. Durch diese Methodik erhalten die Studenten eine fundierte Ausbildung und eine bis ins Detail sauer ausgearbeitete Technik. Die Waganowa-Methode bildet bis heute den Ausgangspunkt des russischen Balletts und ist international anerkannt. Als Unterrichtsmethode an nahezu allen europäischen Ballett-Schulen ist sie ein Gütesiegel für die Qualität der russischen Ballettausbildung.

Die Vorstellung endet zeitgenössisch mit einem rauschenden Trachtenfest, in der die Tänzerinnen in Dirndl und Lederhosen Shakespeares Balkonszene umstilisierten. Nicht nur die stolzen Eltern im Publikum bestaunten ihre Kleinsten, auch der Rest des voll besetzten Saals war begeistert. Nach der Vorstellung mutmaßten die Zuschauer, welche der Ballerinen es wohl auf die Große Bühne schaffen kann. Fest steht: die disziplinierten jungen Frauen haben Potential und wollen hoch hinaus, sie wollen ihren Traum verwirklichen. Vielleicht wird es eine von ihnen eines Tages sogar schaffen, die Primaballerina aus dem berühmten Bolschoi-Theater in Moskau, Maja Plissezkaja, alt aussehen zu lassen?