Der Traum vom Fliegen

Die Kosmonautin Jelena Serowa. Foto: Roskosmos

Die Kosmonautin Jelena Serowa. Foto: Roskosmos

Am 12. April vor 51 Jahren flog Juri Gagarin als erster Mensch in den Weltraum. Seither wird in Russland am 12. April der Tag der Flug- und Raumfahrt gefeiert. Im Interview spricht die russische Raumfahrerin Jelena Serowa über Juri Gagarin, Angst vor dem Fahrradfahren und Freizeit im All.

Wie kam es, dass Sie unbedingt Kosmonautin werden wollten?

Alles, was irgendwie mit dem Weltall zusammenhängt, hat von frühester Kindheit an meine Phantasie beflügelt. Schon unsere Grundschullehrerin ließ keine Gelegenheit aus, uns das Leben der Kosmonauten nahezubringen. Wir wussten alles über die Helden des Weltalls und ihre Errungenschaften. Einen großen Teil meiner Kindheit und Jugend verbrachte ich außerdem in der Nähe von Militärflugplätzen, mein Vater war nämlich bei der Armee. Diese Jahre haben sicherlich ebenfalls zu meiner späteren Berufswahl beigetragen. Nach meinem Studium am Ordschonikidse Luftfahrtinstitut in Moskau (MAI) bekam ich eine Stelle bei RKK Energija, dem heute größten russischen Raumfahrtkonzern. Damals entschloss ich mich, meine Eignung für die Raumfahrt von der Medizinischen Kommission prüfen zu lassen und mich um die Aufnahme in den Kosmonauten-Corps zu bewerben.

Was bedeutet für Sie der Raumflug von Jurij Gagarin?

Ich bewundere den Mut, die Tapferkeit und den Pioniergeist dieses

Menschen. Schließlich flog er ins Ungewisse. Er wusste nicht, was ihn im All erwartet und ob er überhaupt zurückkehren würde. Damals hat man ja noch gedacht, man könne im Weltall den Verstand verlieren… Jurij Aleksejewitsch Gagarin aber ließ sich nicht von seinem Plan abbringen. Damit ebnete er für unsere Kosmonautengeneration den Weg ins All. Wir wissen, was uns dort erwartet. Jurij Gagarin ist eine Legende.

Natürlich ist der Gagarin-Flug unserem Land und allen, die mit diesem ehrwürdigen Jubiläum verbunden sind, Anlass stolz zu sein. Selbstverständlich hat auch für meine Berufswahl Gagarin eine wichtige Rolle gespielt.  

  

In ein paar Jahren werden Sie vielleicht in den Weltraum fliegen. Haben Sie keine Angst?

Hat ein Kind etwa Angst vom Fahrrad zu fallen, wenn es jahrelang vom Fahrradfahren geträumt hat? Was meine Familie betrifft, so habe ich großes Glück. Sie hat mich immer und ohne Einschränkungen in meinen Vorhaben unterstützt. Meine Mutter betet für mich. Meine kleine Tochter Aljenka ist ein bisschen traurig darüber, dass wir uns länger nicht sehen können, wenn ich im Weltraum bin.

Mit welchen Aufgaben wird man Sie dort betrauen?

Das Aufgabenspektrum eines Kosmonauten ist breit gefächert. An Bord einer ISS gehen jeden Tag über Funk Arbeitsanweisungen für alle Mitglieder der Besatzung ein. Sie sind auf die Minute genau geplant. Derzeit geht es um erstmalig durchgeführte Experimente zur Geophysik und Erforschung des erdnahen Weltraums. Auf der Grundlage der so gewonnenen Daten wird beispielsweise ein System ausgefertigt, um natürliche und technologische Katastrophen in ihrer Entstehung beobachten und prognostizieren zu können. Außerdem stehen verschiedene technische Arbeiten, die Kontrolle und Instandhaltung der in Betrieb befindlichen Bordsysteme auf dem Plan. Schließlich darf auch die Fitness nicht zu kurz kommen, die Kosmonauten sollten täglich mindestens zwei Stunden trainieren.

Wie verbringen die Kosmonauten ihre freie Zeit im All?

In ihrer Freizeit können sie ihre Lieblingsbücher lesen oder Musik hören. Viele entwickeln sich zu echten Kennern der professionellen Fotografie und stellen ihre Werke nach der Rückkehr auf die Erde aus. 

Interessante Fakten:

- Die Entsendung von Frauen in den Weltraum ist billiger als die ihrer männlichen Kollegen: Kosmonautinnen sind kleiner und leichter und das spart Treibstoff, Nahrungsmittel und Sauerstoff.

- Der Aufenthalt im All fällt Frauen leichter als Männern. Ihr Körperbau und das Hormonsystem schützen sie vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Folgen des Weltraumflugs können indessen schwerwiegend sein: Der Knochenabbau schreitet bei Frauen erheblich schneller voran als bei Männern.

- Startet eine Frau mit der Weltraummission, so ist die Crew auch auf längeren Flügen  weniger anfällig für Konflikte. Es ist erwiesen, dass Kosmonautinnen ihren Begleitern gegenüber nachgiebiger sind als männliche Besatzungsmitglieder.

- Von allen Amerikanern, die einen Raumflug auf der russischen „Mir“ unternommen hatten, lebte sich Shennon Lucid am besten ein. Sie war 1996 die „Mama“ der russischen Kosmonauten.

- Frauen und Männer tragen die gleichen Raumanzüge. Sie werden etwa 6-7 Stunden vor dem Start und während des Andock-Manövers angezogen. 

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Zeitschrift Domaschnij Otschag

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