Alles nur gekauft

Bild: Dmitrij Diwin

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Heute ist es in Russland angesagt, Banker, Börsenmakler oder Staatsanwalt zu sein - alles, nur kein Forscher oder Wissenschaftler.

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Ist Russland die Heimat der Talente? Diese Frage stellen mir häufig ausländische Kollegen in den USA, die über die vielen begabten russischen Entwickler und Ingenieure im Westen staunen. 
Einige von ihnen wurden weltberühmt - wie der Google-Mitgründer Sergey Brin oder der PayPal-Erfinder Max Levchin. Allerdings sind Brin wie Levchin keine bewussten Emigranten: Wie viele andere russischstämmige IT-Koryphäen wanderten sie in jungen Jahren aus, auf die Entscheidung ihrer Eltern hin.

Aber es zogen auch Hunderttausende russische Softwareentwickler im Erwachsenenalter in die USA, unter ihnen zum Beispiel die beiden legendären Programmierer Arkady Borkovsky, der das Yandex R&D Center in Kalifornien leitet, und Yevgeny Veselov, Chief Scientist bei Microsoft. Die Firma Parascript, auf Softwareerkennung handschriftlicher Schecks und Postsendungen sowie auf Programme zur Früherkennung von Krebs spezialisiert, besteht bis heute weitgehend aus russischen Ingenieuren, obwohl der Firmensitz in Boulder, Colorado, liegt. 


Ich kenne keine Statistik, die talentierte Migranten nach Herkunftsländern sortieren würde. Auch glaube ich nicht, dass Russland in puncto ingenieurstechnische Begabungen andere Staaten übertrifft. Allerdings habe ich eine Erklärung parat, wie es zu dieser Talentekonzentration in der IT-Branche kommen könnte.


In der Gewalt der Ideologie


Fast über das gesamte 20. Jahrhundert hinweg stand Russland unter dem Regiment einer ideologisierten Diktatur. Jeder, der klug genug war, begriff: Wenn er den Einfluss der Ideologie auf sein Leben minimieren wollte, sollte er seine Laufbahn nicht mit Geschichte, Philosophie, Jura, Literaturwissenschaft oder Politik verbinden, sondern lieber mit einer Naturwissenschaft – Mathematik, Astronomie, Physik oder Chemie, wo der ideologische Druck geringer war. Die Intellektuellen konzentrierten sich daher überwiegend auf dem vergleichsweise 
kleinen Feld der exakten Wissenschaften, was bis heute die Illusion erzeugt, russische Wissenschaftler und Ingenieure seien 
außergewöhnlich begabt. 


Als der wissenschaftliche Kommunismus 1990 endgültig von der Bildfläche verschwand und die Ideologisierung der Wissenschaft endete, stürzte sich die talentierte Jugend ins Geschäftsleben -
 in Gerichte, Banken und Börsen. Die Wissenschaft blutete aus. Dazu trug auch eine für die Forschung tödliche Politik bei, die Bildung und Wissenschaft im Hinblick auf ihre Finanzierung und – noch wichtiger – ihre Wahrnehmung durch die Gesellschaft in eine Grauzone abschob. Heute ist es in Russland angesagt, Banker, Börsenmakler, Staatsanwalt, Gastronom, Fernsehmoderator, Steuerpolizist oder Zollbeamter zu werden alles, nur kein Forscher oder Wissenschaftler. 


Und es fehlen alle Anzeichen dafür, dass die wissenschaftliche Forschung in nächster Zeit gesundet. Und falls doch, wird sie dann noch international gefragt sein?


Diese Frage stellen sich heute russische Forscher, wenn sie ihrer Heimat den Rücken kehren. Ihnen ist klar, dass ihre Möglichkeiten in Russland beschränkt sind. Die rohstofforientierte Wirtschaft macht der Bildung und Wissenschaft den Garaus, genauer gesagt diejenigen, die die gesamte Wirtschaft Russlands auf Öl- und Gasexporte ausgerichtet haben.


Um es in Russland zu etwas zu bringen, müssten die Talentierten auf Schritt und Tritt ihr Gewissen verleugnen und moralische Zugeständnisse machen. Auch die politische Fragwürdigkeit des Landes im Allgemeinen und seine Führungselite im Besonderen macht ihnen zu schaffen, ist die Vertikale des politischen Systems doch dem Wesen nach feudal: Je mehr im Dunstkreis der Macht einer steht, desto größer sind seine Chancen, sein Einfluss und die Wahrscheinlichkeit, daraus Kapital zu schlagen.


Russlands legale Forbes-Milliardäre wie fragliche Superreiche sind allesamt mit der politischen Vertikale verbandelt. Tschulpan Chamatowa, großartige Schauspielerin und Mitinitiatorin der Kinderkrebshilfe Podari Schisn (Schenke Leben) brachte es einmal auf den Punkt: „So, wie man leben sollte, kann man in Russland nicht leben.“


Die Zukunft der russischen IT-Branche steht deswegen auf der Kippe, brauchen die gegenwärtigen Machthaber doch vor allem Spezialisten, die Erdöl pumpen oder Dienste an jenen leisten sollen, die Erdöl pumpen. Alles andere glaubt man kaufen zu können – auch Nachwuchstalente. 


Der Autor, Mathematiker und ehemals leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften, gründete einst mit seinem Bruder Georgi Patschikow den ersten Computerclub Russlands, die Firmen ParaGraph (1989) und Evernote (2005). Heute lebt er in New York.

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